Aachen: Programm „Jugend in Arbeit plus“ soll eingestellt werden

Aachen : Programm „Jugend in Arbeit plus“ soll eingestellt werden

Yvonne Schipper war schon kurz davor aufzugeben. Komplett niedergeschlagen sei sie gewesen, als ihr vom Jobcenter allenfalls ein 450-Euro-Job in Aussicht gestellt worden sei. Mit zwei kleinen Kindern, zudem noch alleinerziehend, sei eine Ausbildung einfach nicht zu machen, gibt Schipper den Tenor des damaligen Gesprächs wieder.

Dass die 26-Jährige diesen Monat ins zweite Ausbildungsjahr zur Fleischereifachverkäuferin gestartet ist, hat nach Ansicht der Aachenerin viel mit Glück zu tun. Und mit dem Einsatz von Andrea Gillessen de Pomareda von In Via Aachen und Thomas Jochum von der Handwerkskammer.

Seit 2010 ist Pomareda bei In Via als Beraterin für das Programm „Jugend in Arbeit plus“ verantwortlich. Über die Initiative des Landesministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales hat sie schon vielen jungen Erwachsenen wie Schipper aus der beruflichen Sackgasse geholfen. Das Programm wurde 1998 gegründet, um jungen Menschen, die sich bei der Jobsuche besonders schwer tun, in eine passgenaue sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln. Unterstützung erhalten sie von einem breiten Netzwerk von Beratungsstellen.

Neben den Wohlfahrtsverbänden sind die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern in das Programm involviert. Sie stellen Kontakte zu Arbeitgebern her und stehen auch darüber hinaus als Ansprechpartner zur Verfügung. Die einstellenden Betriebe erhalten unter bestimmten Voraussetzungen einen Einarbeitungszuschuss. Schipper jedenfalls ist überzeugt: „Ohne dieses Programm hätte ich keine Ausbildung gefunden.“

Aussagen wie diese werden in Zukunft allerdings nicht mehr zu hören sein. Nicht in Aachen, nicht in der Städteregion und auch nicht in NRW. Denn das Programm soll zum 31. Dezember auslaufen.

„Jugend in Arbeit plus“

Zu sagen, dass Pomareda diesen Entschluss bedauert, wäre zu kurz gegriffen. Die Berufsberaterin ist fassungslos, dass ausgerechnet in dem Jahr, in dem man das 20-jährige Bestehen des Programms hatte feiern wollen, dessen Beerdigung ansteht. Zumal sie dafür „keine plausible Begründung“ seitens des Arbeitsministers Karl-Josef Laumann (CDU) habe feststellen können. Dieser hatte betont, das durch den Europäischen Sozialfonds für Deutschland geförderte Programm mit Blick auf den Fachkräftemangel unter anderem deshalb einstellen zu wollen, weil andere Programme besser dazu geeignet seien, Jugendliche zu beruflichen Abschlüssen zu führen. Dabei gehöre „Jugend in Arbeit plus“, so Pomareda, zu den erfolgreichsten Programmen zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit. Zumal man seit 2015 auch verstärkt Jugendliche dabei unterstütze, eine Ausbildung zu beginnen.

Die Zahlen in der Städteregion Aachen sprächen für sich: Eine vorläufige Abfrage bei den Kooperationspartnern — insgesamt gibt es für „Jugend in Arbeit plus“ in der Städteregion fünf Berater auf umgerechnet drei Vollzeitstellen — hat laut Pomareda ergeben, dass zwischen Oktober 2015 und Dezember 2017 rund 550 Männer und Frauen dem Programm zugewiesen wurden. Von diesen wiederum hätten gut 270 eine langfristige Beschäftigung beziehungsweise Ausbildung aufgenommen. „Mit dieser Quote von fast 50 Prozent müssen wir uns nicht verstecken“, sagt die Beraterin, die sogleich den Vorteil der Initiative betont: „Im Gegensatz zu anderen Maßnahmen, wie sie etwa das Jobcenter anbietet, geht dieses Programm individuell auf die einzelnen Jugendlichen ein. Es gibt immer eine Face-to-Face-Beratung.“ Ob nun einmal, zweimal oder, wenn nötig, auch 20 Mal.

Keine vernünftige Alternative

Wie wichtig dieser individuelle Zugang zu den jungen Menschen ist, betont auch Robert Wolf. Der Fleischermeister, bei dem Yvonne Schipper in Teilzeit ihre Ausbildung absolviert, weiß, dass gerade das Handwerk auf Programme wie „Jugend in Arbeit plus“ angewiesen ist. „Es gibt viele Menschen, die es nicht auf direktem Weg ins Berufsleben führt. Deshalb muss man immer den individuellen Jugendlichen sehen — und das wird im regulären System zu wenig beachtet“, sagt Wolf.

Die Kooperationspartner in der Städteregion hoffen jedenfalls, dass sich das Ende der Initiative mit etwas öffentlichem Druck vielleicht doch noch verhindern lässt. Die politische Unterstützung von Daniela Jansen (SPD) und Albert Borchardt (Linke), die jeweils für das Amt des Städteregionsrats kandidieren, ist ihnen sicher. Ob das hilft, daran hegt aber selbst Jansen Zweifel. Die Signale aus dem Ministerium seien jedenfalls nicht ermutigend. Für die Städteregion Aachen wäre das mehr als bedauerlich: „Es gibt meiner Meinung nach kein anderes Programm, dass das kompensieren kann“, meint Jansen.

Yvonne Schipper betrifft das dann zwar nicht mehr. Aber viele andere junge Menschen, die sich schwer damit tun, Arbeit zu finden.

Mehr von Aachener Nachrichten