Aachen: Richter Norbert Plum hängt die Robe an den Nagel

Aachen : Richter Norbert Plum hängt die Robe an den Nagel

„Es hilft nichts, das Recht auf seiner Seite zu haben. Man muss auch mit der Justiz rechnen.“ Der hintersinnige Satz wird dem klugen Kabarettisten Dieter Hildebrand zugeschrieben, der sich bekanntlich weder vor staatlichen Autoritäten noch vor den Rechtsgrundsätzen der Herrschenden scheute.

So stellt sich bei der Verabschiedung eines Richters die Frage, in welchem Geiste hat er oder sie das Recht interpretiert. Norbert Plum (63) hat stets den Ausgleich zwischen den Kontrahenten gesucht — ein Unterfangen, das ihm auch zumeist gelang.

Der Richter wird in der kommenden Woche am 30. April im Landgericht von den Kollegen und seinen Freunden verabschiedet. Nach einer (überwundenen) Krankheit will der langjährige Vorsitzende einer der zwei Kammern für Handelssachen des Aachener Landgerichts mehr Zeit haben, um damit mehr Lebensqualität zurückzugewinnen.

Plum ist ein großer Mann mit weißen Haaren, zu dem die hochtrabende Anrede „Euer Ehren“ durchaus passen könnte. Doch er ist ein Mann aus einfachen Verhältnissen, wie er selber betont, ein Kind aus einer Arbeiterfamilie, dem das Studium durch die damaligen sozialliberalen Bildungsreformen ermöglicht wurde.

Es falle ihm nicht schwer, loszulassen, sagt Plum, er habe ja mit der Lokalpolitik noch ein anderes Standbein. Zumindest bis zu den nächsten Kommunalwahlen 2020 ist der SPD-Politiker Ratsherr, planungspolitischer Sprecher seiner Partei und ehrenamtlicher Bürgermeister. „Ich muss meinem Arbeitgeber“, sagt der Vater zweier erwachsener Kinder und stolzer Opa eines acht Monate alten Enkels, „ein großes Kompliment machen. Er hat mich in meiner politischen Aktivität und Haltung nie eingeschränkt.“

Am Richteramt habe ihm „immer die unabhängige und ausgleichende Haltung fasziniert“, sagt Norbert Plum, der in Bonn Jura studierte. Speziell die Rechtsverhältnisse rund um und zwischen den Unternehmen der Region hätten ihn sehr beschäftigt, Gesellschaftsrecht sei für ihn absolut spannend gewesen, und sei es immer noch. Denn diese Einrichtung — genannt „Kammer für Handelssachen“ — sei ein unverzichtbares juristisches Bindeglied innerhalb der Wirtschaftsprozesse. „Wir sind die Nachfolger der Zunftgerichte, die den Streit zwischen Handwerkern und/oder Kaufleuten schlichteten“, erklärt der Richter die Aufgabe der Gerichte, die traditionell mit einem Berufsrichter, dem Vorsitzenden, und zwei gleichberechtigten Laienrichtern aus der Wirtschaft besetzt sind.

„Man merkt immer an den Eingängen der Fälle, wie es der Wirtschaft gerade geht“, schildert Plum die seismographische Funktion der Gerichte, die immer dann sehr beschäftigt seien, wenn es „auf oder wenn es wieder hinab“ geht. Die Aachener Region sei in der Vergangenheit schon sehr gebeutelt worden, die klassischen Industrien sind bis auf wenige Reste verschwunden. „In Aachen, da merkt man vor allem am Auftragsstand des Maschinenbaus, wohin die Reise geht“, stellt der Richter fest, das sei ein verlässlicher Indikator.

Mit seiner Ehefrau, sie ist Lehrerin am Gymnasium St. Ursula, will der ab dem 1. Mai pensionierte Richter künftig mehr Reisen unternehmen. Ein Ziel sei, so sagt er, eine Reise ins Himalaya-Königreich Bhutan. Woher dieser Traum kommt, das wisse er gar nicht so genau. Dass er aber da ist, dafür umso mehr.