Prof. Christa Reicher will Stadtentwicklung voranbringen

Blick auf Aachen : Prof. Christa Reicher will die Stadtentwicklung voranbringen

Was macht eine Stadt aus? Na: Sagen Sie es doch, raus damit! Klar: ihre Menschen. Aber welche? Alle? Die meisten? Viele ja, manche nein. Oder wie? Die Historie natürlich. In Aachen: der Dom. Kaiser Karl, er, Marketinghelfer garantiert noch bis ins 26. Jahrhundert. Kein Flyer ohne Charlemagne.

Dann: der Karneval. Die Printe. Die Altstadt. Das Reitturnier. Die Alemannia. Ach: Keine Stadt ist wie diese. Jedes schöne Motiv wird als feierlicher Aufbruch zelebriert – zuweilen ins Ungewisse. Was wird aus dieser Zentrale gefühlter, aber offensichtlich nicht mehr tatsächlicher Überlegenheit? Dieses Investment an bedeutungsschweren Gefühlen hat seinen Charme, aber ihm fehle, so sagen es Experten und Externe, jegliche Vision.

Da macht sich eine seltsame Melange aus Potenzial und Defizit, aus Vermaach und Versagen, aus Ankündigung und Realität, aus Wunsch und Wirklichkeit breit. Die müsste jetzt geordnet und in eine zukunftsfähige Richtung gesteuert werden. Darum will sich mit Elan, Kompetenz, Ideen, Projekten und Kommunikation Christa Reicher kümmern. Sie ist Architektin, Stadtplanerin und hat jetzt den Lehrstuhl und das Institut für Städtebau an der RWTH Aachen übernommen.

Emotionale Bindung zu Aachen

Ihre kritische Analyse, ihre auch emotionale Bindung zu Aachen, ihre Bereitschaft zu verändern und die Stadt zukunftsfähig zu gestalten, könn(t)en wesentliche Faktoren sein, zunächst die Diskussion aus der Starre festgefahrener Wege zu befreien und dann neu zu beleben. Die verantwortlichen Akteure sollten das nicht – wie es gelegentlich und voreilig passiert – als Störung ihrer Kreise, sondern als Bereicherung für ihr Oberzentrum und die Region empfinden, als Chance.

Christa Reicher, die lange an der Fakultät für Raumplanung der TU Dortmund tätig war und parallel seit vielen Jahren ein international arbeitendes Architekturbüro an der Aachener Oppenhoffallee führt, will dazu beitragen, „die Stadt zu gestalten, statt Stillstand zu verwalten“. Wenn man an dieser Stelle nachfragt, spricht sie sogar von Rückschritt und von einem fehlenden Diskurs über die wichtigen Themen der Stadt. „Ich sehe derzeit keine einzige Idee, wie sich Aachen auf den Weg zu einer Modellregion machen will.“ Sie müsse leider „eklatante Unterschiede zu anderen Städten“ konstatieren, etwa eben zu Dortmund.

Der Büchel: „Wie kann man einen solchen Nukleus der Altstadt so herunterkommen lassen?“, fragt Prof Christa Reicher. Foto: HARALD KROEMER

„Da gab und gibt es einen ganz offenen Diskurs über die Entwicklung der Stadt.“ Sie hat eine Bestandsaufnahme des gesamten Ruhrgebiets angelegt mit einem sozialen und ethnischen Mosaik, das Migration, Religion und andere Gesetzmäßigkeiten der Region abbildet und sichtbar macht. Und es gab sehr früh einen Kooperationsvertrag zwischen Stadt und Universität, um sich eine gegenseitige Unterstützung zu versichern. Denn für jede Stadt ist es ein riesiges Potenzial, eine Universität mit ihrem Know-how zur Seite zu haben, und umgekehrt.

Negativ-Beispiel Büchel

Sie nennt als Negativ-Beispiel das Büchel-Areal. „Seit dem vielversprechenden Wettbewerbsergebnis ist wenig passiert. Im Gegenteil: Wie kann man einen solchen Nukleus der Altstadt so herunterkommen lassen? Ich verstehe das nicht.“ Der Leerstand in der Innenstadt von Aachen und der an allen Ecken und Enden sichtbare Stillstand seien nicht hinnehmbar. Auch andere Städte hätten Leerstände, aber nicht derart extrem wie Aachen. „Ich kenne viele Städte, aber ich kenne keine, die sich selber so im Weg steht wie Aachen.“ Eine Stadt brauche eben auch Leuchttürme, Historie allein reiche nicht. Man müsse zeigen, wie mit einer Wertschätzung des Bestandes auch qualitätsvolles Neues entstehen kann. „Maastricht und Lüttich machen uns das vor. Sie haben mit ihren Leuchttürmen und neuen Stadtquartieren ihre Stadt aufgewertet. Aus diesem Vergleich geht Aachen bedauerlicherweise als deutlicher Verlierer hervor.“

Für sie ist nun die Position des Bau- und Planungsdezernenten von existenzieller Bedeutung. „Das ist eine der zentralen Schlüsselpositionen. In der Neubesetzung dieser Stelle besteht eine riesige Chance, die Stadt Aachen voranzubringen. Dass eine Besetzung nach Parteibuch in Zeiten von komplexen Stadtentwicklungsprozessen, eines notwendigen gestalterischen Leaderships und vor allem auch in Zeiten eines schwindenden Vertrauens in die großen Parteien längst nicht mehr ausreicht, können viele Städte bestätigen, die mit Findungskommissionen mit fachlicher Expertise die geeigneten Personen gesucht und letztendlich auch gefunden haben.“ Eine solche Findungskommission gibt es in Aachen zwar für den Generalmusikdirektor, nicht aber für den Planungsdezernenten…

Christa Reicher sieht für Aachen nach wie vor exzellente Chancen. Aachen sei die europäischste Stadt Deutschlands. „In unserer Grenzregion stellt sich mehr als anderswo die Frage, welchen Einfluss die zentralen Treiber des Wandels auf die lokale Eigenart der deutschen, der niederländischen und der belgischen Städte haben.“ Dieser besondere Standort Aachens und der RWTH Aachen müsse für die Ausbildung von angehenden Planern und Architekten genutzt werden.

Deshalb baut Christa Reicher gemeinsam mit ihrer polnischen Kollegin Izabella Mironowicz und anderen Lehrstühlen an der RWTH einen europäischen Masterstudiengang „Urban Design – Transforming City Regions“ auf. Im Herbst 2019 sollen 30 Studierende der RWTH sich mit Strategien der europäischen Stadt, auch in der globalen Perspektive, befassen. In einer Phase, in der Europa in die Krise geraten ist, wird die Weiterentwicklung des europäischen Gedankens umso wichtiger. Und Europa hat eine gemeinsames kulturelles Erbe, wie das diesjährige Europäische Kulturerbejahr „Sharing Heritage“ bestätigt. „Wir binden Lehrende aus vielen europäischen und internationalen Universitäten in den Studiengang ein.“

Es gibt bereits Kooperationen unter anderem mit der Universität Leuven, der TU Wien, der Michigan University, der Virginia University und Hochschulen in Jordanien und Japan. Es sollen zudem Kooperationsverträge mit einzelnen Städten geschlossen werden. „Also Reallabore.“ Interessenten, die einen solchen Vertrag abschließen wollen, sind bereits vorhanden, Aachen gehört bislang (noch) nicht dazu. Die internationale und interdisziplinäre Ausrichtung wird durch Gastprofessuren betont.

Projekt „Aachen 2040+“

Ihren Lehrstuhl und ihr Institut sieht Christa Reicher als Denkfabrik für die Zukunft der Stadt und der Region, als „einen Ort des Nachdenkens über die Herausforderungen in Stadt und Region. Im Frühjahr 2019 startet sie mit ihren Studierenden ein Projekt mit dem Titel „Aachen 2040+. Visionen für eine lebenswerte Stadt.“ Mit der Frage „Was wäre wenn...?“ will sie die heranwachsende Generation an Planern und Architekten herausfordern, mögliche Zukünfte der Stadt Aachen zu entwerfen und diese in die Diskussion mit den Entscheidern, den Politkern einzuspeisen.

Reicher fordert, Teilhabe und Verantwortung für die Stadt zu organisieren. „Stadtgestaltung ohne Partizipation funktioniert heute nicht mehr. Die Herausforderung besteht darin, einen aktiven Diskurs mit der Stadtgesellschaft mit fachlichem Leadership intelligent zu verbinden.“ Sie nennt dieses Prinzip mit Universitäten als Motoren der regionalen Entwicklung „Wissen_schafft Stadt. Nur so könne eine lebenswerte Stadt und Region gestaltet werden. Nur so könne die Stadt Aachen zukunftsfähig werden und ihren gestalterischen Rückstand wieder wettmachen. „Und das hat sie bitter nötig!“

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