Aachen: Sarrazin, ein geschlossenes System

Aachen: Sarrazin, ein geschlossenes System

Bevor Thilo Sarrazin sich setzt, bleibt er einen Augenblick lang stehen und lässt seinen Blick über die Reihen schweifen. Das Jackett des schwarzen Anzugs ist nachlässig am obersten Knopf geschlossen, die Arme hängen herunter, das Haupt ist erhoben.

Sein Gesicht zeigt keine Regung, der Mund unter dem Schnauzbart lächelt nicht. Die Augen hinter der Brille wirken etwas zugekniffen, was aber auch an dem einen hängenden Lid liegt. Wie er da so steht, wirkt er selbstbewusst, vielleicht sogar ein bisschen arrogant. Man kann es aber auch als Verteidigungshaltung deuten, ganz so, als wollte er sagen: „Greift mich nur an. Ich stehe hier und werde nicht weichen.” Das Publikum applaudiert, zwei stehen sogar auf.

Auf dem Tisch steht Sarrazins Buch mit dem leuchtend roten Einband. Darauf steht in großen schwarzen Lettern „Deutschland schafft sich ab” und etwas kleiner, in weißen Buchstaben, „Wie wir unser Land aufs Spiel setzen”. Sarrazin stellt in dem Buch einige Thesen zum Zusammenhang zwischen Migration, Geburtenentwicklung, Armut und Bildungsferne und den Folgen für den Sozialstaat auf. Seit das Buch am 30. August des vergangenen Jahres erschienen ist, wurden 1,3 Millionen Exemplare verkauft. Es ist das meistverkaufte politische Sachbuch eines deutschsprachigen Autors der vergangenen zehn Jahre - und wohl auch das umstrittenste.

Unten, vor der Mayerschen Buchhandlung in Aachen, in der Sarrazin an diesem Abend Gast ist, haben sich rund 200 Demonstranten versammelt. Sie nennen Sarrazin einen Rassisten, einige von ihnen, Linksautonome, versuchen sogar, die Buchhandlung zu stürmen. Sie werden von Polizisten zurückgedrängt, es gibt Rangeleien, Pfefferspray kommt zum Einsatz. Oben, neben dem Podium, stehen Mitarbeiter einer Aachener Detektei. Auch das Bundeskriminalamt begleitet Sarrazin zum Schutz. Doch von den rund 300 Zuschauern geht keine Gefahr aus.
Thilo Sarrazin (66) kennt das natürlich alles, den Jubel, die Proteste, die Polizeieinsätze. Er reist nun seit einem dreiviertel Jahr durch Deutschland, um über sein Buch zu sprechen. Er gibt Interviews und tritt in Talkshows auf. Und überall, wo er hinkommt, polarisiert er. Sarrazin war mal Berliner Finanzsenator. Er hat wegen seiner Thesen im vergangenen Herbst seinen Job im Vorstand der Bundesbank verloren und wäre beinahe auch aus seiner Partei, der SPD, geflogen. Kann man mit so einem entspannt diskutieren? Mit "Nachrichten"-Chefredakteur Bernd Mathieu liefert er sich an diesem Abend ein Streitgespräch.

Mathieu findet zwischen Claqueuren und Kritikern eine dritte Gruppe, zu der Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, gehören. Sie sagen, Sarrazin habe recht, er hätte sich nur etwas „tischfeiner” ausdrücken (Schmidt) und den „sozialdarwinistischen Quatsch” weglassen (Steinbrück) sollen.

Sarrazin hört sich das an und erklärt, er habe das Buch sorgfältig geprüft, ob es „Unbotmäßigkeiten” enthält oder "Personen beleidigt". Gibt es etwas zu revidieren? „Nein.” Hat er bewusst provoziert? "Ich habe nirgendwo provoziert. Die Medien, wenn ihnen inhaltlich sonst nichts einfällt, sprechen vom Provokateur Sarrazin.” Kommt es nicht immer darauf an, wie man Dinge ausdrückt? „Letztlich möchte man als Autor, dass das, was man sagt, zur Kenntnis genommen wird. Also muss man anschaulich schreiben und die Dinge auf den Punkt bringen.”

Sarrazin wiederholt seine Thesen. Etwa die, dass die Verwahrlosung von Kindern nichts mit den materiellen Lebensumständen der Familie zu tun habe, sondern mit der Einstellung der Eltern. Applaus. Oder die, dass Menschen, die vom Staat alimentiert werden, der Gesellschaft eine Gegenleistung erbringen sollen. Applaus. Oder die, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung in naher Zukunft muslimischen Glaubens sein wird, wenn die Geburtentrends so anhalten. Kein Applaus. Oder die, dass Intelligenz vererbt wird, also eine Sache der Herkunft ist, und dass Bildungsferne unter bestimmten Gruppen von Migranten weit verbreitet ist. Stille.

Verkauft werden diese Thesen als Feststellungen, als empirische Wahrheiten, die auf statistischen Analysen fußen. Andere Statistiken, andere Fakten, kritische Einwände lässt er nicht gelten. Wenn Mathieu ihn mit Sätzen aus dem Buch konfrontiert, meint Sarrazin, sie seien aus dem Zusammenhang gerissen. Und konkret etwas ändern? Sich einbringen? Noch mal politische Verantwortung übernehmen - oder auch nur ein Ehrenamt? Sarrazin winkt ab. Seine Aufgabe sei die Analyse, seine konkrete Hilfe die „47,5 Prozent meiner Tantiemen, die ich in Form von Einkommensteuer an den Staat gespendet habe".

Die Diskussion, die der Autor mit wechselnden Gesprächspartnern seit einem dreiviertel Jahr führt, kommt auch in Aachen kein Stück voran. Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab" ist ein geschlossenes System, in das kein Eindringen möglich scheint. Das Publikum applaudiert.

Mehr von Aachener Nachrichten