Aachen: Pöbeln, drohen, zuschlagen: Das Klima wird rauer

Aachen : Pöbeln, drohen, zuschlagen: Das Klima wird rauer

Auf diesen „heißen“ Sommer hätten die Leute vom Aachener Ordnungsamt gerne dankend verzichtet. In nur fünf Wochen gab es sechs körperliche Übergriffe auf Mitarbeiter im Außendienst. Und es waren massive Attacken darunter. „Zwei meiner Leute waren danach mehr als eine Woche lang krank“, berichtet Detlev Fröhlke, der Chef des städtischen Ordnungsamts.

Angegriffen wurden fünf Kräfte des Ordnungs- und Sicherheitsdienstes und eine Politesse. „Wir stellen fest, dass die Enthemmung fortschreitet“, sagt Fröhlke. „Früher wusste man: So etwas tut man einfach nicht. Aber das gilt heute für viele nicht mehr.“

Pöbeleien, Drohungen, körperliche Attacken: Damit sehen sich Mitarbeiter in öffentlichen Verwaltungen zunehmend konfrontiert. Die Dü­re­ner Kreisverwaltung reagiert auf die wachsende Gewalt von Bürgern gegen ihre Mitarbeiter jetzt mit zusätzlichen Sicherheitskräften. Bei der Stadt Aachen patrouillieren bisher keine Sicherheitsdienste in den Verwaltungsgebäuden. „Aber wir haben die Situation sehr aufmerksam im Blick“, sagt Rita Klösges vom städtischen Presseamt. Auch sie stellt fest: „Die Aggression nimmt zu, die Hemmschwelle sinkt.“

Aufmerksam sein: Das gilt bei der städtischen Verwaltung besonders in Bereichen mit viel Publikumsverkehr, etwa im Bürgerservice und an den Infostellen. Hausmeister und Mitarbeiter des Hausdienstes schauen genau hin, wer ein- und ausgeht, und greifen ein, wenn es nötig ist. Ansonsten setzt man bei der Stadt auf Deeskalationstraining für die Mitarbeiter und Verbindungstüren zwischen den Büros. „Panikknöpfe gibt es bei uns bisher nicht“, sagt Klösges.

Rettungskräfte behindert

Besonders augenfällig wird aus ihrer Sicht die „allgemeine Verrohung der Sitten“, wenn Feuerwehr oder Rettungssanitäter im Einsatz sind. „Früher war klar: Die Feuerwehr hilft, die Sanitäter helfen, da macht man Platz. Heute gehen manche Leute erst recht einen Schritt nach vorne und stellen sich den Helfern in den Weg.“

Im Jobcenter der Städteregion gehört ein Sicherheitsdienst bereits seit Jahren zum Alltag. „Seit 2007, seit der Geiselnahme bei der Arge in Aachen, haben wir einen Sicherheits- und Servicedienst“, erklärt Christian Neuß, Pressesprecher des Jobcenters. 2012, als im Jobcenter der Stadt Neuss eine Sachbearbeiterin nach einem Messerstich starb, wur­de das Sicherheitspersonal noch einmal aufgestockt.

Im Mai 2015 bezog das Jobcenter sein neues Haus an der Gut-Dämme-Straße in Aachen. Dort ist Sicherheits­infrastruktur bereits eingebaut. Es gibt Fluchttüren in jedem Büro und Panikverschlüsse an den Türen, damit man im Notfall verriegelte Räume von innen öffnen kann.

„Vor allem aber arbeiten wir daran, möglichst keine Aggressionen aufkommen zu lassen“, sagt Neuß. Getränkeautomaten, Lesestoff oder eine Spielecke für Kinder sollen für eine entspannte „Warte­atmosphäre“ sorgen. „Natürlich bleiben wir eine Behörde, und keiner kommt freiwillig zu uns“, sagt der Sprecher. Aber man könne den Kunden den Besuch möglichst angenehm machen. Deeskalationstraining und eine Schulung in interkultureller Kompetenz sind Pflicht für alle Beschäftigten. Für Mitarbeiter, die massiv angegangen werden, gibt es auch „psychologische Ersthelfer“ — Kollegen, die dem Opfer zur Seite stehen.

Alarmsysteme

Auf Konfliktvermeidung setzt man auch in der städteregionalen Verwaltung. Manche Ämter sind gleichwohl mit Alarmsystemen ausgerüstet. Dazu gehören neben dem Ausländeramt etwa jene Abteilungen des Jugendamts, die mit dem schwierigen Thema Kindesentzug zu tun haben. „Die Büros im Ausländeramt sind alle mitein­ander verbunden, und die Türen zwischen den Büros sind offen, damit Kollegen Tumulte mitkriegen“, sagt Detlef Funken, Pressesprecher der Städteregion. Und im Jugendamt können die Mitarbeiter alle Türen verrammeln, wenne_SSRqs brenzlig wird. „Der Ton wird rauer“, stellt auch Funken fest. „Aber unser Fell wird auch dicker.“ Wer Mitarbeiter attackiert, warnt er, sollte mit einer Anzeige rechnen. „Angriffe bringen wir konsequent zur Anzeige“, sagt Detlef Funken. Genauso hält man es auch im Jobcenter.

Zurück zum Aachener Ordnungsamt. 22 Leute sind hier im Außendienst unterwegs. „Im Schichtdienst, sieben Tage die Woche, 363 Tage im Jahr“, sagt Detlev Fröhlke. Zwei Stellen in seinem Team sind derzeit unbesetzt. „Und es ist ganz schwierig, Leute zu kriegen.“ Die Sicherheitsbranche brumme, sagt der Chef des Ordnungsamts, „aber wir nehmen auch nicht jeden.“

Nicht ohne Sorge blickt Fröhlke auch darauf, was die Politessen im Arbeitsalltag erleben. Die gut 90 Frauen — und Männer —, die in Aachen den ruhenden Verkehr überwachen, haben tagtäglich mit verbalen Angriffen zu tun, sagt er. „Das Klima hat sich verändert. Und oft ist es nur ein kleiner Schritt bis zur körperlichen Aggression.“

Mehr von Aachener Nachrichten