Projekt Talentscouting an der Gesamtschule Aachen-Brand

Kooperationsvertrag unterzeichnet : Damit jedes Talent seine Chance bekommt

Gleiche Bildungschancen für junge Menschen: Das ist das Ziel des Programms Talentscouting in Nordrhein-Westfalen. Die Gesamtschule Aachen-Brand ist eine von 32 beteiligten Schulen in der Region Aachen.

Die Gesamtschule Brand ist jetzt offiziell „NRW Schule im Talentscouting“. Den entsprechenden Kooperationsvertrag unterzeichneten Schulleiter Andreas Lux und die Vertreter der beteiligten Hochschulen, Professorin Martina Klocke für die Fachhochschule Aachen und Yusuf Bayazit für die RWTH, im Rahmen einer kleinen Feierstunde.

Partner sind die Gesamtschule und die beiden Hochschulen aber nicht erst seit Donnerstagnachmittag. Die Pilotphase läuft bereits seit dem Schuljahr 2017/18. „Aus der Projektphase sind wir jetzt raus“, stellte Andreas Lux erfreut fest. „Jetzt ist das Talentscouting verbindlicher Baustein unseres Angebots in der Berufsorientierung. Und wir sind stolz, so starke Partner an unserer Seite zu haben.“

Gürkan Özkan von der zentralen Studienberatung der RWTH ist so ein starker Partner. An der Gesamtschule Brand berät er als Talentscout junge Leute in der Frage, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. Orientierung ist generell wertvoll angesichts eines schier unübersichtlichen Angebots an Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten. Besonders wichtig aber ist Begleitung für jene Jugendliche, deren Eltern nicht studiert haben und es vielleicht nicht selbstverständlich finden, dass die Kinder nach dem Abitur an die Uni gehen. Zentrales Ziel des Projekts: Talente sollen über den Bildungsweg entscheiden, nicht Herkunft und familiärer Hintergrund. An der Gesamtschule Brand werden mittlerweile beinahe 40 junge Menschen auf diese Weise gefördert.

Lisa Lütten ist eines der Talente. Die 19-Jährige kam seinerzeit mit einer Hauptschulempfehlung an die Gesamtschule und steht nun kurz vor dem Abitur. Was sie werden wollte, das wusste sie schon lange: etwas im Bereich Tourismus. „Mein Vater hat 13 Jahre lang im Ausland gearbeitet und mir immer viel erzählt“, sagt sie. Studiert haben ihre Eltern nicht und können ihr deshalb nicht helfen bei Fragen zur Studienwahl, zur Bewerbung oder dazu, wie man sich an der Hochschule zurechtfindet. Gürkan Özkan dagegen kann solche Fragen beantworten. Er hat die 19-Jährige aber auch angeregt, ihre Interessen genauer auszuloten, und dabei haben sich auch andere mögliche Berufswege aufgetan. Lisa Lütten will sich jetzt noch etwas Zeit nehmen für die Berufsorientierung. „Ich bin dabei, Berufe zu erforschen“, sagt sie.

Jennifer Somuah (19) weiß dagegen schon ziemlich konkret, wo es langgehen soll. Jura habe sie zwar immer interessiert, aber sie möchte später auch gerne im sozialen Bereich arbeiten. Die Gespräche mit dem Talentscout haben ihr gezeigt, wie sie beides unter einen Hut bekommen kann. Unterstützt von Gürkan Özkan bereitet sie jetzt ihre Bewerbung für den Studiengang Soziale Arbeit vor. „Ich bin die erste in meiner Familie, die studieren will“, sagt sie. Da sei es gut, jemanden an der Seite zu haben, der sich auskennt.

Die Eltern von Moaaz Abdin haben studiert. Aber das war in Syrien. „Vor vier Jahren sind wir nach Deutschland gekommen“; erzählt der 21-Jährige. „Und meine Eltern wissen nicht, wie das hier mit dem Studium funktioniert. Sie können mir nicht helfen.“ Ein Medizinstudium ist Moaaz Abdins großer Traum. Aber mit einem Numerus clausus von 1,0 liegt die Hürde dafür mehr als hoch, das weiß er. Deshalb informiert sich Moaaz Abdin jetzt auch über andere Studienfächer.

„Schüler stark machen“

„Wir wollen die Schüler stark machen und ihnen helfen herauszufinden, wo ihre Stärken liegen“, sagt Schulleiter Andreas Lux. Das Talentscouting sei ganz persönlich auf jeden teilnehmenden Schüler zugeschnitten, das gefällt ihm besonders gut.

RWTH und FH arbeiten im Rahmen des Projekts mittlerweile mit 32 Schulen in der Region Aachen zusammen. „Wir betreuen rund 850 Schülerinnen und Schüler“, sagt Projektmanager Yusuf Bayazit. In der Stadt Aachen machen neun Schulen mit 240 Schülern mit. Bildungspaten fänden junge Leute sonst eher zufällig im Leben. Beim Talentscouting dagegen werde die langfristige emotionale und soziale Begleitung systematisiert. „Die Talentscouts sind immer ansprechbar“, versichert Bayazit, „das nimmt Hemmungen.“ Das Projekt sei kein Hochschul-Rekrutierungs-Programm, betont er. Vielmehr gehe es darum, die Wünsche und Neigungen jedes einzelnen zu identifizieren, ganz gleich, ob der Weg ins Studium oder in die Ausbildung führe.

„Wir sind stolz, dass wir über das Talentscouting Zugang zu den Schulen finden und dort Möglichkeiten und Chancen diskutieren könnten“, stellt Martina Klocke fest. Studienanfänger kämen heute mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen an die Hochschulen. „Darauf müssen wir uns einstellen und individuell fördern.“

Das NRW-Wissenschaftsministerium unterstützt das Talentscouting bis 2020 mit bis zu 6,4 Millionen Euro pro Jahr. Aktuell beteiligen sich 17 Hochschulen an dem Projekt. Und die ersten Talente, die durch das Programm gefördert werden, sind bereits an den Hochschulen angekommen. Auch Moaaz Abdins älterer Bruder ist mittlerweile Student. Für den 21-Jährigen steht deshalb fest: „Nie wieder ohne Talentscout.“

www.nrw-talentzentrum.de

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