Premiere im Theater Mörgens von "Supergutmann"

Stück von Lukas Linder in neuer Inszenierung : Der Superheld wird doch nur ausgenutzt

Parzival Pech (Ognjen Koldzic) ist die gute Seele der Nachbarschaft: Er rettet Katzen von Bäumen, hilft bei technischen Problemen, verleiht seine Küchengeräte und hat immer ein offenes Ohr für all die Sorgen und Nöte seiner Nachbarn.

Parzival ist bisweilen eine absurd-komische Figur: Manchmal, wenn er abends allein ist, probiert er sein eigenes Superheldenkostüm an. Aber noch fehlt sie, die ganz große Nummer, der ganz große Fall, bei dem er so richtig zeigen kann, dass in ihm, dem Ottonormalbürger, ein echter Held steckt. Dieser Moment kommt in Form von Irma (Friederike Linke). Sie erzählt Parzival, dass ihr das Jugendamt ihre Tochter weggenommen hat. Parzival sieht seine Chance und möchte Irma unbedingt helfen, gegen das Unrecht, das er zu sehen glaubt, ankämpfen: er startet eine Petition, tritt in einer Talkshow auf und versucht vieles mehr. Doch er scheitert von Mal zu Mal deutlicher. Die Nachbarn wenden sich von ihm ab, die Talkshow gerät zum Desaster und schließlich kommt es zum großen Showdown zwischen Supergutman Parzival und seinem Gegner, dem Mitarbeiter des Jugendamtes.

Das 2017 publizierte Stück von Lukas Linder ist ein „offenes Fragment“ und diese Form stellte eine besondere Herausforderung für Regisseur Matthias Fuhrmeister und Dramaturgin Gesa Lolling dar. So musste ein „denkbares und spielbares Ende entwickelt“ werden, endet das Original doch mitten in einer spannenden Szene und auch die Figuren sind fast ausschließlich umrissene Klischees. Gemeinsam mit dem Ensemble haben Lolling und Fuhrmeister viele Aspekte diskutiert, von gesellschaftlichen bis zu politischen Debatten, doch vieles auch wieder verworfen. Denn Linders Stück konzentriert sich nicht auf das große Ganze, es ist näher am Menschen, näher am Privaten. Im Privaten funktioniert dann auch Parzival Pech als hilfsbereiter Nachbar, der Fall Irma hingegen, der Gang an die große Öffentlichkeit, ist zu komplex, um mit einfachen Mitteln gelöst zu werden.

„Supergutman“ mäandert zwischen Genres, ist gleichzeitig Komödie, Tragödie, Sozialdrama und Farce. Protagonist Parzival ist von Grund auf schon eine fast tragische Figur, ganz wie sein Namensgeber aus dem gleichnamigen mittelalterlichen Versepos von Wolfram von Eschenbach. „Supergutman“ spricht viele verschiedene Themen an: Was ist richtig? Was ist falsch? Wie kann es zu einem Konsens kommen, wenn eigentlich alle „die Guten“ sind aber unterschiedliche Ziele haben? All diese Fragen betten Fuhrmeister und Lolling in ein symbolisches, comicartiges Bühnenbild ein. Alle Requisiten sind lediglich beschriftete Schilder, das Bühnenbild wird dominiert von einer visuellen Installation von Stephan Wiendahl, in dem ebenfalls vor allem symbolisch gearbeitet wird. „Supergutman“ ist eines jener Stücke, die zwar unterhaltsam sein sollen, zum Schluss aber dem Zuschauer in vielen Fragen die Entscheidung überlassen, was nun gut und richtig, was wahr und was falsch ist.

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