Aachen: Pfadfinderinnenschaft St. Georg: Eine Nacht unter Sternen schlafen

Aachen : Pfadfinderinnenschaft St. Georg: Eine Nacht unter Sternen schlafen

Sie sind in Stämmen organisiert, sie betreiben Gruppen, die akkurat nach Alter sortiert sind in Wichtel, Pfadis, Caravelles oder Ranger. Die Pfadfinderinnenschaft St. Georg ist ein gut strukturierter Jugendverband im Bistum Aachen.

Die Mitglieder tragen die Pfadfinderinnentracht, und sogar jedes Halstuch hat seinen eigenen Farbcode. Innerhalb dieser Strukturen aber, bei den Gruppenstunden oder bei den Fahrten, die hier „Lager“ heißen, bieten die Pfadfinderinnen St. Georg viel Raum für Freiheit und Entfaltung. Das sagen die, die wissen, wovon sie reden. Denn sie sind schon viele Jahre dabei und mit dem Pfadfinderleben großgeworden.

Besuch in den Räumen des Diözesanverbands in Brand, beim AuWei-Team, dem Aus- und Weiterbildungsteam. Hier engagieren sich junge Erwachsene, die bereits eine lange Pfadfinderkarriere hinter sich haben. Die meisten waren schon als Grundschulkinder dabei. Heute übernehmen sie Leitungsaufgaben, kümmern sich um Ausbildungskonzepte und Fortbildungen und stecken viel Arbeit in Angebote, die bei den Pfadfinderinnen Cadetkurs, Abendreihe oder Wochen­endtrim heißen.

Mit ehrlicher Leidenschaft erzählen diese jungen Menschen von dem, was sie am Pfadfinderwesen so wertvoll finden: von den gemeinsamen Touren, Aktionen und Zeltlagern. „Pfadfinder haben eine große Sehnsucht danach, ins Lager zu fahren“, gesteht Gesa Zollinger. Diözesanvorsitzende Kristina Stotz formuliert das ähnlich: „Ich freue mich immer total aufs erste Lagerfeuer!“

Dieses Lagerfeuer brennt dann auf einem Pfadfinderzeltplatz, der in der Regel eher spartanisch ausgestattet ist. Hier campieren die jungen Leute in Zelten. „Wir brauchen eine Wiese mit Wasseranschluss“, sagt Vera Götzkes. „Strom ist nicht unbedingt nötig.“

Ganz weg vom Alltag

Und das genießen Kinder von heute, die ohne Handy normalerweise nicht aus dem Haus gehen? „Aber ja“, versichern die Leute vom AuWei-Team. „Zu den Pfadfindern gehen viele Kinder, die am liebsten draußen und im Wald unterwegs sind, Kinder, die gerne Zeit mit Freunden verbringen.“ Im Lager sind diese Kinder ganz weg vom Alltag. Die Abhängigkeit vom Handy übrigens hat sich meist nach einem Tag erledigt, dann ist mangels Stromanschluss nämlich der Akku leer.

Vieles lernt man bei den Pfadfindern, indem man es tut, erläutert das AuWei-Team. In den Gruppenstunden werden zum Beispiel Feuerstellen gebaut, Knoten gebunden oder Tische und Stühle aus Holz gebastelt. Für viel Theorie oder verkopftes Lernen ist da kein Platz. „Man kann Sachen einfach mal ausprobieren“, sagt die Diözesanvorsitzende Nicola Brüx.

Kernstück der Pfadinder-Freiheit aber ist die Mitbestimmung. Schon sechsjährige Wichtel, erläutert Ben Wolff, Bildungsreferent im Diözesanverband Aachen, organisieren sich im Lager ganz selbstständig in ihrem Zelt. Und jedes Kind, egal wie jung, hat eine Stimme und entscheidet mit — bei Vorstandswahlen im Stamm ebenso wie bei der Frage, was im Lager in den Kochtopf kommt oder welches Thema in den nächsten Gruppenstunden im Mittelpunkt stehen soll.

Ausgepowert zur Gruppenstunde

„Alle Menschen sind schöpferisch. Alle Menschen sind frei. Alle Menschen sind gleichberechtigt und gleichwertig.“ So beschreibt die Pfadfinderinnenschaft St. Georg ihr Menschenbild. Und: „Alle Menschen haben einen Anspruch darauf, sich immer mehr entwickeln und entfalten zu dürfen, haben aber auch die Verantwortung dies zu tun.“ Solche Worte lassen Platz für viele Freiräume.

Allerdings bekommt auch die Pfadfinderinnenschaft St. Georg die heutige „Arbeitswelt“ von Kindern zu spüren. „Ganztagsunterricht, verkürzte Gymnasialzeit“, sagt Sebastian Rzehak, „das merken wir sehr stark“. Früher, erzählt er, konnte man eine Gruppenstunde für die Wichtel um 15 Uhr ansetzen. Heute sind viele Kinder um die Zeit noch in der Schule. „Heute fangen wir um fünf oder sogar um halb sechs an.“ Und gerade die Kleinen seien dann ausgepowert. Aber jetzt sind erst mal Sommerferien, jetzt fahren die Pfadfinder wieder auf Lager. „Ich freue mich jedes Jahr so darauf, dann eine Nacht unter dem freien Sternenhimmel zu schlafen“, sagt Gesa Zollinger. Freiheit eben.

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