Schüler organisieren die Großdemo von "Fridays for Future" in Aachen

„Fridays for Future“-Großdemo in Aachen : 10.000 Nachrichten am Tag und nur drei Stunden Schlaf

Der beiläufige Wisch mit dem Zeigefinger über das Smartphone-Display ist für Lina Gobbelé schon zur Gewohnheit geworden. Im Sekundentakt gehen bei ihr Benachrichtigungen ein. Mal geht es um eine geplante Reiseroute von der Schweiz nach Aachen. Mal um ein Abstimmungsgespräch mit der Polizei und der Stadt Aachen.

Manchmal ist es auch einfach nur ein beiläufiger Kommentar, den die Schülerin aus Aachen getrost beiseite schieben kann. „Früher habe ich nie viel vorm PC oder am Handy gehangen“, sagt die 17-Jährige. Doch früher war auch, bevor sie eine der wohl größten Demonstrationen Aachens organisieren musste.

Zwischen 10.000 und 20.000 Teilnehmer erwarten Lina und ihre Mitstreiter am kommenden Freitag beim internationalen Streiktag von „Fridays for Future“ in Aachen. Unter dem Motto „Climate Justice without Borders“ (Klimagerechtigkeit ohne Grenzen) sollen Menschen aus 17 Ländern zusammenkommen, um gemeinsam für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Umweltaktivisten aus Deutschland, den Philippinen und der Ukraine werden Reden halten. Es gibt Musik von Culcha Candela und Brass Riot. Auch der bekannte Kabarettist Bodo Wartke hat seinen Auftritt angekündigt. Organisiert wird das Ganze allerdings nicht von einem professionellen Team mit jahrelanger Eventerfahrung. Sondern von einer Gruppe junger Menschen zwischen 14 und 30 Jahren, von denen die meisten bis vor wenigen Monaten nicht mal wussten, wie man eine Demonstration anmeldet.

Ihre erste Freitagsdemo hat Lina im Januar besucht. Damals hatten sich rund 100 Schüler am Aachener Elisenbrunnen versammelt. Mittlerweile ist die Schülerin des Aachener St.-Ursula-Gymnasiums deutlich globaler unterwegs. Für die Organisation der Großdemonstration am Freitag ist sie für die Arbeitsgruppe Presse/Internationales zuständig. Bis zu 10.000 Nachrichten landen täglich auf ihrem Smartphone. Ob Whatsapp, Telegram oder Slack, Trello, Facebook oder Discord. Lina hat so ziemlich alle Mitteilungsdienste auf ihrem Handy installiert, die im Umlauf sind. Allein bei Whatsapp ist sie nach eigenen Angaben Mitglied in knapp 70 Gruppen, die sich alle in irgendeiner Form mit „Fridays for Future“ beschäftigen. Da den Überblick zu behalten, gleicht einem Fulltime-Job. Wenn da nicht das Schulpensum für die 11. Klasse wäre… „alles abirelevant“, wie Lina einräumt.

Das Lernen muss zurzeit allerdings hintanstehen. Ein, zwei Stündchen vor der Klassenarbeit in Biologie müssen reichen. Mehr Zeit ist nicht. „In den vergangenen drei Wochen habe ich keine Nacht länger als drei Stunden geschlafen“, sagt Lina. Dafür umso mehr telefoniert. Zum Beispiel mit dem „Fridays for Future“-Sprecher aus der Schweiz, um zu klären, wie viele junge Menschen über die zentralen „Fridays for Future“-Tickets nach Aachen kommen. Oder mit dem Sprecher aus Italien, um die günstigste Anfahrtsroute mit Bus und Bahn zu finden.

Während Lina geschätzte 20 bis 30 Stunden pro Woche in Sachen „Fridays for Future“ telefoniert, findet ein Großteil der Organisation für den Zentralstreik online statt. Neben einem sechsköpfigen Kooperationsteam, das den Überblick über sämtliche Planungen behält, haben sich die jungen Menschen in Untergruppen, sogenannten Workgroups (WGs), mit jeweils fünf bis zehn Mitgliedern aufgeteilt. Eine Untergruppe beschäftigt sich mit der Unterkunft, eine andere mit dem Unterhaltungsprogramm auf der Bühne. Dazu kommen Finanzen, die Versorgung, der Transport. Andere sind für die Mobilisierung, die Sozialen Netzwerke und die Webseite zuständig. Für jede Abteilung gibt es eine Whatsapp-Gruppe. Die Ergebnisse werden zentral für die Mitglieder des Kernteams im Netz festgehalten.

Fragen, die geklärt werden mussten

Seit Anfang April laufen die Vorbereitungen. „Viel zu spät“, wie Benedikt Neukirchen ohne Umschweife zugibt. Der 16-jährige Schüler des St.-Leonhard-Gymnasiums in Aachen hat sich Mitte Februar der Aachener Ortsgruppe von „Fridays for Future“ angeschlossen, bundesweit sind es mehr als 50. Für den 21. Juni kümmert er sich als Sprecher der Untergruppe Unterkunft darum, dass die Demonstranten, die für den Zentralstreik zum Teil weite Wege auf sich nehmen, abends auch einen Platz zum Schlafen haben. Anfänglich habe man noch gedacht, dass man einfach ein paar städtische Turnhallen nutzen könne. Alles nicht so kompliziert.

Mittlerweile wissen die Schüler: Ganz so einfach ist es nicht, ein Event dieser Größenordnung zu stemmen. Und: Es gibt viel zu bedenken. Wie sieht es mit dem Brandschutz aus? Welche Rettungswege sind möglich? Wie steht es um die Verpflegung? Und wo können die Demonstranten auf die Toilette gehen? Fragen, die endlich geklärt sind, seit feststeht, dass die zentrale Kundgebung nach dem Sternmarsch durch die Stadt auf dem Vorplatz des Tivoli-Stadions stattfinden wird. Und nicht, wie ursprünglich von den Schülern gewünscht, im Kennedypark.

„Ich glaube, Anfang Mai war allen erstmals bewusst, was auf uns zukommt“, sagt Lina rückblickend. Seitdem haben die Jugendlichen eine steile Lernkurve hinter sich. Mit der Aachener Polizei als Versammlungsbehörde und der Stadt Aachen als Versammlungsort fanden mehrere Gespräche statt. Darüber hinaus haben sie mittlerweile Unterstützung von erfahrenen Demonstrationsveranstaltern aus Berlin erhalten.

Kaum Freizeit

Länger sind die Nächte für die jungen Veranstalter dadurch aber auch nicht geworden. „Ich habe noch nie so wenig Freizeit gehabt“, sagt Lina. Umso mehr ärgere es sie, wenn jemand die Klimaaktivisten von „Fridays for Future“ lapidar als „Schulschwänzer“ abstempelt. „Bildung ist ein verdammt wertvolles Gut. Und es ist ein großes Zeichen, wenn wir dieses Opfer bringen, um den Menschen zu zeigen, dass es so nicht weitergeht“, ist Lina überzeugt. Für Benedikt geht es darum, Prioritäten zu setzen. „Dass Schüler zu so radikalen Mitteln greifen, sollte der Politik zu denken geben“, sagt er.

Deshalb opfern Lina, Benedikt und all die anderen jungen Menschen gerne ihre Freizeit, ihre Lernzeit und auch ihre Schulzeit, damit die Großdemonstration in Aachen ein Erfolg wird. Dass dabei nicht immer alles glatt läuft, liege in der Natur der Sache. „Wir sind halt Teenager“, sagt Lina und lacht dabei kurz auf. „Das A und O ist, dass alle zusammenhalten. Ohne Teamwork würde das nicht funktionieren.“ Benedikt bringt die Organisation einer der größten Demonstrationen in Aachen auf eine einfache Formel: „Es ist chaotisch, aber es funktioniert.“

Mehr von Aachener Nachrichten