Aachen: „Rund um Dom und Rathaus“: Nur das Wetter gibt den Spielverderber

Aachen : „Rund um Dom und Rathaus“: Nur das Wetter gibt den Spielverderber

„Das ist doch kein Wetter!“ schimpfen Öcher, obwohl es ist und nieselt und fieselt und nicht aufhören will. Dem Aktionstag „FahrRad in Aachen“ auf dem Katschhof tut das Mistwetter am Samstag keinen Abbruch. Zwei Dutzend Akteure haben eine Zeltstadt mit Fahrrad-Allerlei aufgebaut.

Stephanie Küpper, quirlige Projektleiterin der städtischen Kampagne und passionierte Radlerin — „In der Stadt braucht man das Auto gar nicht“ — freut sich riesig: „Ich finde es toll, das unser Aktionstag so gut angenommen wird. Klein haben wir 2009 angefangen, immer beliebter wird der Tag.“

Fahrradtag auf dem Katschhof: Zwei Dutzend Aussteller zeigen, was Fahrräder können — zum Beispiel auch größere Lasten transportieren. Foto: Heike Lachmann

Da bietet auch die Radwerkstatt der Wabe preiswert aufgepeppte alte Räder an. „Wir sind ein Beschäftigungsprojekt, damit Leute Arbeit haben, wir sind für jede Altradspende dankbar“, wirbt Leiter Jürgen Aelmanns um Unterstützung für das soziale Projekt im Haus Bahnhofstraße 22.

Hindernisse können Spaß machen: Für Mountainbiker gab es einen Parcours auf dem Katschhof. Foto: Heike Lachmann

In der Ecke Domsingschule hat die Verkehrswacht einen Parcours für Kinder aufgebaut. Wer auf buntem Roller Runden kurvt, kriegt es von Heinz und Erika Savelsberg und Anneliese Walther schwarz auf weiß: „Das Kind . . . hat am heutigen Tage den Rollerparcours absolviert und erhält die Rollerfahrerlaubnis.“ Stolz ziehen die Pänz mit ihrem ersten Führerschein ab.

Belagert, weil wohl vielversprechende Zukunft, das Info-Zelt von Velocity. Das E-Bike-Verleihsystem, von RWTH-Studierenden initiiert und von der Stadt mit der Aufgabe betraut, ein Pedelec-Verleihsystem mit 100 Stationen und 1000 Pedelecs aufzubauen. „Das Interesse ist riesig, es geht gut voran“, freut sich Florian Zintzen. 15 Verleihstationen existieren schon, 30 sollen es Ende des Jahres sein.

Das Institut Français ist vor Ort, „den französischen Aspekt der Tour de France zu unterstreichen“. Ein eigens gestaltetes Mini-Wörterbuch lehrt zur Tour les expressions — die Ausdrücke, le maillot jaune — das gelbe Trikot, le vélo — das Rad, la selle — der Sattel, la pédale — das Pedal, le casque — der Helm, le peloton — das Hauptfeld, avoir un coup de pompe — einen Durchhänger haben ...

Das dürfen sich auf der anderen Seite des Rathauses, auf dem Markt, die Radsportler nicht erlauben. Ab 16 Uhr läuft das Vorprogramm von „Rund um Dom und Rathaus“ des RC Zugvogel. Die 900 Meter lange Kopfsteinpflaster-Rennpiste führt vom Büchel hoch quer über den Markt zur Jakob­straße. Wenige Meter hinterm steilen Anstieg Büchel liegt vor dem grauen Jury-Bus die Start- und Ziellinie. In seinem Eäzekomp steht der alte Kaiser Karl und flennt, aber nur, weil es so dämlich regnet, kostümiert mit einem auf dem herrschaftlichen Leib stramm geschneiderten und klatschnassen „maillot jaune“, dem gelben Trikot der Tour.

„Bleibt ihr noch?“, fragt ein vom Niesel genervter älterer Herr seine Freunde, das Ehepaar neben ihm antwortet: „Nä, nä, nää — wir gehen auch.“ Lobenswerterweise harren welche unter Schirmen aus. Als erster steht kein Sportler auf dem weiß-grünem Sieger-Podium, sondern Claudia Meuser. Sie kommt mit Freunden vorbei, springt schnurstracks auf die Nummer eins, posiert für die Handys und lacht entschuldigend: „War ein guter Spaß!“

Auf der riesigen Videoleinwand vor der Rathausfassade rechts läuft die TV-Übertragung vom Tour-Prolog in Düsseldorf. „Wir können von der Tour zum Markt switchen“, sagt Stadtsprecher Bernd Büttgens. Zwei Kameras stehen vor dem Rathaus. Dreißig in leuchtendes Neongelb gehüllte externe Sicherheitskräfte sichern die Rennstrecke, sorgen für gefahrloses Queren der Passanten. Der Blick auf die Riesenleinwand ist super, auch in Düsseldorf saut es.

16.11 Uhr, im TV die 111 auf der Tour-Strecke, Peter Sagan, der Weltmeister. In Aachen das „Jedermänner“-Rennen. Das blau-weiß-rote (mehr orange) Führungsfahrzeug, ein VW-Käfer, mit aufgeblendeten Scheinwerfern und blinkender Warnanlage immer vorneweg. „Noch vier Ronden vör die Stefan“, moderiert Streckensprecher Richard Vermeer, unüberhörbar Niederländer, über Lautsprecher, die leider nur auf dem Markt über den Stand der Dinge informieren.

Der beste Standort bietet sich vom Markt den Büchel runter. Zuschauer klatschen und feuern die Fahrer an. „Hopp, hopp, hopp!“ — „Bleib draaan!“ — „Zieh duuurch!“ Am Eck Kleinmarschierstraße latscht eine junge Frau traumversunken am ebenfalls pennenden Sicherheitspersonal vorbei quer über den Kopfstein-Buckel auf die andere Seite. Empörung und Geschrei ringsum. „Hallo, halloooo, Vorsicht, mein Gott ist die blöd!“ Weiter unten pfeift ein Streckenposten schrille Signale. „Woher wissen Sie, wann Sie pfeifen müssen?“ — „Sichtkontakt. Ich seh die unten um die Ecke kommen, dann werde ich laut — und sperre ab“, erklärt Tobias Eckstein seine Aufgabe.

Die Ecke unten meint die fast 90-Grad-Kurve Ursulinerstraße-Buchkremerstraße, Kopfsteinpflaster und Asphalt, eine gefährliche Kurve vor steilem Anstieg, mit dicken Schaumstoffpolstern vor den Gittern halbwegs gesichert. Und doch passiert’s in dem Sauwetter mit Karacho: „Da ist einer gefallen“, hält eine Dame schreckstarr die Hand vors Gesicht.

Auf der Strecke wieder ein anderes Rennen. „Vertien Ronden noch“, lautsprechert Richard Vermeer. Ein gewisser Mark liegt vorn. „Vielleicht fährt er noch schneller, wenn Sie applausidieren“, ruft Herr Vermeer. „Applausidieren“, lachen Kinder und winken in die Kamera auf der Rathaustreppe. Auf der Videowand wird hin- und hergeschaltet: Düsseldorf — Aachen — Düsseldorf — Aachen. Wildes Winken und „Juhuhuuu“ in die Kamera, wenn die Zuschauer sich auf der Leinwand entdecken.

19.30 Uhr, die Hauptattraktion, das Hauptrennen bei „Rund um Dom und Rathaus“. Guido Diefenthal, der junge Präsident des RC Zugvogel, sagt in die Markt-Kamera: „Jeder, der auf dem Rad bleibt, hat eine hohe Steuerkunst.“ Das Aachener Kopfsteinpflaster ist gefürchtet in der Radsportwelt, bei Regen ist es noch ärger. Von gemeldeten 50 Startern sind wohl deshalb nur die Hälfte gekommen. „Bleibt alle auf dem Rad, kommt gut rum!“ gibt Diefenthal den Start frei.

60 Runden sind zu meistern. Und es regnet und regnet. Die Lautsprecher knarzen, krachen. Funkstille bei Meneer Vermeer. Und es regnet und regnet. Unter die Markise des „Alex“ hat sich die Piccolo Dixieland Band verdrückt. Sieben ältere Herren aus dem nahen belgischen Dilsen Stokkem ziehen herum und jazzen hinreißend. „Das mit dem Dixieland ist ausbaufähig“, freut sich am nächsten Tag Zugvogel-Chef Guido Diefenthal über den Anklang beim Publikum. „Das mit dem Wetter war schade. Wir haben echt viel Arbeit in die Rennen gesteckt. Aber es ist halt eine Außenveranstaltung, man steckt nicht drin.“

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