Aachen: Reichswald: Giftstoffe in hohen Konzentrationen

Aachen: Reichswald: Giftstoffe in hohen Konzentrationen

Der Totenkopf war durchaus angebracht: Der Aufkleber prangte auf den 19 Fässern, die Mitte Dezember im Reichswald unweit des Aachener Autobahnkreuzes entdeckt worden waren,.Sie enthielten hochgiftige Stoffe wie Cyanide, Arsenide, Blei oder Cadmium. Allein die Cyanide, Salze der Blausäure, in einer derartigen Konzentration, dass die Dosis tödlich hätte sein können, wären sie ausgedampft und von Spaziergängern oder Joggern eingeatmet worden.

Dies weiß Manfred Schwartz, der Leiter des ABC-Zuges der Aachener Feuerwehr, der damals mit seinen Leuten im Großeinsatz war. Nur glückliche Umstände verhinderten, dass es bei dem Fund in dem beliebten Naherholungsgebiet nicht zu schwerwiegenden Folgen kam: Der Boden war gefroren, so dass die Giftstoffe nicht ins Erdreich gelangen konnten, außerdem war der illegale Drogenmüll schon frühmorgens von einem Mitarbeiter der Stadtwerke entdeckt worden, die in der Nähe ein Wasserwerk betreiben.

Von dort aus werden große Teile des Aachener Innenstadt mit Trinkwasser versorgt. Diplom-Ingenieur Schwartz: „So etwas ist kein Dummejungenstreich.“ Ein ähnliches Fazit zieht Jürgen Wolff, der Chef der Aachener Feuerwehr: „Das war eine heftige kriminelle Aktion.“ Wenige Wochen später stellte sich, wie berichtet, heraus, dass es sich um Rückstände aus einer Drogenküche handelte. Kurz nach dem Fässerfund in Aachen war in Kerkrade ein Drogenlabor in einem Bauernhof aufgeflogen.

In die Niederlande führen einige Spuren, dort werden illegal entsorgte Drogenfässer auch öfters entdeckt. 2011 registrierte die zuständige staatliche Stelle 60 illegale Entsorgungen chemischer Abfälle, 2012 waren es schon 90, in den ersten Monaten dieses Jahres bereits mehr als 30. In Deutschland waren es bislang nur Einzelfälle, doch der gelernte Chemiker Manfred Schwartz ist überzeugt: „Dass solche Labors auch in Aachen existieren, glaube ich sehr wohl.“

Ganz gleich, ob die 19 Fässer von diesseits oder jenseits der Grenze in das Waldstück in Verlautenheide transportiert wurden, die umfangreichen Vorkehrungen der zahlreichen beteiligten Stellen erweisen sich in der Rückschau als vollkommen angebracht. Das Gebiet war weiträumig abgesperrt worden, die Feuerwehr näherte sich den Behältnissen mit dem Totenkopf-Symbol nur mit größter Vorsicht und unter Vollschutz.

Chemiker Schwartz beantwortet denn auch die Frage, ob er Angst empfunden habe, als er zum Einsatzort Reichswald gefahren war, mit einem: „Ja klar, wenn ich keine Angst hätte, wäre ich schlecht beraten.“ Wenn sein Zug dorthin komme, wisse man so gut wie nichts: „Da kann alles drin sein.“ Zumal einige Fässer undicht waren oder aufgerichtet werden mussten, dort traten auch Schwaden aus. Immerhin hätten die zu dieser Zeit noch unbekannten chemischen Stoffe sich auch entzünden oder gar explodieren können. Die Aachener Wehrmänner stabilisierten die Lage, deckten etwa Folie darüber, als es zu regnen begann, und riefen eine Spezialfirma aus Köln zu Hilfe, die die 19 Fässer entsorgte und auf ihr Gelände brachte.

Bei allem Respekt vor dem Fund mussten die ABC-Leute aber auch darauf achten, dass sie die vorhandenen Spuren auf dem Feldweg, vermutlich von einem Kleinlaster, nicht zerstörten. Das Reifenprofil ist wohl auch sichergestellt worden, auch andere Spuren seien gesichert worden, berichtet Paul Kemen: „Die Ermittlungen dauern noch an.“ Aktuelle Hinweise kämen momentan nicht mehr herein. Die Beamten hatten ursprünglich ein Verfahren wegen des Verdachts der Gewässer- und Bodenverunreinigung in einem besonders schweren Fall eingeleitet, später kamen noch die Tatbestände des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und illegaler Entsorgung dazu.

Von Anfang an in die Ermittlungen einbezogen war auch das Landeskriminalamt, dass schließlich die Gebinde auch als Rückstände aus Drogenproduktion entlarvte. Die NRW-Behörde hat auch eine Handlungsanleitung herausgegeben für den Fall, dass ähnliche Funde in anderen Landesteilen gemacht werden. Herausrücken will man die Broschüre jedoch nicht. „Es handelt sich um ein internes Schriftstück“, sagt Sprecher Frank Scheulen. Klar ist aber, dass die durch die Grenzlage geschulten Aachener nicht allzu viel falsch gemacht haben können.

Als im Westbahnhof nämlich noch die Züge mit den Kesselwagen aus den Häfen Rotterdam und Antwerpen zusammengestellt wurden, war der ABC-Zug mindestens ein Mal pro Woche im Gaseinsatz. Diese Aufgabe ist nun aber weitgehend nach Köln verlagert worden.

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