Serie „Helden des Alltags“: Leon Schmalens sammelt wilden Müll

Serie „Helden des Alltags“ : Mit Handschuh und Zange gegen wilden Müll

Aachener Schüler sammelt in seiner Freizeit Müll

Woher die gestreifte Unterhose kommt und warum sie an diesem Tag zusammengeknüllt zwischen parkenden Autos und einem Kinderspielplatz liegt, ist nicht überliefert. Sicher ist nur, wo sie landet – in Leon Schmalens rotem Plastikeimer.

Wenn der Schüler eine gute halbe Stunde später seinen Streifzug durch Aachen-Forst beendet haben wird, wird der Schlüpfer in guter Gesellschaft sein. Gebrauchte Taschentücher, Zigarettenschachteln und Schokoriegelverpackungen werden sich zu dem Fetzen Stoff gesellen – das Übliche halt, das Leon Schmalen an einem normalen Nachmittag vom Straßenrand aufsammelt.

Leon Schmalen ist 16 Jahre alt, besucht die Gesamtschule Brand und beschäftigt sich schon intensiv damit, bei welchem Unternehmen er eine Ausbildung machen will. Ein ganz normaler Teenager eben. Doch gewöhnlich ist das, was er in seiner Freizeit macht, nicht. Immer dann, wenn er eine halbe Stunde Zeit hat und die Sonne scheint, greift er zu Handschuhen, Eimer und Zange und sammelt wilden Müll am Straßenrand. Und das seit Jahren.

Mit Zange und rotem Eimer gegen wilden Müll: Wenn der Schüler Leon Schmalen in seiner Nachbarschaft in Aachen-Forst unterwegs ist, hinterlässt er den Stadtteil immer etwas sauberer als vorher. Foto: Andreas Steindl

„Seit meinem zweiten Lebensjahr interessiere ich mich für Abfallwirtschaft“, sagt Leon. Damals habe er zum ersten Mal die Müllabfuhr gesehen – und sei davon total angetan gewesen. Aus der kindlichen Begeisterung für den großen Müllwagen und die Männer in ihren orangefarbenen Anzügen wurde schnell ein ganz allgemeines Interesse an dem, was in den schweren Tonnen landete – und vor allem daran, wie man die Müllmengen vermeiden kann.

Mit elf oder zwölf Jahren sei er dann zum ersten Mal mit einer leeren Tüte bewaffnet losgestapft – aus Eigeninitiative, animiert habe ihn dazu niemand. „Erst hab ich hier am Spielplatz gesammelt. Dann habe ich meinen Radius vergrößert“, sagt Leon. Mittlerweile ist er etwa zwei bis drei Mal pro Woche unterwegs. Im roten Eimer sind dann zwei Plastiktüten, eine für Plastik, eine für Restmüll. Trennung muss sein. Und wenn er sein Equipment nach getaner Arbeit wieder in der Garage abstellt, ist seine Nachbarschaft etwas sauber als vorher.

Wie viele Tonnen Abfall er schon von der Straße geholt und fachgerecht entsorgt hat, kann Leon kaum abschätzen. „Nach einer Woche habe ich in der Regel zwei bis zweieinhalb Tüten gesammelt, im Monat also etwa zehn“, rechnet er vor. Geht man zurückhaltend gerechnet von einem Fassungsvermögen von etwa zehn Litern pro Tüte aus, dann ergibt das aufs Jahr rund 1200 Liter Abfall. Damit könnte man zehn graue 120-Liter-Tonnen, wie sie häufig in Mehrfamilienhäusern zum Einsatz kommen, füllen. Und das nur mit Abfall, der achtlos auf die Straße geworfen wurde.

Es ist diese Achtlosigkeit, die den 16-Jährigen manchmal ganz schön wütend macht. „Wir sollten uns alle um unsere Erde kümmern“, ist er überzeugt. Dass oft nur wenige Stunden, nachdem er mit seiner Müllzange unterwegs war, schon wieder jede Menge Abfall am Straßenrand liegt, sei schon frustrierend. Doch Leon erfährt auch viel Zustimmung.

Seine Müllzange ist ein Geschenk eines Nachbarn, der beim Stadtbetrieb arbeitet und gesehen hat, dass sich der Schüler regelmäßig für herumliegende Verpackungen bückt. „Es kommen öfters Leute auf mich zu und fragen mich, warum ich das mache. Eine Frau hat mir sogar mal zehn Euro gegeben, weil sie das so toll fand.“ Ein schönes Zeichen der Anerkennung, doch ums Geld geht es ihm nicht.

Ihm geht es vielmehr um ein umweltbewusstes Verhalten. Das könne man schon mit ganz einfachen Mitteln erreichen. „Wir kaufen im Supermarkt zum Beispiel kein verpacktes Obst ein“, sagt Leon. Und das unverpackte Obst lande selbstverständlich nicht in einer Plastiktüte, sondern in einem Korb.

Dass seit vier bis fünf Jahren regelmäßig wilder Müll von der Straße in der hauseigenen Tonne landet, davon sei seine Mutter anfänglich zwar nicht gerade begeistert gewesen, berichtet Leon. „Doch meine Eltern finden das gut, was ich mache.“

Nun hofft er, sein außergewöhnliches Hobby eines Tages zum Beruf zu machen. Erste praktische Erfahrungen beim Aachener Stadtbetrieb hat er schon gesammelt. Nun strebt er eine Ausbildung zur Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft beim regionalen Entsorgungsunternehmen AWA in Eschweiler an. Damit es auch in Zukunft dem Müll an den Kragen geht – nur nicht mit Zange und rotem Eimer, sondern mit deutlich größerem Gerät.

Mehr von Aachener Nachrichten