Aachen: Roermonder Straße: Einige Anwohner gingen lieber ins Hotel

Aachen : Roermonder Straße: Einige Anwohner gingen lieber ins Hotel

Die Züge rollen wieder. Die viel befahrene Bahnstrecke zwischen Aachen und Mönchengladbach war gut vier Tage lang stillgelegt, weil die Eisenbahnbrücke in Laurensberg über die Roermonder Straße erneuert werden muss.

Die „Eiserne Lady“, wie Sprecher Torsten Nehring sie liebevoll nennt, stammt nämlich aus dem Jahre 1910 und muss dringend ersetzt werden. Damit hat sie allerdings ein höheres Alter erreicht als viele ihrer Nachfolgerinnen. Brücken, die etwa in den 1970er Jahren aus Stahlbeton errichtet wurden, sind vielfach schon so marode, dass sie abgerissen werden — sie schaffen die 100-Jahre-Grenze nicht.

Der Stahlkern macht deutlich, welche Last die Bohrpfähle, die zurzeit in die Erde getrieben werden, einmal zu tragen haben. Foto: Harald Krömer

Das Geheimnis des langen Lebens liegt in der Art der Ausführung, erläutert Projektleiter Thomas Rüsing von der ausführenden Firma B+H Bau: „Gemauerte Brücken sind haltbarer. Je nachdem, wie sie gefertigt wurden, halten sie auch 200 Jahre.“

So weit hat es die 11,88 Meter breite und 4,66 Meter hohe Konstruktion über die wichtige Ausfallstraße nicht geschafft, weshalb die Arbeiten mit großer Vehemenz angelaufen sind. Die Roermonder Straße ist deshalb seit letztem Montag für den Verkehr gesperrt, die Züge durften von Donnerstag, 3 Uhr, bis in der Nacht zum Montag, 2 Uhr, nicht fahren.

In dieser Zeit wurde rund um die Uhr durchgearbeitet. Die Anwohner waren im Umkreis von 500 Metern über die zu erwartenden Belästigungen informiert worden. Immerhin mussten gewaltige Bagger, fast 30 Meter hoch und 110 Tonnen schwer, 12 Bohrpfähle fast 18 Meter in den Untergrund treiben — das geht nur mit erheblichem Lärmaufwand. Den am schlimmsten Betroffenen war deshalb angeboten worden, für diese Sperrpause genannte Frist in ein Hotel zu ziehen. Rüsing: „Einzelne haben davon Gebrauch gemacht.“ Über die genaue Anzahl will die Bahn aus Gründen der Privatsphäre keine Angaben machen.

Was ist nun in der Zeit der Vollsperrung genau gemacht worden? Rüsing: „Wir haben hinter den bestehenden Widerlagern eine Reihe von Bohrpfählen mit 1,50 Meter Durchmesser 18 Meter tief in Erde gebracht.“ Wobei unter Widerlager die Mauern entlang der Straße zu verstehen sind. Die Ankerbohrgeräte waren über eine eigens angelegte Rampe auf den erhaben liegenden Bahnkörper gebracht worden und hatten mit den massiven Bohrpfählen die Grundlagen für die neue Brücke geschaffen.

Rüsing: „Die entscheidende Phase.“ Auf diese Pfähle wird nämlich die neue Stahlkonstruktion aufgelegt, die fünf Meter länger als die alte ist. Am 31. August werden die neuen Überbauten per Schwertransport angeliefert, 22 Meter lang, 70 Tonnen schwer.

Bis dahin werden vier Hilfsbrücken die Bahnstrecke wieder komplettieren. Darunter beginnt der Aufbau der neuen Brücke. Unter anderem werden an den Seiten zehn weitere Bohrpfähle mit einem Durchmesser von 1,20 Meter in den Boden gerammt. 25 Leute hat das Unternehmen aus Ettlingen, das fast nur für die Bahn im Einsatz ist, rund um die Uhr im Einsatz — im Drei-Schicht-Betrieb. Sie fertigen massive Brücken oder offene Tunnel, das ganze Jahr lang. Rüsing: „Das ist harte Arbeit. Die haben es richtig schwer, bei diesem Wetter.“

Trotz des Lärms habe es bisher kaum Beschwerden aus der Nachbarschaft gegeben: „Wir haben immer versucht, die Anwohner mitzunehmen.“ So steht ein Polier als Ansprechpartner zur Verfügung: „Wenn die Leute verstehen, worum es geht, ist vieles einfacher.“

Außerdem habe man die Belästigungen schon wesentlich reduziert — in der Ausschreibung für das Drei-Millionen-Projekt war eine andere Vorgehensweise vorgesehen, die die Nerven der Anwohner wesentlich mehr strapaziert hätte. Und: Am Ende gibt es sogar einen Bonus für die ohnehin phon-erprobten Bahnanrainer: „Am Ende schließen wir die Lücke in der Lärmschutzwand.“ Wobei Thomas Rüsing das Finale im Blick hat: „Ich rechne damit, dass wir im November fertig sind.“

2000 Baumaßnahmen sind bei der Bahn momentan in Arbeit, 200 davon in Nordrhein-Westfalen. Der Baustelle in Laurensberg kann der 47-Jährige Rüsing auch persönlich etwas Gutes abgewinnen: „Obwohl ich nicht weit weg in Neuss wohne, kannte ich Aachen bisher nicht.“ Inzwischen war er auch schon auf dem Weihnachtsmarkt.

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