Aachen: Pfiffige Orgelkunst des 19. Jahrhunderts

Aachen: Pfiffige Orgelkunst des 19. Jahrhunderts

Eines muss man der dunkelroten Orgel in der St. Martinus Kirche in Richterich ja lassen: Sie beweist Standhaftigkeit — so wie keine andere Orgel in Aachen. Seit 180 Jahren steht sie schon in dem ehrwürdigen Gebäude an der Horbacher Straße.

Sie war somit die erste Orgel in dieser Kirche, hat Kriegen getrotzt, einen Umbau und eine Restaurierung unbeschadet überstanden und schon so manch einen Orgelspieler miterlebt. Vermutlich könnte sie viele interessante Geschichten erzählen, wenn sie mehr wäre als nur ein Relikt aus längst vergangenen Tagen.

Ab Mittwoch wird sie noch einmal aufwendig gereinigt; das wird nur etwa alle 20 Jahre gemacht. Dazu werden alle Pfeifen, etwa 100 an der Zahl, ausgebaut, entstaubt und abgewischt. Durch den Kerzenruß und das zuletzt eher feuchte Klima in der Kirche hat sich teilweise sogar Schimmel gebildet. Daher wurde die Kirche mit einer neuen Heizungsanlage ausgestattet, alles neu gestrichen und einen Satz neuer Stühle gab es auch. Nun wird die Orgel noch rausgeputzt, dann erstrahlt alles in neuem Glanz — passend zum 180. Geburtstag, wenn eine Orgel denn so etwas wie einen Geburtstag hätte.

„Wert nicht gleich erkannt“

Für Kirchenmusiker Angelo Scholly ist die Orgel, die einst Engelbert Maaß und sein Bruder Ger—hart erbauten, weit mehr. Er bespielt die sogenannte Maaß-Orgel seit rund 20 Jahren. Er kennt die Wehwehchen der ältesten Orgel Aachens, ihren Klang, und ihren emotionalen Wert.

Doch den hat er nicht von Anfang an zu schätzen gewusst, wie er gesteht. Als junger Student kam er in die Gemeinde. Damals bot er sich an, neben dem Studium der Kirchenmusik auch die alte Orgel in der St. Martinus Kirche hin und wieder zu spielen. Sein Vorgänger widmete sich einem weiteren Studium und verließ die Gemeinde. Scholly sprang damals vorübergehend ein und blieb bis heute.

„Ich war anfangs etwas enttäuscht. Die Orgel ist zwar die älteste in Aachen, aber auch mit die kleinste. Sie hat nur eine Tastenreihe und als junger Student habe ich ihren Wert nicht gleich erkannt“, sagt er. Das habe sich geändert. Ziemlich zügig sogar. Heute weiß Scholly, welches Instrument er da beherrscht: „Für mich ist sie die schönste Orgel Aachens.“

Scholly kann das beurteilen. Er hat schon auf so vielen Orgeln in Aachen gespielt — auch auf der im Dom. Der Vorteil des alten Richtericher Instruments sei — wie sollte es anders sein — sein Alter. „Es ist nicht schlimm, wenn Orgeln alt sind“, sagt er. In den verschiedenen Jahrzehnten habe es je einen speziellen Klang gegeben. Die Orgel, die in den Jahren 1835/36 gebaut wurde, klinge romantisch und symphonisch, sagt Scholly. Und das, obwohl sie nur eine Tastatur und auch nur 15 Register, also Klangfarben, habe.

Dazu gehören Klänge von Trompeten, Flöten, Gamben (Streichinstrument) und beispielsweise den einer Posaune, den man mit den Füßen auf den Pedalen erzeugt. Wenn Scholly spielt, beginnt er mit wenigen Registern, dann klingt die Orgel leise, fast dumpf. Je mehr Register er zieht, desto intensiver und imposanter wird der Klang. Beim Register mit dem Namen „Super-Octav“ hat man dann sofort den für eine Kirchenorgel typischen Klang in den Ohren, der durch das gesamte Gebäude schallt. Die St. Martinus Kirche ist nicht sehr groß, die Orgel im Verhältnis aber schon. Daher ist ihr Klang allgegenwärtig. Das war er immer schon.

Vorbilder aus Belgien

Nach ihrer erstmaligen Inbetriebnahme im April 1836 wurde sie in den 60er Jahren umgebaut. Zu Beginn der 50er Jahre war sie nach überstandenem Zweiten Weltkrieg in keinem sehr guten Zustand. Sämtliche Holzpfeifen waren verwurmt, Metallpfeifen hatte man teilweise entfernt, die Bälge waren verschlissen. Beim Umbau wurde die Orgel nach hinten versetzt und gleichzeitig in der Tiefe um einen Meter verlängert.

Es gab zudem einen neuen Spieltisch vor der Orgel; zuvor wurde sie immer von der Seite bespielt, wie es auch heute wieder der Fall ist. Zwischenzeitlich hatte sie sogar mal eine andere Farbe. 1983 entschied man sich dann aber, die Orgel in ihren Urzustand zurück zu versetzen. Bei sämtlichen Arbeiten wurden die von den Gebrüdern Maaß erbauten beiden Orgeln in Eupen und Baelen als historische Vorbilder herangezogen. Im Jahr 1988 war die Maaß-Orgel dann wieder die, die sie auch schon 1836 war und heute noch ist.

Den „Orgel-Geburtstag“ feiert die Gemeinde mit einer Orgelwoche. Dann kann jeder, der mag, dem Klang lauschen, der schon 180 Jahre in Aachen zu hören ist.

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