Aachen: Razzia im Ostviertel: Betroffene setzen weiter auf die Polizei

Aachen: Razzia im Ostviertel: Betroffene setzen weiter auf die Polizei

Der 55-jährige Türke fand gegen 19 Uhr auf dem Elsassplatz klare Worte: „Das müssen Sie jeden Tag machen. Dann können meine Kinder wieder rausgehen.“ Zurzeit lässt der Anwohner der Elsassstraße sie nur in Eilendorf oder im Brander Wald spazieren gehen. Zu heiß gehe es vor der eigenen Haustüre zu.

Daran wollte die Polizei am Dienstag etwas ändern und massiv Präsenz zeigen. Zu viele Fragen stellen sich, nachdem am letzten Donnerstag ein 23-jähriger Beamter einen von ihm entdeckten Straftäter fassen wollte und selbst in Bedrängnis geriet. Er wurde von einer Gruppe von 15 jungen Männern verfolgt, hatte schon den Schlagstock erhoben und die Hand an der Schusswaffe, machte aber von ihr keinen Gebrauch, „weil die Situation zu unübersichtlich war“, so Polizeisprecher Paul Kemen. Er verteidigte noch einmal den Rückzug an diesem Abend: „Das war in diesem Moment die einzig richtige Reaktion.“ Selbst als die Polizei Verstärkung holte, musste sie sich später zurückziehen, weil die dann 15 Beamte 60 teilweise aggressiven Personen gegenüberstanden und die Gefahr bestand, dass Unbeteiligte hineingezogen wurden.

„Heute wollen wir klotzen“

Gestern hatten die Ordnungshüter genügend Kräfte beisammen. Einsatzleiter Christian Außem: „Heute wollten wir klotzen.“ Schließlich gibt es viel zu klären: Wo kamen die 60 Personen her, wo halten sie sich normalerweise auf, wie sind die Kommunikationswege? Kemen: „Wir wollen wissen, was hier los ist.“

Doch die knapp 100 Kräfte mussten schnell wieder abziehen, ein Schauer und eine zu frühe Radiomeldung sorgten dafür, dass der Platz fast menschenleer war. Immerhin konnte ein Haftbefehl vollstreckt werden, ein Mann wurde wegen einer Verurteilung zu 46 Tagen Haft, ersatzweise 1300 Euro, gesucht. Den namentlich bekannten 20-Jährigen, der am letzten Donnerstag flüchten konnte, hofft Außem, der die Fortsetzung der Kontrollen ankündigte, ebenfalls bald einzukassieren: „Wir sind sicher, dass wir ihn in den nächsten Tagen kriegen.“ Überprüft worden seien im Beisein des Gewerbeamtes auch einige Lokale — keine Beanstandungen.

Als derzeit ranghöchster Vertreter der Stadt war auch Personaldezernent Dr. Lothar Barth gekommen. Er war den ganzen Tag von aufgebrachten Bürger angerufen worden, die unter anderem monierten, dass die Polizei so spät reagiere. Die Stadt sei von der Eskalation am letzten Donnerstag überrascht worden: „Wir hatten keine Erkenntnisse, dass die so gut strukturiert sind, dass in kürzester Zeit 60 Leute zusammentelefoniert werden können.“ Nur von kleineren Cliquen habe man gewusst.

Hört man sich in den Clubs, Lokalen und Geschäften an der Elsassstraße um, dann halten sich die meist türkischstämmigen Inhaber mit Auskünften merklich zurück. Man kenne einige der jungen Männer, wisse aber auch nicht mehr, sagen sie auf Anfrage. Einer spricht von „den Jungs aus der Straße und ihren Gegnern“.

Auf den Punkt bringt es die Anruferin in der Lokalredaktion, sie wohnt im Elsassviertel. Ihren Namen will sie vorsichtshalber nicht in der Zeitung lesen: „Die Leute hier haben einfach Angst.“ Um nicht in die ausländerfeindliche Ecke gestellt zu werden, sagt sie gleich zu Beginn: „Ich habe viele nette türkische Bekannte im Schrebergarten. Die sind selbst entsetzt darüber, was hier passiert.“ Und gleich schildert sie einige Vorfälle aus der jüngsten Zeit. Etwa dass ein junger Mann an der Bushaltestelle einem wartenden Fahrgast eine Flasche Bier über den Kopf schüttete. Als sie ihn ansprach, sei sie ebenfalls bedroht worden: „Ich weiß, wo Du wohnst, ich steche Dich ab.“ Daraufhin habe sie geantwortet, er könne ruhig kommen, sie habe einen kräftigen Teppichklopfer. Der Busfahrer habe übrigens nicht reagiert. Ein andermal habe ein junger Mann Müll am Kennedypark abgeladen, berichtet die resolute 79-Jährige weiter, auch den habe sie angesprochen und zur Antwort erhalten: „Alte Hure! Weshalb bist Du nicht weg?“

Immer wieder stünden Luxuslimousinen in der zweiten Reihe, ohne dass etwas passiere, oder diese brausten trotz Verbots über den Elsassplatz: „Es sind viel zu wenig Politessen da.“

Das bestreitet Detlev Fröhlke, Leiter des Ordnungsamtes: „Es vergeht kein Tag, wo wir nicht zumindest mit einer Fußstreife vor Ort sind.“ Kürzlich habe man an einem einzigen Tag in der Elsassstraße 30 Knöllchen ausgestellt. Auf besondere Anforderungen, etwa von blockierten Fahrern der Aseag, reagiere man auch spontan.

Klar ist seit Dienstag, dass das Thema Eskalation am Elsassplatz auch die Aachener Kommunalpolitik beschäftigen wird, die sich zurzeit allerdings weitgehend in Herbsturlaub befindet. Daniela Lucke, Geschäftsführerin der SPD-Fraktion: „Wir werden das auf die Tagesordnung der nächsten Vorstandsitzung setzen.“ Es handele sich um ein Problem, das langfristig nicht allein durch erhöhte Polizeipräsenz gelöst werden könne. Dabei habe sich doch gerade in diesem Bereich viel Gutes getan.

Lucke spielt damit auf die ehemalige Nadelfabrik am Reichsweg an, die eigens eine Verbindung zum Kennedypark erhalten hat, mit Stadtteilbüro, Box-Gym, Jugend gegen Gewalt und Werkstatt der Kulturen. Auch Hilde Scheidt (Grüne) will, dass „wir schnell reagieren. Was muss man tun?“ Sie wird dem Oberbürgermeister, der sich noch im Urlaub befindet, vorschlagen, möglichst rasch die Stadtteilkonferenz und den Runden Tisch zusammenzutrommeln.

Zunächst aber brauche man mehr Informationen, die die Polizei am Dienstag vergeblich zu bekommen versuchte. Etwa ob es sich um eine Auseinandersetzung verfeindeter Gruppen handele. Auch CDU-Fraktionschefin Maike Schlick kündigte an, dass „wir uns mit Sicherheit in der nächsten Fraktionssitzung mit dem Thema beschäftigen werden“.