Prozess zum tödlichen Fahrrad-Unfall am Hansemannplatz startet

Tödlicher Unfall am Hansemannplatz : Der Tod einer Radfahrerin und die schwierige Suche nach der Wahrheit

Als am 27. April 2017 am Hansemannplatz ein Bus eine Radfahrerin überrollte, machte der Unfall wochenlang Schlagzeilen – wegen des tödlichen Ausgangs und weil er die Diskussion um die Sicherheit im Radverkehr in Aachen neu befeuerte. Jetzt begann vor dem Amtsgericht der Prozess gegen den Busfahrer mit widersprüchlichen Zeugenaussagen. Dem Richter dürfte eine schwierige Wahrheitsfindung bevorstehen.

Am Anfang steht der Versuch einer Entschuldigung. Eigentlich möchte sich der Angeklagte vor Gericht zunächst einmal gar nicht äußern, doch dann bricht es doch aus ihm heraus. „Es tut mir von ganzem Herzen weh, ich würde alles sehr, sehr gerne wieder rückgängig machen“, sagt der 41-Jährige. Und: „Ich möchte mich entschuldigen für den tragischen Unfall.“

Am 27. April vorigen Jahres saß der Mann gegen 15.30 Uhr hinter dem Lenkrad eines Aseag-Busses der Linie 57 und steuerte ihn die Monheimsallee hinunter in Richtung Hansemannplatz. Dort hielt er laut Anklageschrift zunächst an der roten Ampel, fuhr dann bei Grün an und wollte nach rechts in die Peterstraße in Richtung Bushof abbiegen. Dabei übersah er jedoch eine 29-jährige Radfahrerin, die rechts neben dem Bus auf dem Schutzstreifen geradeaus fahren wollte. Der Bus kollidierte mit dem Rad, die Frau stürzte, wurde vom rechten Vorderrad überrollt, erlitt schwerste Kopfverletzungen, starb noch an der Unfallstelle. Ein tragischer Tod, den der Fahrer hätte vermeiden können, wenn er die nötige Sorgfalt hätte walten lassen – davon ist die Staatsanwaltschaft nach langen Ermittlungen überzeugt.

Deshalb sitzt der Busfahrer nun auf der Anklagebank und muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten, wofür das Gesetz eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe vorsieht. Doch an diesem Morgen entschuldigt er sich nicht nur, sondern beteuert auch mehrfach, sich nicht erklären zu können, wie es zu dem Unfall kommen konnte.

Er sei eigentlich ganz normal langsam und wie immer nach rechts abgebogen und habe nirgends eine Radfahrerin wahrgenommen, „zu keiner Zeit“, wie er betont. „Wenn sie rechts neben mir an der Ampel gestanden hätte, hätte ich sie garantiert gesehen“, sagt der Busfahrer. „Und wenn sie von hinten gekommen wäre, hätte ich sie auch im Spiegel gesehen.“

Grundsätzlich „achte ich extrem auf Radfahrer“, fügt er hinzu. Doch dann habe er beim Abbiegen plötzlich einen „dumpfen Schlag“ verspürt, sei „irgendwo drübergerollt“ und habe dann angehalten, weil eine Passantin wild winkend signalisierte, dass etwas passiert war.

Wie es dazu kommen konnte, dass der Bus die Radfahrerin überrollte, will Richter Simon Schäfer herausfinden, und das nicht nur an diesem Morgen. Drei Verhandlungstage sind angesetzt, für ein Amtsgericht, wo Prozesse in der Regel höchstens ein paar Stunden dauern, geradezu ein Mammutverfahren. Ein Rechtsmediziner und ein Verkehrssachverständiger nehmen am Prozess teil, dazu sollen elf Zeugen zur Wahrheitsfindung beitragen.

Doch es zeigt sich schon am ersten Tag, dass dies kein leichtes Unterfangen wird – und das nicht nur, weil zwei Zeugen unentschuldigt fehlen und deshalb zu einem Ordnungsgeld von 150 Euro verurteilt werden und zum nächsten Termin „vorgeführt“ werden sollen, wie der Richter beschließt.

Es sind vor allem die Widersprüche in den Zeugenaussagen, die es schwierig nachvollziehbar machen, was an jenem Tag wirklich geschehen ist. Stand der Bus zum Beispiel wirklich zuerst an der roten Ampel am Hansemannplatz und rollte dann langsam an und bog ab? Der Busfahrer behauptet das, die Staatsanwaltschaft geht in der Anklage davon aus, doch mehrere Zeugen sagen aus, der Bus habe am Hansemannplatz nicht anhalten müssen. Und wann befand sich die Radfahrerin wo? Fuhr sie möglicherweise sogar über den Bürgersteig und die Fußgängerampel, wie es ein Zeuge gesehen haben will? Oder doch auf dem Radstreifen, wie die meisten anderen aussagen?

Auf dem Richtertisch wird an diesem Morgen ein großes Luftbild der Kreuzung ausgebreitet. Die Zeugen werden nach vorne gebeten, um mit einem kleinen gelben Spielzeugbus und einem Miniaturfahrrad zu demonstrieren, wie sie die Situation erlebt oder zumindest in Erinnerung haben. Generell zeigt sich dabei, dass es große qualitative Unterschiede in den Zeugenaussagen gibt. Und dass es nicht unbedingt zur Wahrheitsfindung beiträgt, wenn zwischen Unfall und Gerichtsverhandlung mehr als eineinhalb Jahre vergehen.

Sehr klar wird an diesem Morgen allerdings, was für dramatische und auch verstörende Szenen sich im Bus und rund um die Unfallstelle abgespielt haben müssen. Im Bus befanden sich unter anderem 23 Kindergartenkinder, die mit ihren Erzieherinnen von einem Ausflug zurückkamen. Die Betreuerinnen berichten teils unter Tränen, wie sie versuchten, das Schreckliche vor den Augen der Kinder zu verbergen. Eine angehende Erzieherin, die seinerzeit als Praktikantin dabei war, erzählt davon, wie sie noch versucht habe, die Radfahrerin durch Schläge gegen die Scheibe zu warnen, weil sie gesehen habe, wie gefährlich die Situation war.

Eine andere berichtet von Fahrgästen im hinteren Teil des Busses, die sich nach dem Unfall beschwerten, weil es nicht weiterging. Sie wussten zunächst nicht, was passiert war. Das galt auch für den Fahrer. „Was ist das?“, habe dieser nach dem dumpfen Schlag gerufen, erinnert sich eine Zeugin: „Ich sagte ihm dann: Da ist eine Radfahrerin unterm Bus.“ Und der Fahrer wiederum beschreibt noch ein verstörendes Detail: Nach dem Unfall habe er gesehen, dass einer neben dem Bus „auf dem Boden lag und mit dem Handy die tote Frau fotografierte“, sagt er. „Unbegreiflich“ sei das für ihn gewesen.

Greifbar wird vor Gericht auch, dass der Hansemannplatz von vielen als Unfallbrennpunkt wahrgenommen wird. Der Busfahrer spricht von einer „gefährlichen Stelle“, einer „komischen Abbiegespur“. Es sei dort „sehr unübersichtlich, man muss sich auf so viele Sachen konzentrieren“. Und eine der Erzieherinnen kommentiert die Radwegführung schlicht mit den Worten: „Das ist an dieser Kreuzung eine Katastrophe.“

Die Stadt hatte nach dem Unfall reagiert und die rote Markierung des Radstreifens weiter in die Kreuzung hinein verlängert. Ob das reicht, ist fraglich und wird vor allem vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub heftig bestritten.

Doch darüber wird Richter Simon Schäfer nicht urteilen. In seinem Prozess (Fortsetzung 23. November, 9 Uhr, Justizzentrum Aachen) geht es nur um die Frage nach der individuellen Schuld an einem tödlichen Unfall. Damit dürfte er aber auch genug zu tun haben.

Mehr von Aachener Nachrichten