Protest in Aachen wegen eines geplanten Kita-Neubaus

Ärger über Kita-Pläne in Haaren : Wieder soll ein Stückchen Grün verschwinden

Wie weit die Meinungen von Politik und Bürgern auseinanderliegen können, ist in diesen Tagen in Haaren gut zu sehen. Dort wächst die Empörung über die geplante Bebauung einer Streuobstwiese an der Welschen Mühle, die von den Bezirksvertretern parteiübergreifend für den Bau einer neuen Kindertagesstätte auserwählt worden ist.

Anwohner machen derzeit mobil, um das Vorhaben noch zu verhindern. Gut 1000 Flugblätter haben Rita Dautzenberg und Marion Liesens in den zurückliegenden Wochen unter die Leute gebracht, um sie über die Planungen für einen Kita-Neubau an einem aus ihrer Sicht völlig ungeeigneten Ort zu informieren. Die Reaktionen, die sie damit ausgelöst haben, dürften nun auch die Bezirksvertreter überraschen, die sich bereits im April einstimmig für den Bau einer sechsgruppigen Einrichtung an der Mühlenstraße ausgesprochen hatten. Damals feierten sie sich selbst dafür, nach längerer Suche einen idealen Standort gefunden zu haben. Doch inzwischen wächst der Widerstand – was auch ein Ergebnis der Aufklärungsarbeit von Dautzenberg und Liesens ist.

„Völlig schwachsinnige Idee“ und „Unverschämtheit“ sind noch die harmloseren Kommentare über die geplante Bebauung der Wiese, die seit Generationen Bestandteil der Grünanlage an der Welschen Mühle ist. Enten watscheln dort über die Wiese und dümpeln im kleinen Teich, Kinder toben auf dem Spielplatz oder jagen den Eichhörnchen hinterher. Zu Ostern werden dort auch schon mal Osternester versteckt. Bewohner des nahen Altenheims sitzen auf den Bänken oder drehen mit dem Rollator eine Runde durch den Park.

„Die Obstwiese gehört zum historischen Ensemble der Welschen Mühle, dient vielen Bürgerinnen und Bürgern als Naherholungsgebiet und ist eine der letzten Grünflächen im Zentrum von Haaren“, heißt es in dem von Rita Dautzenberg und Marion Liesens verteilten Flugblatt. Es sei ein Ort, an dem Gemeinschaft noch gelebt wird, meinen sie. Und so scheinen es nicht nur die unmittelbaren Nachbarn, sondern auch die Menschen aus dem weiteren Umfeld zu sehen. Denn über mangelnden Zuspruch können die beiden Initiatorinnen gegen die geplante Bebauung nicht klagen, wie ein Treffen vor Ort zeigt. Um so größer ist der Ärger der Anwesenden über den Beschluss der Bezirksvertreter. „Wer ist nur auf so eine Blödsinnsidee gekommen“, fragen sich die Bebauungsgegner.

Nicht die Rolle der Kinderhasser einnehmen

Dautzenberg und Liesens haben einige Argumente zusammengetragen, die gegen einen Kita-Neubau an der Stelle sprechen – und die tragen sie auch sachlich und ruhig vor. Keinesfalls wollen sie sich in die Rolle von Kinderhassern drängen lassen, wie es ihnen bereits in einer Bürgerfragestunde widerfahren ist. Absurd sei das, sagen sie. Schließlich haben sie selbst jeweils drei Kinder großgezogen. Kinderlärm sei für sie nie ein Problem gewesen, und leise sei die stark befahrene Wohngegend auch jetzt nicht.

Dafür werfen sie jedoch den städtischen Planern Versäumnisse vor. Denn in den letzten Jahren seien einige neue Wohngebiete in Haaren entstanden, doch nirgends habe man eine Kita eingeplant. Das räche sich nun. Dass man das Manko in einer Ecke von Haaren beheben will, wo nur wenige Familien mit kleinen Kindern wohnen, empfinden sie hingegen als falsch, zumal es nur wenige Schritte entfernt – Auf Überhaaren – eine bestehende Einrichtung gibt, die den Bedarf in dem Viertel problemlos decken könne.

So gehen sie davon aus, dass die etwa 120 Kinder, die eines Tages in der neuen Kita einen Betreuungsplatz finden sollen, künftig mit dem Auto gebracht werden müssten. Der Verkehr in den schon jetzt stark befahrenen engen Wohnstraßen werde weiter zunehmen, fürchten sie. Es gebe besser geeignete Grundstücke, sind sie überzeugt. Etwa im Bereich Burghöhenweg, wo es derzeit ohnehin den größten Bedarf gibt, oder auch an der Haarener Gracht, wo zugleich auch Eltern aus Verlautenheide mitbedient werden könnten.

„Auswahl der Grundstücke nicht sorgfältig genug abgewogen“

Gerade der Bereich um Hüls und Haarbachtal sei schon heute stark belastet, weil es dort viele öffentliche Einrichtungen gibt: Schule, Kita, Altenheim, Haarbachtalhalle, Bibliothek, Bolzplatz, Spielplätze und Welsche Mühle. Im Sinne einer ausgewogeneren Verteilung sollte man daher nun auch andere Stadtviertel ins Auge fassen, finden Dautzenberg und Liesens. „Der Burghöhenweg fällt jedem sofort als Alternative ein“, sagen sie. Warum die Bezirksvertreter darauf nicht gekommen sind und die Stadt das nicht geprüft hat, erschließt sich ihnen nicht. „In unseren Augen hat man bei der Auswahl der Grundstücke nicht sorgfältig genug abgewogen.“

Mit der Rückendeckung ihrer Unterstützer hoffen sie nun, noch ein Umdenken bewirken zu können. „Wir kämpfen mit dem Mut der Verzweifelten“, sagen sie, wohl wissend, dass die Zeit gegen sie arbeitet. Denn die Planungen für die neue Kita schreiten nach den Beschlüssen im Frühjahr in der Bezirksvertretung und im Kinder- und Jugendausschuss schnell voran.

Aktuell bereitet die Verwaltung eine Bebauungsplanänderung vor, um Baurecht an der Mühlenstraße zu schaffen. In Kürze soll die Öffentlichkeit informiert werden, Mitte nächsten Jahres könnten schon die ersten Aufträge an die Planer und Architekten vergeben werden. Geht alles glatt, sei mit der Fertigstellung und Inbetriebnahme im September 2023 zu rechnen, teilte die Verwaltung am Montag auf Anfrage mit.

„Wir hoffen jetzt auf das Bürgerforum als Schiedsrichter“, sagen Dautzenberg und Liesens, die die Wiese von jeglicher Bebauung freihalten wollen. Für Januar habe inzwischen allerdings auch Bezirksbürgermeister Ferdinand Corsten ein Gespräch mit den Bebauungsgegnern in Aussicht gestellt.