Aachen: „Pulse of Europe“: Von diesen Demos kriegt sie nicht genug

Aachen : „Pulse of Europe“: Von diesen Demos kriegt sie nicht genug

An ihre erste und lange Zeit einzige Demonstration kann sich Beate Roderburg kaum noch zurückerinnern. Irgendwann in der Schulzeit war das, sagt die 34-Jährige. Damals ging es um den Protest gegen Einschnitte bei Schulbusfahrten. Ob die Demo Erfolg hatte, weiß sie schon gar nicht mehr. So gesehen hat ihr Leben vor zwei Monaten eine echte Wendung genommen.

Denn inzwischen ist die junge Steuerberaterin nicht nur eine durch und durch erfahrene Kundgebungsteilnehmerin, sie ist auch Organisatorin und Netzwerkerin. Beate Roderburg ist als Frau der ersten Stunde der Bürgerbewegung „Pulse of Europe“ in Aachen auch eine ihrer treibenden Kräfte.

Es ist ein Projekt, das sie mit Herzblut betreibt und für das sie gemeinsam mit ihren Mitstreitern seit März Sonntag für Sonntag die Befürworter der europäischen Einigung und der EU in Aachen zusammenführt. Auch am Sonntag kamen nach Veranstalterschätzungen wieder annähernd 2000 Menschen auf dem Katschhof zusammen, die anlässlich der Präsidentschaftswahlen in Frankreich diesmal einen Liebesgruß ins Nachbarland entsandten: „Aachen aime La France.“

Dass es diese Bewegung überhaupt gibt, hat sie Anfang des Jahres erstmals von ihrem in Köln lebenden Bruder erfahren. Der habe ihr von seiner Teilnahme an einer „Pulse of Europe“-Demo erzählt, und sie habe einen Stoßseufzer getan: „Na endlich melden sich auch mal die anderen zu Wort.“

Lange Zeit hatte sie das Gefühl, dass die Unzufriedenen, die Spalter, die Hetzer, die Nationalisten und die Europa-Skeptiker die Schlagzeilen viel zu sehr bestimmten. So war sie froh, dass es endlich die Möglichkeit gab, Brexit, Trump, Pegida, Le Pen und anderen Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen. „Ich bin dann auch da hingegangen und war gleich beeindruckt von dieser positiven Stimmung. Ich hatte das Gefühl, da wird keiner ausgegrenzt. Es ging nicht um Radau.“ Noch auf der Rückfahrt von Köln nach Aachen war ihr klar, dass sie so etwas auch in der „Europastadt“ im Dreiländereck aufziehen wollte. „Gerade Aachen wäre doch schlimm getroffen, wenn es die EU nicht geben würde“, sagt sie. Jeder kennt hier doch jemanden, der auf der anderen Seite der Grenzen wohnt oder arbeitet. „Hier funktioniert Europa.“

Blick in die Zukunft

Und während Beate Roderburg bis dahin nach eigenen Angaben politisch nie aktiv war, ist sie inzwischen tief eingetaucht in die Bewegung und Teil des großen Räderwerks, das seinen Antrieb in Frankfurt hat. Dort lebt das Anwaltsehepaar Sabine und Daniel Röder, das „Pulse of Europe“ ins Leben gerufen hat und das auch die Aachener Organisatoren Beate Roderburg, Joachim Sina, Friedrich Jeschke und Matthias Caspar-Bours, die sich allesamt zuvor nicht kannten, zusammengebracht hat. Und in Frankfurt kamen am vergangenen Wochenende auch die Mitstreiter von „Pulse of Europe“ zu einem großen Strategietreffen zusammen, an dem auch Beate Roderburg teilgenommen hat. Beraten wurde dort unter anderem, wie es weitergehen soll mit der Bewegung.

Eigentlich war bislang nur verabredet, die Pro-Europa-Kundgebungen bis zur Bundestagswahl im September fortzusetzen. Doch Beate Roderburg gehört längst jener Gruppe an, die das Projekt dann nicht einfach auslaufen und sterben lassen will. „Ich will weitermachen“, bekräftigt sie und ist froh, mit dieser Meinung nicht alleine dazustehen. Man habe sich jetzt auf Strukturen verständigen können, dass es dauerhaft weitergehen könne, sagt sie, will aber noch nicht mehr verraten, weil man zunächst noch die Stimmung in weiteren beteiligten Städten einfangen will.

Klar sei aber, dass „Pulse of Europe“ überparteilich bleiben soll. Ein Alleinstellungsmerkmal sei, dass jeder zu den Veranstaltungen hingehen und dort reden kann. Allerdings weiß Roderburg auch, dass ein schlichtes „Ja zu Europa“ auf Dauer zu wenig ist, um die Menschen Woche für Woche auf die Straße zu locken.

„Die EU muss bleiben“, sagt sie, „aber sie muss verbessert werden, man muss auf dem Status quo aufbauen.“ Aber was soll man ändern und was muss verbessert werden? Antworten darauf zu geben, sei für diese Bewegung ein „Drahtseilakt“, sagt sie. „Wir können die Forderungen nicht zu eng ziehen, wir wollen kein Parteiprogramm schreiben.“ Und so schwebt den Aachenern vor, künftig Wünsche, Forderungen und Kritik der Bürger zu sammeln und an die Parteien weiterzureichen. „Die Bürger könnten etwa Karten ausfüllen und aufschreiben, was ihnen besonders wichtig ist.“ Das könnte dann in die Parteiprogramme einfließen.

Einladung zum Karlspreis

Die Politik verfolgt ohnehin längst mit gesteigertem Interesse, wie sich „Pulse of Europe“ weiterentwickelt. Und auch das Karlspreis-Direktorium ist darauf aufmerksam geworden und hat das Ehepaar Röder anlässlich der nächsten Preisverleihung an den britischen Historiker Timothy Garton Ash ebenfalls nach Aachen eingeladen.

Bis dahin wird der Pulsschlag Europas noch einige Male auf dem Katschhof zu hören sein: Immer sonntags, immer ab 14 Uhr.

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