Aachen: Rätselhafte Botschaften im Beton-Baum

Aachen: Rätselhafte Botschaften im Beton-Baum

Martin Campo schüttelt entgeistert den Kopf. „So etwas habe ich in 23 Dienstjahren noch nicht gesehen”, sagt der Mitarbeiter des Aachener Stadtbetriebs. Sein Kollege Dorian Estorer pflichtet ihm bei, während er einen teilweise einbetonierten Baum auf der Kapellenstraße betrachtet.

Dort, in der Burtscheider Fußgängerzone, hatten Geschäftsleute am frühen Morgen die seltsame Entdeckung gemacht. Vandalismus der nächsten Generation. Ungewöhnlich, skurril und vor allem ärgerlich, wie der stellvertretende Leiter des Stadtbetriebs, Peter Maier, moniert.

Strafanzeige gegen Unbekannt

Für Maier hat der Betonanschlag auf einen Baum in Burtscheid das Fass zum Überlaufen gebracht. „Wir haben direkt heute Morgen Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt”, berichtet er. Denn das, was Martin Campo und Dorian Estorer am Mittwoch erblickten, hatten Kollegen der beiden in den vergangenen Monaten bereits zu Gesicht bekommen. „Es ist der fünfte Fall dieser Art”, bestätigt Maier. Jetzt, so der Vizechef, sei es Zeit, die Reißleine zu ziehen.

Im Mai begann das Drama um die Bäume. „Die Art, wie der oder die Täter vorgehen, ist stets gleich”, erklärt Maier. Eine sockelartige Holzkonstruktion wurde in etwa anderthalb Metern Höhe an den Stamm montiert. Darüber wurde der Baum 50 Zentimeter breit mit Klarsichtfolie eingewickelt. Dann installierte der Täter eine dünne Holzummantelung, die unten mehr oder weniger fachmännisch an den Sockel geschraubt wurde. Den Hohlraum zwischen Schale und Rinde füllte er schließlich mit Beton. Vollendet wurde das Werk mit einer weiteren dicken Schicht Klarsichtfolie um das komplette Gebilde. Das wirklich Skurrile entblätterte sich den Stadtbetrieb-Mitarbeitern aber erst, als sie die Holzschale abnahmen.

In Spiegelschrift hatte der Unbekannte mit Silikon den Spruch „Es kann nicht sein, was nicht sein darf” auf das dünne Holz aufgetragen, der dann im angetrockneten Beton lesbar wurde. „Hier beobachten wir ein absolutes Novum in Aachen”, stellt Peter Maier fest. Die Masche sei stets dieselbe, lediglich die Sprüche variierten. Einmal versuchte sich der illegal agierende „Beton-Künstler” sogar in englischer Sprache. Seine bisherigen Tatorte: Steinkaulstraße, Ludwigsallee, Jakobstraße, Kapuzinergraben und jetzt die Kapellenstraße.

80 Euro kostet es jedes Mal, den unerwünschten Betonmantel samt mysteriöser Botschaft zu entfernen. „Wir sind wirklich sprachlos”, gibt Maier zu. „Was einen Menschen, der Bäume einbetoniert, bewegt? Fragen Sie mich etwas Leichteres!” Die Kosten seien ärgerlich, aber nicht der Hauptgrund, dass nun Strafanzeige erstattet worden sei, sagt der stellvertretende Stadtbetrieb-Leiter: „Mir sind die Bäume wichtiger als der etwaige Sinn, der hinter dieser Aktion steckt.”

Ob hier ein verschrobener Künstler der Welt sein ganz besonderes Werk präsentieren möchte? „Das weiß ich nicht. Das Schlimmste wäre aber, wenn so etwas Schule macht”, sagt Maier und fürchtet Nachahmer. Beton an Bäumen statt Graffiti an den Wänden - für die Aufräum- und Instandhaltungstrupps keine fröhlich stimmende Aussicht. Maier hat recherchiert, ob andere Städte mit ähnlichen „Betonkunst-Kuriositäten” zu kämpfen haben. Fehlanzeige. Dass das Ganze zu einer unendlichen Geschichte wird, ist für Maier jedenfalls „nicht hinnehmbar”.

Bisher kamen keine Hinweise aus der Bevölkerung. „Dabei kommt der Täter sicherlich nicht mit dem Fahrrad und ist auch nicht nach zwei Minuten fertig”, hofft Maier, dass man dem „Beton-Künstler” bald auf die Schliche kommt.

In Burtscheid war ein „Liquidambar styraciflua”, ein Amberbaum, das Opfer. Passiert sein muss das sonderbare Schauspiel in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch direkt vor der Gaststätte „Burtscheider Quelle”. Hans-Peter Lambertz, dessen gleichnamiger Blumenladen nur wenige Meter vom „Betonbaum-Tatort” entfernt liegt, meldete den skurrilen Anblick dem Stadtbetrieb. „Es wird immer schlimmer mit dem Vandalismus”, findet er.

Mit Schraubenzieher, Zange und Hammer rückten Campo und Estorer der illegalen „Kunst” am Baum zu Leibe. In Minutenschnelle landete das zerbröselnde Werk im Müllsack. Zurück bleibt die Frage: Wer ist für die seltsame Aktion in Burtscheid und an vier anderen Orten im Stadtgebiet verantwortlich? Eines scheint der Beton-Künstler schon selbst erkannt zu haben: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf”. Nur handelt er bisher zum Leid der Bäume nicht nach danach.