Aachen: Schlechte Bedingungen: Tagesmütter und -väter verklagen die Stadt

Aachen : Schlechte Bedingungen: Tagesmütter und -väter verklagen die Stadt

„Der Job ist toll“, sagt Christine Frels, „das macht total Freude.“ Der Job, das sind insgesamt sieben Kinder, die Christine Frels an unterschiedlichen Tagen bei sich zu Hause als Tagesmutter betreut. Sie teilt sich die Arbeit mit ihrem Mann Christopher Frels, einem der wenigen Tagesväter in Aachen.

Wäre Christine Frels nicht so gerne Tagesmutter, dann hätte sie den Job wahrscheinlich längst hingeschmissen. „Für das Geld würde ich das sonst gar nicht machen“, sagt die 38-Jährige. Das Geld und die Arbeitsbedingungen als Tagesmutter sind der Grund, warum Christine Frels die Stadt Aachen verklagt hat. Seit gut anderthalb Jahren sind ihre Klage und die von elf weiteren Tagesmüttern und -vätern beim Aachener Verwaltungsgericht anhängig.

Unterm Strich bleibt zu wenig

Jörg Somaraki, ausgebildeter Erzieher, arbeitet im siebten Jahr in Brand als Tagesvater. Auch er sagt: „Das ist das, was ich gesucht hatte. Ich möchte gar nichts anderes machen.“ Aber bei aller Zufriedenheit ist auch Somaraki gegen die Stadt vor Gericht gezogen. Ebenso Monika Kriescher aus Burtscheid, seit 1989 Tagesmutter. Auch sie kümmert sich mit Leidenschaft um kleine Kinder.

Aber wenn sie sieht, was unterm Strich an Geld bleibt, dann packe sie oft die Wut, gesteht sie. Christine Frels und Monika Kriescher gehörten 2013 auch zu den Gründerinnen der Interessengemeinschaft Kindertagespflege Aachen. Mittlerweile sind 62 Tagesmütter und -väter, fast die Hälfte der Aachener Tagepflegepersonen, in dieser IG organisiert und vernetzt.

Satzung für die Tagespflege

Seit August 2012 ist in Aachen auch der Einsatz von Tagesmüttern durch eine Satzung geregelt und wird öffentlich gefördert. Eltern zahlen einen einkommensabhängigen monatlichen Beitrag an die Stadt. Die Kommune zahlt nach gestaffelten Sätzen eine Vergütung an die Tagesmutter.

Die Tagesmütter arbeiten also einerseits als Selbstständige mit allen Risiken, etwa im Krankheitsfall, andererseits ist ihr Einkommen durch die Satzung festgelegt. Und gegen diese Rahmenbedingungen protestieren Beschäftigte in der Tagespflege, seit es die Satzung gibt. Denn während die Eltern durch die öffentliche Förderung für den Einsatz der Tagesmutter nun deutlich weniger zahlen, bekommen viele Tagesmütter im Gegensatz zu früher weniger Geld.

Eine zentrale Forderung der Tagesmütter und -väter ist, dass die „laufende Geldleistung“ für ihren Einsatz erhöht wird. „Kommunen ringsum zahlen mehr als die Stadt Aachen“, betont Christine Frels.

Auch die Staffelung in der Aachener Vergütungsordnung finden die Tagesmütter ungünstig. Es gibt sechs Stufen: bis 34 Stunden Betreuung pro Monat, bis 64, bis 90, bis 110, bis 130, bis 155, bis 175 und bis 195 Stunden. „Ob ich ein Kind also 65 Stunden im Monat betreue oder 90 Stunden, der Betrag, den die Stadt mir zahlt, ist gleich“, erklärt Jörg Somaraki. Je mehr Betreuung geleistet werde, desto geringer sei also die Einnahme pro Stunde für die Tagesmutter.

„Bei 90 Stunden Betreuung im Monat für ein Kind bleiben pro Stunde 3,54 Euro“, hat Monika Kriescher ausgerechnet. „Davon gehen dann aber unter anderem noch Steuern und Sozialbeiträge ab. „Eine leistungsgerechte Vergütung ist das nicht.“

Am ehesten, berichten die beiden Tagesmütter und ihr Kollege, rechne sich ihr Einsatz noch bei einem geringen Betreuungsumfang. „Der Bedarf der meisten Eltern aber ist sehr viel höher“, weiß Jörg Somaraki. Und weil die einen morgens früh losfahren und die anderen abends spät zurück sind, beginnt der Arbeitstag in der Tagespflege nicht selten um 6.30 Uhr und ist um 17.30 Uhr noch nicht zu Ende.

Einen finanziellen „Zuschlag“ über die festgelegten Sätze hinaus dürfen die Tagesmütter mittlerweile nicht mehr von den Eltern erheben. „Die Eltern sollen auch nicht mehr zahlen“, findet Christine Frels. „Aber wir möchten angemessen entlohnt werden für die Zeit, die wir arbeiten.“ Und das, betonen sie, sei Sache der Stadt Aachen. Die rechne die Plätze in der Tagespflege zwar in ihre Statistik zur U3-Versorgung ein und schmücke sich mit dem Prädikat familienfreundlich. „Aber bei der Tagespflege geht das auf unsere Knochen.“ Deshalb warten sie mit Ungeduld auf eine Klärung vor Gericht.

Termin steht noch nicht fest

Wann das Anliegen der Tagesmütter und -väter vor dem Verwaltungsgericht verhandelt wird, steht immer noch nicht fest. „Eine mündliche Verhandlung ist noch nicht terminiert“, teilte ein Gerichtssprecher mit. Eines immerhin ist geklärt: Von den zwölf Klagen werde eine nach Art eines Musterfahrens behandelt, sagt der Sprecher. Das Ergebnis solle dann auf die anderen elf Klagen übertragen werden. Darauf hätten sich die Prozessbeteiligten geeinigt.

Seitens der Stadt Aachen will man sich mit Verweis auf das gerichtliche Verfahren derzeit nicht zu den Forderungen der Tagespflegepersonen äußern. Die Verwaltung werde aber bei Gericht eine schnellstmögliche Terminierung anfragen, teilte das städtische Presseamt lediglich mit.

Die Kunden der Tagesmütter und -väter indes haben andere Sorgen. Sie planen regelrecht strategisch, wenn es darum geht, an einen der begehrten Betreuungsplätze zu kommen. Bei Jörg Somaraki hat neulich erst eine Mutter einen Betreuungsvertrag ab 2017 abgeschlossen. Ihr Kind ist noch gar nicht geboren.

Mehr von Aachener Nachrichten