Politessen in Aachen sind seit 50 Jahren im Einsatz

Seit 50 Jahren im Einsatz : Aachener Politessen werden sogar zu Seelentröstern

Seit 50 Jahren schreiben Politessen in Aachen bei Wind und Wetter Knöllchen und schon damals hat der Trick mit dem „gebrauchten Knöllchen“ nicht funktioniert. Inzwischen werden Verwarnungen nicht mehr per Hand geschrieben. Die Technik der Überwachung hat sich massiv gewandelt. Aber warum gibt es sie überhaupt?

Kaum zu glauben: Sie trugen 1969 Perücken mit braunen Locken. Die Kappen darauf, die in Anlehnung an die beliebten Londoner Straßenpolizisten „Bobbys“ genannt wurden, waren am Kunsthaar befestigt. „Wenn man nicht daran dachte und diese Kopfbedeckung abnehmen wollte, hatte man Hut und Haare in der Hand“, erzählt Petra Künstler (65), die 29 Jahre lang als Politesse in Aachen unterwegs war. Inzwischen übt Sohn Marcel diesen Job aus. Eigentlich hat er eine Ausbildung zum Jugendheim-Erzieher durchlaufen. Autorität braucht er allerdings gleichfalls als „Überwachungskraft für den ruhenden Verkehr“, so die männliche Variante für „Politesse“.

Seit 50 Jahren gibt es nun die Politessen in der Stadt Aachen. Das Bild der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit Blick auf den „ruhenden Verkehr“ hat sich inzwischen deutlich gewandelt. Sportliche Schuhe, dunkelblaue Oberbekleidung, Rucksack und passender Schirm (von der Stadt gibt es einen Schuh- und Schirmzuschuss) – so sieht man sie meist zu zweit konzentriert durch die Straßen gehen – mit dem sicheren Blick für Parksünder – und das bei Regen, Schnee, Hitze und Dunkelheit.

„Wir sind gleichzeitig wichtige Ansprechpartner für die Bürger“, sagt Karina Odekerken-Conrads, die seit acht Jahren dabei ist, eine von inzwischen 90 Einsatzkräften bei 50 Vollzeitstellen, die längst keine Frauen-Domäne mehr sind.

Warum gibt es sie überhaupt? „Damals hatte man in Aachen die ersten Tempo-30-Zonen und zahlreiche Parkuhren, diese galt es zu überprüfen“, weiß Detlev Fröhlke, Leiter des Ordnungsamtes. Bereiche wie Park- und Halteverbote haben Politessen und ihre Kollegen unverändert im Blick, schauen auf die TÜV-Plaketten der Fahrzeuge und reagieren sogar, wenn sie Umweltverschmutzungen entdecken.

In Aachen, das man bald scherzhaft „Bad Knöllchen“ nannte, parkten die Autofahrerinnen und Autofahrer – wie überall – häufig an verbotenen Stellen. Das hat sich nicht geändert. „Bei einer Feuerwehreinfahrt ist es besonders kritisch, da dürfen wir nicht zögern“, sagt Künstler. „Zur Not müssen wir sogar ein Auto abschleppen lassen, dann wird es richtig teuer.“

Knöllchen mit der Hand ausschreiben, bei Wind und Wetter – das war tatsächlich oft ein Problem. „Nicht selten versagte ein Kugelschreiber, wehe, man hatte keinen Ersatz“, seufzt Petra Künstler. Zur Vermittlung der amtlichen Pflichten gehörte (und gehört) bei Politessen ein Verhaltens- und Sicherheitstraining. Nur keinen Streit zulassen, ruhig bleiben. Das ist nicht einfach. „Ein gesundes Selbstbewusstsein hilft“, betont Karina Odekerken-Conrads, die eigentlich das Friseurhandwerk gelernt hat. Man ist bemüht, Eskalationen zu vermeiden.

„Unsere Politessen sind geschult, immer freundlich zu bleiben, selbst dann, wenn sie von Bürgern mit Problemen konfrontiert werden, für die sie gar nicht zuständig sind wie zum Beispiel Baustellen in der Innenstadt“, sagt Daniela Gerstacker, die heute das große Team der Politessen leitet. Und gar nicht so selten wird die Politesse sogar zur Seelentrösterin. In den letzten fünf Jahren, so der Eindruck vieler Einsatzkräfte, hat man es verstärkt mit Menschen zu tun, die unter psychischen Problemen leiden. Eine Herausforderung.

Kaum Ärger

Schimpfworte? Nein, trotz aller blöden Politessen-Witze gibt es da kaum Ärger. Als ein falsch parkender Italiener die zuständige Politesse mit einem italienischen Wortschwall überschüttete, antwortete sie in der Landessprache: „Das sagt man nicht zu einer Frau!“ Er war platt. Und dann gibt es natürlich den bunten Strauß der Ausreden, den die Politessen im direkten Kontakt mit den Falschparkern kennen. In der Regel beginnen die Ausflüchte so: „Ich musste doch nur eben mal…“

Es gibt auch krasse Ausreißer, die eine oder andere unangenehme – nicht nur verbale – Ausschreitung hat es natürlich gegeben, aber unter dem Strich bleibt die faire Begegnung zwischen Politessen und Autofahrerinnen und -fahrern. „Wir sind eine Visitenkarte der Stadt, so müssen wir uns präsentieren“, versichert Marcel Künstler.

Per Smartphone

Längst werden die Verwarnungen (10 bis 70 Euro) nicht mehr per Hand geschrieben, sondern im handlichen Smartphone aufgenommen. Statt der Zeichnungen vom Falschparker gibt es aussagekräftige Fotos. Der „Trick“, ein altes Knöllchen als Schutz vor einem neuen an die Windschutzscheibe zu heften, hat bereits vor 50 Jahren nicht geklappt.

Den Anfang bei den technischen Neuerungen machte der „Knochen“, das Mobile Datenerfassungsgerät (MDE), das allerdings bei den bis zu sechsstündigen Wanderungen mit seinem Gewicht nervte. „Der technische Fortschritt bei Parkscheinautomaten, mit denen viele ältere Autofahrer Probleme haben, und beim Handyparken ist schon groß“, betont Amtsleiter Fröhlke. „Parkleitsysteme und speziell entwickelte Apps erleichtern allerdings die Parkplatzsuche.“ Zur Erinnerung an eine bewegende Zeit hat Marcel Künstler seiner Mutter zum Geburtstag eine echte Parkuhr geschenkt – sie stand einst vor dem Rathaus. Und funktioniert noch.

(red)
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