Aachen: September-Special: Jazz, Pop und Folk locken in die Stadt

Aachen: September-Special: Jazz, Pop und Folk locken in die Stadt

Das Öcher Volk hatte am Wochenende die Qual der Wahl: Jazz oder Pop, Folk oder Blues, Discogewummer oder Kammer-Combo. Stilistisch kein Problem, denn heute ist ja fast alles irgendwie crossover. Aber wer halbwegs etwas von der gebotenen Vielfalt mitbekommen wollte, musste schon gut zu Fuß sein.

Und natürlich war auch hier, wie bei den meisten Großereignissen dieser Art, immer alles Gute gleichzeitig. Meine Sorgen möchte ich haben, würde Tucholsky da sagen.

Auf jeden Fall hat die Abstimmung mit den Füßen schon mal ein vorläufiges amtliches Endergebnis gebracht: Das dritte September Special ist wieder ein voller Erfolg, nicht nur nach der Rechnung von Jürgen Linden: „Einmal ist keinmal, zweimal ist immer und dreimal ist in Aachen Tradition.”

Und diese Tradition dürfte in jeder denkbaren Koalition fortgesetzt werden. Die Eröffnung am Freitag war kurz und schmerzlos. Linden: „3-2-1 - das September Special ist hiermit feierlich eröffnet.” Eine Abordnung zur 30jährigen Partnerschaft mit Halifax wünschte a lot of fun, Johannes Schumacher vom MAC schloss sich dem vollinhaltlich an, fügte jedoch noch ein Oche Alaaf hinzu.

Alles zusammen etwa fünf Minuten, und schon stand Miss Platnum auf der Bühne, die mit ihrem Ethno-Pop begeisterte, befeuert von einer rumänischen Hochzeitskapelle, deren Ahnen vor Jahren mal auf Jazzfestivals Furore machten.

Inspiriert vom allgemeinen Tempo und der legendären Schnelligkeit rumänischer Hochzeitsbands, hatten sie ihr Programm nach achtzig Minuten fertig.

Gut für diejenigen, die so noch eine Menge von der gewaltigen Trommel-Truppe um Golden-Earring-Drummer Cesar Zuiderwijk mitbekamen, die den Hof zum Kochen brachte. Höchste Präzision, Urkräfte und Spielwitz ließen hier völlig vergessen, dass Schlagzeuge eigentlich keine Soloinstrumente sind. Glücklich, wer einen Blick auf die Akteure erhaschen konnte.

Derweil spielten sie auf dem Katschhof den guten alten Blues, während die Schlangen vor dem Riesenrad immer länger wurden. Wer wollte, konnte auf dem Münsterplatz zu Schampus und Garnelen die Hits der 80er Jahre genießen.

Hier schwärmte auch Johannes Schumacher von seiner ersten Eindrücken: „Ich bin überwältigt, und wenn es einen Begriff gibt, der hier zutrifft, dann Oche Alaaf, Aachen ist Leben. Die Leute sind glücklich, und Glück, das man teilt, verdoppelt sich.” Tatsächlich hat man die Stadt selten so voll gesehen, und bis hin zum Wetter passte einfach alles.

Noch voller wurde es am Samstag bei Jazzkantine. Da gelang es am Ende selbst dem unbelehrbarsten Taxifahrer nicht mehr, sich einen Weg durch die Menschenmassen zu erzwingen.

Die abgedrehten Kölner setzten mit ihrem Spaß-Power-Jazz-Rap den Markt derart unter Strom, dass noch die nächste Generation von HNO-Ärzten ausgesorgt haben dürfte.

Derweil brachte Karl-Heinz Wiberny, Aachens Leihgabe an die WDR-Bigband, am Hof die leiseren, aber musikalisch durchaus nicht die braveren Töne. Eine Combo der aktuellen Spitzenklasse. Überhaupt ist es vielleicht das Erstaunlichste an der ganzen Veranstaltung, dass so viele gute Jazzformationen hier ein öffentliches Forum bekommen, das sie sonst nie hätten. Ob die Truppe um das Malteserkeller-Fossil Uwe Haselhorst, die tapfer den Kampf gegen den Lärm am Holzgraben bestand, oder der Chilene Pablo Peredes sowie die Öcher Heribert Leuchter und Gerd Breuer auf dem Münsterplatz: Überall moderner Jazz vom Feinsten, überall Töne, die viele in dem allgemeinen Einheits-Klangbrei zum ersten Mal hören und die wahrlich mal ein größeres Publikum verdient haben.

Dazwischen immer mal überraschende Perlen wie die älteste deutsche Swingband, die seit Kriegsende agiert, wie die Hölle swingt und mit Greetje Kauffeld als Sängerin einen stillen Star präsentierte.

Nicht zuletzt ein Verdienst von Programmgestaltern wie den Jungs von Burg Wilhelmstein, dem städtischen Kulturbetrieb oder Kulturkämpfern wie Horst Hambücker und Fred Quarten.

Auch für Manfred Piana vom Einzelhandelsverband ist mit diesem Erfolg klar, dass es richtig war, die Kräfte der Stadt und der Händler zu bündeln, um eine solche Großveranstaltung zu stemmen. So konnten alle, die Lust auf Aachen und auf Jazz hatten, komplett kostenlos ein hochkarätiges Programm genießen, und wer schlau war, hat das weidlich ausgenutzt. Alle anderen haben noch bis zum 4. Oktober Zeit, das Versäumte nachzuholen.