Projekt "Verrückt? Na und!" im Pius-Gymnasium in Aachen

Seelische Gesundheit: Ein Thema, über das viel zu selten geredet wird

Das bundesweite Präventionsprogramm „Verrückt? Na und!“ hat im Pius-Gymnasium Halt gemacht. Für viele der 30 Schülerinnen und Schüler ist es das erste Mal, dass sie sich mit dem Thema psychische Gesundheit auseinandergesetzt haben.

Als Renate Wenzel das Wort ergreift, muss Marie Wilhelmi erst mal schlucken. „Erschreckend“ sei es gewesen, wie offen Wenzel von ihrem Leben berichtet. „Das muss ich erst mal verarbeiten“, sagt die 15-jährige Schülerin rückblickend. Denn Wenzels Lebensgeschichte ist auch eine Leidensgeschichte. Eine Geschichte geprägt von Depressionen, Psychiatrieaufenthalten und schließlich der Diagnose, dass sie an der Bordeline-Persönlichkeitsstörung erkrankt ist. Für die rund 30 Schülerinnen und Schüler des Pius-Gymnasiums kratzt Wenzel mit ihren Erzählungen zwar nur an der Oberfläche. Doch schon das hinterlässt bei den Neuntklässlern einen nachhaltigen Eindruck. Schließlich ist es für einige von ihnen das erste Mal, dass sie sich mit dem Thema psychische Erkrankung und vor allem psychische Gesundheit auseinandersetzen.

Ermöglicht wird dies über das Projekt „Verrückt? Na und!“. Das bundesweite Präventionsprogramm des Vereins „Irsinnig menschlich“ richtet sich an Schüler im Alter von 14 bis 25 Jahren und ihre Lehrkräfte. Unter Anleitung von Seelsorgern soll das Projekt dabei helfen, Ängste und Vorurteile abzubauen und ein Bewusstsein für die schwierige Thematik seelische Gesundheit zu schaffen. Fünf Stunden lang sitzen die Schüler der 9c an diesem Tag unter anderem mit Renate Wenzel als „persönliche Expertin“ und Caroline Braun, Psychiatrieseelsorgerin und Koordinatorin des Programms in Aachen, zusammen. Und setzen sich mit Dingen auseinander, über die immer noch viel zu selten und viel zu leise gesprochen wird.

Dabei ist die Anzahl der Betroffenen groß. Rund ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts von psychischen oder Verhaltensproblemen betroffen. Umso wichtiger sei es, dass man Jugendliche frühzeitig für das Thema sensibilisiert, so die Verantwortlichen. Nicht nur, damit sie wissen, wo sie Hilfe und Unterstützung erhalten, wenn sie selbst in eine psychische Krise geraten. Sondern auch, um ein offenes Auge für ihre Mitmenschen – Schüler wie Erwachsene – zu haben. Und vor allem, um gegen das Stigma „psychisch krank“ anzukämpfen. „Wir sind kein Krisenteam und keine Therapeuten“, stellt Braun klar. „Wir verstehen uns als Augenöffner und Mutmacher.“ 2018 hat die Regionalgruppe Aachen das Projekt an 15 Tagen in Schulen umgesetzt. Bis Ostern seien im laufenden Jahr schon knapp zehn Tage gebucht.

Ein Projekttag besteht aus drei Bausteinen: In einem ersten Schritt tasten sich die Schüler an das Thema heran. In Phase 2 werden sie in Gruppen eingeteilt und widmen sich jeweils einer anderen Aufgabenstellung. Anschließend berichtet ein Experte oder eine Expertin von seinen oder ihren persönlichen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen.

Dabei scheuen sich die Verantwortlichen nicht, auch die besonders schwierigen Themen anzupacken. Im Pius-Gymnasium beschäftigen sich Jonathan Pinkawa, 14, und seine Gruppe in Phase 2 etwa mit dem Thema Suizid und erarbeiten, welche Anzeichen darauf schließen lassen, dass jemand suizidgefährdet ist. Ganz schön harter Tobak. „Doch ich finde es wichtiger, dass man ein Kind damit vertraut macht, als es totzuschweigen“, sagt Jonathan. Sein Mitschüler Fritz Urlichs, ebenfalls 14, ergänzt: „Es ist ja nicht so, als hätten wir noch nie etwas von diesem Thema gehört. Dann ist es besser, wenn man Informationen von offizieller Seite bekommt als von irgendwelchen unseriösen Quellen.“

Dem schließen sich nicht nur Wenzel und Braun an. Stefanie Claßen, Vertrauenslehrerin am Pius-Gymnasium, bringt es auf den Punkt: „Wir müssen die Schüler dazu erziehen, wachsam durchs Leben zu gehen. Dazu gehört es auch, dass sie gegenseitig aufeinander achtgeben.“ Um das zu schaffen, müsse man offen miteinander reden. Und zwar auch über Themen, die einem nicht immer leicht über die Lippen kommen.

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