Aachen: Schülerbewerbungen: Keine Zusage. Keine Absage. Keine Reaktion.

Aachen: Schülerbewerbungen: Keine Zusage. Keine Absage. Keine Reaktion.

Herbert Gran ist wohl das, was man einen gestandenen Lehrer nennt. Fast 40 Jahre ist er nun im Schuldienst, Konrektor an der Gemeinschaftshauptschule Eilendorf. Als Berufswahlkoordinator bereitet er seit Jahren junge Leute auf den Weg in die Arbeitswelt vor.

Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch hat sich Gran neulich hingesetzt und einen Brief an die Industrie- und Handelskammer zu Aachen verfasst. Betreff: die anhaltenden Klagen der Betriebe, auch im Kammerbezirk, über den Fachkräftemangel und fehlende Auszubildende.

Auf Bewerbungen um Lehrstellen gibt‘s häufig keine Antworten, beklagt Konrektor Herbert Gran.

„Das verwundert mich doch sehr“, schrieb Gran. Er hat jeden Tag mit jungen Leuten zu tun, die sich intensiv um eine Ausbildungsstelle bemühen — oft ohne Erfolg. Was Gran besonders aufregt: Sehr häufig erhalten die jungen Bewerber nicht einmal eine Absage von den Betrieben. Ihre Anstrengungen laufen einfach ins Leere. „Das ist unglaublich frustrierend für die jungen Leute“, weiß Gran. Er hat den Eindruck, dass das schlechte Image der Schulform Hauptschule seinen Schützlingen die Chancen vermasselt.

160 Bewerbungen

36 Mädchen und Jungen besuchen aktuell Abschlussjahrgang der GHS Eilendorf. „Und erst fünf von ihnen haben eine Lehrstelle“, bilanziert Gran. Er hat sich die Mühe gemacht und Buch geführt. 160 Bewerbungen haben die Zehntklässler losgeschickt. Auf 60 dieser Bewerbungen gab es Zu- oder Absagen. „Aber auf 100 Bewerbungen kam gar nichts, überhaupt nichts!“

An der Qualität der Bewerbungen, sagt Gran, habe es ganz sicher nicht gelegen. Er zeigt ein paar Beispiele: ansprechend gestaltet, vollständig, mit fehlerfreiem Anschreiben und ordentlich in Bewerbungsmappen sortiert. Spätestens hier macht sich das intensive Bewerbungstraining an der GHS Eilendorf bemerkbar.

Die jungen Leute haben auch keine utopischen Berufswünsche. Schließlich hat Herbert Gran frühzeitig mit ihnen den Aachener Lehrstellenmarkt sondiert und überlegt, welche Berufe infrage kommen könnten. „Ich kenne die jungen Leute ja seit Jahren aus dem Unterricht.“

Die Schülerinnen und Schüler wollen zum Beispiel Straßenbauer werden oder Einzelhandelskaufleute, Maschinen- und Anlagenführer, medizinische Fachangestellte oder Karosseriebauer. Oder sie interessieren sich für eine Lehre im Handwerk, wo in vielen Berufen seit Jahren Nachwuchsmangel beklagt wird.

Einer von Grans Schützlingen wird die Hauptschule im Sommer mit dem Mittleren Schulabschluss (10B-Abschluss) verlassen. Er kann gute Noten und gute Praktikumsbeurteilungen vorweisen. Seiner Wunschausbildung zum Automobilkaufmann aber ist er nach vielen Bewerbungen immer noch keinen Schritt nähergekommen.

Eine Schülerin, berichtet Gran, hat es geschafft. Sie hat einen Ausbildungsplatz als Fachkraft für Lagerlogistik. 22 Bewerbungen hat sie geschrieben, elf Absagen kassiert und zehn Mal überhaupt nichts gehört. „Und das in einem Beruf, der angeblich Nachwuchsmangel hat“, wundert sich der Berufswahlkoordinator.

Sein Appell an die Betriebe: „Bitte prüfen Sie jede Bewerbung unvoreingenommen! Und geben Sie den jungen Leuten eine Chance!“ Alle Schüler seien auch gerne bereit, sich in einem Eignungspraktikum im Betrieb zu beweisen.

In seinem Schreiben an die IHK hält Herbert Gran ein engagiertes Plädoyer für seine Schüler. „Keiner unserer Schüler im Jahrgang 10 schwänzt den Unterricht, alle werden mindestens den Hauptschulabschluss 10A erreichen, viele mit einem nicht nur befriedigenden Notendurchschnitt. Unsere Schule ist auch nicht als Chaotenverein bekannt.“

Die Industrie- und Handelskammer hat schnell reagiert. Heinz Gehlen, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK, bat umgehend um konkrete Beispiele für die geschilderten Probleme. Demnächst will man sich zum Gespräch zusammensetzen.