Aachen: Schulsozialarbeit: Ein guter Job mit ungewisser Zukunft

Aachen : Schulsozialarbeit: Ein guter Job mit ungewisser Zukunft

Marc Schulpin macht einen guten Job an der Luise-Hensel-Realschule. Gut zu tun hat er auch. Schließlich ist der Schulsozialarbeiter Ansprechpartner für rund 670 Schülerinnen und Schüler, für deren Eltern und für das Kollegium. Ob der 40-Jährige allerdings auf Dauer an Aachens größter Realschule arbeiten kann, ist weiter offen.

Sicher ist seine Stelle zunächst nur bis Ende Juli 2016.

Nicht nur für Schulpin ist die berufliche Zukunft ungewiss. 18 der insgesamt 27,5 städtischen Stellen in der Schulsozialarbeit sind derzeit bis Sommer 2016 befristet. Das sind jene 18 Stellen, die mit Bundesmitteln aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) eingerichtet werden konnten — allerdings nur befristet. Seit Jahren wird gestritten, wie man die kommunale Schulsozialarbeit erhalten kann — und wer zahlt. Mittlerweile hat das Land eine Beteiligung angekündigt. Damit wären auch die Aachener Stellen zumindest bis Ende 2017 zu finanzieren.

30 Prozent Eigenbeteiligung

Allerdings sind die Gelder aus Düsseldorf an eine 30-prozentige Eigenbeteiligung der Kommunen gebunden. „Die Politik hat uns beauftragt zu prüfen, ob mit dem angekündigten Landesprogramm eine Verlängerung möglich ist“, sagt Bernd Drescher, Abteilungsleiter Pädagogische Dienste bei der Stadt. Genau gerechnet werden kann aber erst, wenn der Erlass aus Düsseldorf auf dem Tisch liegt.

Bisher, sagt Drescher, gebe es nur einen Hinweis des Landes: In Aussicht gestellt werde eine 70-prozentige Förderung, bezogen auf den Stand von 2013. Die 30 Prozent Eigenbeteiligung der Stadt würden sich nach derzeitigen Schätzungen auf rund 300.000 Euro im Jahr summieren. In Zeiten knapper Kassen ist das keine Kleinigkeit, da wird auch die Kämmerin ein Wörtchen mitreden wollen.

Nicht nur die anfallenden Kosten, auch die Leistungen der städtischen Schulsozialarbeiter lassen sich in Zahlen umreißen. Die Verwaltung hat das jüngst in einem ausführlichen Sachstandsbericht für die Schul- und Jugendpolitiker getan. Einen Schulsozialarbeiter oder eine Schulsozialarbeiterin haben danach in Aachen 22 Grundschulen, drei Haupt-, vier Förder-, vier Real-, vier Gesamtschulen und ein Gymnasium. An den Grundschulen können damit 3675 Kinder — und deren Familien — von dem Angebot profitieren, an den Förderschulen 530, an Hauptschulen, Realschulen und am Gymnasium 7736.

Aufgelistet hat die Verwaltung auch die Probleme, mit denen Schulsozialarbeiter an Aachener Schulen konfrontiert werden: Schulschwänzen, Scheidung und Trennung in der Familie, häusliche Gewalt, psychische Erkrankung der Eltern, Alkohol und Drogen, Computer- und Internetsucht, Mobbing in all seinen Facetten, Überforderung in der Schule, frühe Schwangerschaft, Suizidgedanken, Essstörungen ... Die Liste setzt sich fort bis hin zu Kriegs- und Fluchterlebnissen, mit denen jugendliche Flüchtlinge in Aachen fertig werden müssen.

Auch Marc Schulpin erfährt an seiner Schule viel von dem, was die Schüler quält. „Die volle Bandbreite dessen, was man im Leben an Krisen haben kann“, sagt er. „Die Kinder können jederzeit zu mir kommen, und ich sehe, wie ich sie unterstützen kann.“ Oft reichen einige Gespräche. Ist intensivere Hilfe nötig, vermittelt Schulpin die entsprechenden Ansprechpartner.

Mobbing und Cybermobbing

„Läuft in der Familie etwas schief, dann sind die Kinder Symptomträger“, weiß der Schulsozialarbeiter. „Und in der Schule zeigt sich meist schnell, dass etwas nicht stimmt.“ Manche Kinder ziehen sich zurück, andere werden aggressiv oder spielen den Klassenclown.“ Auch wenn die Noten plötzlich in den Keller gehen, kann das auf Probleme zu Hause hindeuten.

Gruppenangebote in der Schule sind eine gute Gelegenheit, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. Schulpins besonderes Interesse gilt der Medienpädagogik. Gut angenommen wird etwa die Radio-AG, bei der Schulpins mit jungen Leuten eine Radiosendung fürs Netz gestaltet.

Ein immer größeres Thema wird Mobbing, besonders Cybermobbing, das Terrorisieren von anderen in den sozialen Netzwerken. „Mit so etwas kommen die Schüler häufig zu mir“, sagt der Schulsozialarbeiter. Er arbeitet mit beim „Runden Tisch gegen Mobbing“, den der Aachener Kriminalhauptkommissar Peter Arz ins Leben gerufen hat. Hier machen sich junge Leute von weiterführenden Schulen in Aachen gemeinsam Gedanken darüber, was man gegen die fiesen Attacken im Netz machen kann.

„Es ist eine gute Sache, die Schüler als Experten an den Tisch zu holen“, ist Schulpin überzeugt. In den Osterferien hat er mit einigen Jugendlichen in der Aachener Innenstadt einen kleinen Film zum Thema Mobbing gedreht.

Die Diskussion um die Finanzierung der Schulsozialarbeit verfolgt Marc Schulpin einigermaßen gelassen. „Natürlich wünsche ich mir, dass ich meine Arbeit an der Luise-Hensel-Realschule fortführen kann“, sagt er, „und ich bin überzeugt, dass die Sozialarbeit an den Schulen gebraucht wird.“

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