Aachen: RWTH-Hausbesetzer planen ihre Woche durch

Aachen : RWTH-Hausbesetzer planen ihre Woche durch

„You don’t hate Mondays, you hate capitalism“ („Es sind nicht die Montage, die ihr hasst. Ihr hasst den Kapitalismus.“) steht groß an dem Maschendrahtzaun neben dem Haus Nummer 5 am Muffeter Weg in Aachen. Und in der Tat sehen die jungen Leute, die am Montagmorgen rund um einen Tisch vor dem Eingang sitzen und frühstücken, nicht danach aus, als hätten sie etwas gegen Montage.

Seit Samstag hat eine Gruppe von jungen Menschen das Haus besetzt. Und sie haben nicht vor, ihr „Muffi 5“ so schnell wieder aufzugeben. Sie sind bereit, mit der Presse zu reden. Ihren Namen nennen wollen sie allerdings nicht, auch auf Fotos wollen sie lieber nicht erscheinen — aus Furcht vor rechtlichen Konsequenzen.

Selbstgemalte Transparente machen klar, dass in das seit Jahren leerstehende Gebäude neues Leben gezogen ist - wenn auch illegal. Foto: Sarah-Lena Gombert

„Wir sind von den Nachbarn sehr herzlich begrüßt worden“, sagt ein junger Hausbesetzer, etwa Anfang 20, im Gespräch mit den „Nachrichten“. Er beißt genüsslich in sein mit Avocado und Tomate belegtes Fladenbrot. Die Gruppe würde von den Bewohnern der umliegenden Häuser immer nett gegrüßt. Einige hätten sogar Kuchen vorbeigebracht, und am Montag will jemand aus der Nachbarschaft dafür sorgen, dass es fließend Wasser gibt in dem Gebäude, das von der RWTH genutzt wurde, seit Jahren aber leer steht.

Selbstgemalte Transparente machen klar, dass in das seit Jahren leerstehende Gebäude neues Leben gezogen ist - wenn auch illegal. Foto: Sarah-Lena Gombert

Einer derjenigen, die bis vor wenigen Jahren hier gearbeitet haben, kommt am Montag am Haus vorbei. Er stellt sich als Mitarbeiter der RWTH vor und kommt ins Plaudern, berichtet davon, in welchem Zimmer der Sozialraum gewesen sei, und wie man die Gärten seinerzeit genutzt habe. Den jungen Menschen gegenüber ist er sehr aufgeschlossen, erkundigt sich danach, ob sie etwas brauchen. „So geht das hier die ganze Zeit“, sagt einer der Hausbesetzer und grinst.

Nicht alles rund um das Gebäude „Muffi 5“ wird von den Hausbesetzern genutzt: „Die Gewächshäuser sind asbestverseucht, da gehen wir nicht rein“, sagt einer. Auch für die Gartenanlagen liegt keine Duldung durch die RWTH vor, sagen die jungen Leute, die nach eigener Aussage nicht nur Studenten sind, sondern auch Schüler und Auszubildende.

Eigentümer des Gebäudes ist der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes (BLB). „Wir beabsichtigen derzeit nicht, gegen die Aktivisten vorzugehen, da es sich um keine dauerhafte Besetzung handelt, sondern um eine Aktionswoche“, sagt Bernd Klass vom BLB. Für den BLB NRW sei Wohnungsnot ein ernstzunehmendes Problem, auf das grundsätzlich aufmerksam gemacht werden sollte. Pläne für das leerstehende Haus gibt es derzeit nicht. Weil sich auf dem Grundstück noch Einrichtungen der RWTH befinden, sei ein Verkauf schwierig.

Den Hausbesetzern geht genau das auf die Nerven: Die Mieten in Aachen seien unverschämt hoch, sagt eine junge Hausbesetzerin, die sich mit ihrem Kaffeebecher zu der Runde vor dem Haus gesellt. Sie sieht noch ein bisschen verschlafen aus. Seit Samstag sei sie hier, erklärt sie. Warum? „Mich kotzt das an, wie es in den Städten läuft“, sagt sie. Es gehe nur noch um Gewinnmaximierung, den meisten Menschen sei eine individuelle Entfaltung gar nicht möglich, weil sie das Geld nicht hätten. „Wir wollen hier ein Zeichen setzen.“ Tatsächlich geht die Stadt im Wohnungsmarktbericht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 in Aachen bis zu 5000 Wohnungen fehlen.

Die Polizei sieht derzeit keinen Handlungsbedarf: Es handle sich um Hausfriedensbruch, erklärt Andreas Müller von der Pressestelle des Präsidiums. „Dabei handelt es sich um ein Antragsdelikt. Das heißt, wir werden nur auf Anzeige des Geschädigten hin tätig.“ Und da die RWTH-Verwaltung bereits erklärt habe, dass man das Verhalten der Hausbesetzer dulde, liege so etwas wie eine Zustimmung der unentgeltlichen Nutzung vor. „Nur, wenn großes öffentliches Interesse besteht, werden wir einschreiten“, so Müller.

Auf öffentliches Interesse an ihren Aktionen — nicht unbedingt von der Polizei — hoffen indes die Hausbesetzer. So zogen einige am Wochenende mit Bollerwagen durch die Stadt, um auf ihren Protest aufmerksam zu machen. Die ganze Woche über soll es Workshops, Vorträge und Diskussionen geben, erklärt die junge Hausbesetzerin. „Über Twitter informieren wir aktuell über die Aktivitäten.“ Nachzulesen sind die Kurznachrichten unter dem Account @aachen_besetzen.

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