Schuldneratlas: Quote in Aachen leicht gestiegen

Schuldneratlas vorgestellt : Fast jeder zehnte Aachener ist überschuldet

Die Überschuldungsquote ist in den vergangenen zwölf Monaten in Aachen leicht gestiegen. Das geht aus dem Schuldneratlas hervor, den der Aachener Rainer Bovelet erarbeitet hat.

Fast jeder zehnte Aachener ist überschuldet. Rund 20.600 Einwohner können, zum Teil bereits seit mehreren Jahren, mit ihren Einnahmen nicht mehr ihre Ausgaben bestreiten. Unter dem Strich stehen sie nach überschlägigen Hochrechnungen mit insgesamt 617 Millionen Euro in der Kreide.

Das geht aus einer Studie von Rainer Bovelet hervor. Der Aachener Sozialwissenschaftler und Inhaber des Kommunikationsbüros Synergie 2 hat die Zahlen im Auftrag von Creditreform für den von ihm jährlich erstellten Schuldneratlas Deutschland ermittelt, der am Dienstag in Düsseldorf vorgestellt worden ist.

Mit 9,76 Prozent liegt Aachens Überschuldungsquote zwar unter dem deutschen Durchschnitt (10,04 Prozent). Doch ebenso wie im Bund ist sie auch in der Stadt (plus 0,5 Prozent) während der vergangenen zwölf Monate leicht gestiegen. „Angesichts der immer noch gut laufenden Wirtschaft und eines hohen Beschäftigungsgrades ist das eine fatale Entwicklung“, sagt Bovelet. „Denn was geschieht, wenn Deutschland in eine Rezession gerät?“

Polarisierte Gesellschaft

Sorgen macht dem Sozialwissenschaftler vor allem ein Trend: „Unsere Gesellschaft ist inzwischen stark polarisiert“, betont Bovelet. „Das lässt sich nicht nur bei den Einkommen, sondern auch bei der Überschuldung der Privathaushalte feststellen. Sie ist in Aachen je nach Stadtviertel sehr unterschiedlich.“

Foto: grafik

So weist beispielsweise das Gebiet um Rothe Erde – genauer gesagt die Stadtteile mit der Postleitzahl 52068 – wie schon in den vergangenen Jahren die mit Abstand höchste Schuldnerquote auf. Sie liegt bei 20,92 Prozent, mehr als jeder fünfte Einwohner ist hier im Schuldenturm gefangen. Von einem „Schuldner-Ghetto“ will Bovelet trotzdem noch nicht sprechen. „In anderen deutschen Großstädten gibt es Viertel, in denen die Quote mit teilweise bis zu 40 Prozent deutlich höher liegt“, sagt er.

Deutlich besser sieht es im Aachener Norden aus. Die Stadtteile mit der Postleitzahl 52072 kommen mit 6,09 Prozent auf die niedrigste Quote. Nur jeder Zwanzigste ist hier überschuldet.

Bovelet warnt allerdings davor, aus den Zahlen die Annahme abzuleiten, Überschuldung sei vornehmlich in den wirtschaftlich schwächsten Bevölkerungsteilen zu verorten. Zwar sähen sich Arbeitslose und Niedriglöhner häufig mit dem Problem konfrontiert. Aber: „Rund 64 Prozent der Betroffenen stammen aus der Mittelschicht“, hat der Sozialwissenschaftler festgestellt. „Auch wenn die Gefährdung mit der Höhe des Bildungsgrades abnimmt, sind bundesweit 8,5 Prozent der Menschen mit Hochschulreife überschuldet.“ Oft gerieten sie durch eine längere Erkrankung infolge des zunehmenden Drucks am Arbeitsplatz in finanzielle Schieflage. Gerade in der Mittelschicht sei aber Überschuldung ein schambehaftetes Tabuthema. „Um die Fassade aufrecht zu erhalten, konsumieren deshalb viele weiter wie bisher und geraten somit immer tiefer in die Schuldenfalle“, betont der 58-Jährige.

Andere Zahlen aus seiner deutschlandweiten Erhebung lassen sich laut Bovelet ebenfalls auf die Entwicklung in Aachen übertragen. Zugenommen hat demnach die Überschuldung bei Single-Haushalten, bei Frauen und bei Rentnern. „Die letzte Gruppe weist zwar noch eine relativ geringe Gesamtzahl auf, aber sie hat mit die höchste Zuwachsrate,“ so Bovelet.

Angesichts der vielen Arbeitnehmern drohenden Altersarmut befürchtet er, dass derzeit nur die „Ruhe vor dem Sturm“ herrscht. Rückläufig ist hingegen die Überschuldung von jungen Menschen unter 30 Jahren. Auch Flüchtlinge oder Ausländer sind kaum auffällig. „Die Nationalität spielt bei dem Problem so gut wie keine Rolle“, betont Bovelet.

Eine immer gewichtigerer Grund für die Überschuldung sind laut Bovelet die rasant gestiegenen Wohnungsmieten: „Schon eine Mietbelastungsquote von etwa 30 Prozent ist kritisch. Hoch Verschuldete müssen mittlerweile aber oft zwischen 40 und 50 Prozent ihrer Einnahmen für die Miete ausgeben.“

Drei Maßnahmen

Um dem Thema Überschuldung seine Brisanz zu nehmen, schlägt Bovelet der Politik drei Maßnahmen vor: „Erstens brauchen wir mehr bezahlbaren Wohnraum. Zweitens gilt immer noch: Stabile Arbeitsplätze mit guten Löhnen sind der beste Schutz vor Überschuldung. Und drittens muss die lokale Schuldnerberatung weiter ausgebaut werden. Je näher sie vor der Türe der Betroffenen liegt, desto geringer ist deren Scham, sie in Anspruch zu nehmen.“

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