Aachen: Palästinenser-Ausstellung: Attacken gegen evangelische Kirche

Aachen: Palästinenser-Ausstellung: Attacken gegen evangelische Kirche

Der jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen, Nathan Warszawski, hat die evangelische Kirche in die Nähe von Nazis gerückt. Anlass ist die im Haus der evangelischen Kirche geplante Ausstellung „Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948”.

Wörtlich heißt es in einem von Warszawski verbreiteten Schreiben: „In Aachen sind NPD und die Freiheit für Palästina-Kämpfer eine heilige Koalition des Israelhasses miteinander eingegangen. Und was macht das Haus der Evangelischen Kirche in Aachen? Sie tritt dieser Koalition bei!” Vertreter der evangelischen Kirche zeigen sich entsetzt über die Äußerungen und sprechen von einer Rufmordkampagne.

In seiner Kritik an der umstrittenen Ausstellung, die vom 7. bis 21. Mai in Aachen gezeigt wird, stellt Warszawski, der sich gerne auch in rechtslastigen und islamfeindlichen Blogs bewegt, zugleich einen Zusammenhang zu den jüngsten Hakenkreuzschmierereien an der Synagoge her. Sollte die evangelische Kirche „diese Propagandaveranstaltung” nicht noch absagen, trage sie Mitschuld, „wenn weitere Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Aachen unternommen werden”. Warszawskis Kritik richtet sich auch gegen den mitveranstaltenden Aachener Friedenspreis - einen Verein, der aus seiner Sicht „schlechten Einfluss hat und die Moral verdirbt”. Friedenspreis und Kirche würden zwar nicht selbst Hakenkreuze sprayen, schreibt er, fügt aber vielsagend hinzu: „Die Farbe liefern...”

Trotz oder gerade wegen dieser kruden Angriffe ist Hans-Peter Bruckhoff, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises, bemüht, den Flurschaden nicht weiter zu vergrößern. Die „Entgleisungen” wolle er nicht weiter kommentieren. Stattdessen würde er lieber das Augenmerk auf die Ausstellung selbst richten.

Doch auch er weiß, dass in den nächsten Wochen harte Debatten und auch verschärfte Proteste drohen könnten - erst recht, wenn weitere Scharfmacher Öl ins Feuer gießen. Die seit mehreren Jahren in vielen deutschen Städten gezeigte Ausstellung über einen Ausschnitt der palästinensischen Geschichte ist vor allem rechten Zionisten ein Dorn im Auge.

Die Bilder über das Leid der Palästinenser aus den Gründungsjahren Israels erzeugten eine einseitige Stimmung gegen Israel und damit auch gegen Juden, so ihr Vorwurf. Die Auseinandersetzung ist spätestens seit der vorzeitigen Schließung der Ausstellung am 24. März in Düsseldorf eskaliert.

Von der emotionalen Brisanz ist sie vergleichbar mit der Wehrmachtsausstellung. „Es wäre sicher bequemer, sie nicht zu zeigen”, sagt Bruckhoff. Das aber würde seinen Grundüberzeugungen widersprechen. „Menschen und Völker müssen die Gelegenheit haben, ihre Geschichte zu erzählen”, sagt er. „Das wird immer auch einseitig sein” - zumal es um viel menschliches Leid und traumatisierende Geschehnisse gehe. Man müsse aber zeigen können, dass Palästinenser nicht nur Täter, sondern auch Opfer seien, ohne gleich als Antisemit beschimpft zu werden, wehrt sich Bruckhoff gegen die Angriffe Warszawskis.

Der würde die aus seiner Sicht „tendenziöse” Ausstellung am liebsten auch in Aachen verbieten. Seit wenigen Tagen in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Aachen aktiv, hat Warszawski im Vorsitzenden Axel Holst einen Fürsprecher gefunden. Es sei „unverständlich, dass sich die evangelische Kirche für so etwas hergibt”, sagt Holst. Er würde sich zwar „diplomatischer” ausdrücken als Warszawski, fürchtet aber ebenfalls, dass die Ausstellung dem „Antisemitismus und Israelfeindlichkeit Vorschub” leiste.

Begleitprogramm geplant

Derweil betont Bürgermeisterin Hilde Scheidt, ebenfalls DIG-Mitglied, dass Warszawski keinesfalls für den ganzen Verein spreche. „Solche diffamierenden Unterstellungen sind in unserer Stadt nicht erwünscht”, sagt sie. Die Ausstellung hält sie wegen ihrer einseitigen Ausrichtung zwar auch für „eine Gratwanderung”, sie setzt aber auf ein erklärendes und sachliches Begleitprogramm.

Das ist bereits geplant. Am Montag werden sich die Ausstellungsverantwortlichen erneut zusammensetzen und dann auch auf die Kritiker eingehen. Er habe eine „nachdenkliche und stille Ausstellung” gewünscht, sagt Bruckhoff. Nun hofft er vor allem, dass sie friedlich vonstatten geht.

Zur Wanderausstellung „Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948” schreibt Superintendent Hans-Peter Bruckhoff unter anderem:

„Mit großer Sorge beobachten wir, wie spätestens seit Mitte 2010 sich um die Ausstellung herum wiederholt an verschiedenen Orten eine auch emotional aufgeheizte und verbittert geführte öffentliche Diskussion entwickelt hat. Wir haben uns dazu entschlossen, die Ausstellung trotz des jüngsten Abbruchs in Düsseldorf zu zeigen.

Die Nakba-Ausstellung wirft Fragen auf, die unsere Perspektive verändern und erweitern können. Das palästinensische Volk ist nicht nur als Täter, sondern eben auch als Opfer in den Blick zu nehmen. Die Ausstellung zwingt uns, einen Moment länger wirklich beim palästinensischen Volk und dem, was Menschen hier erlebt und erlitten haben, zu bleiben und hinzuschauen ohne sofort in eine politische Grundsatzdebatte über die Instrumentalisierung dieses Elends durch die arabischen Nachbarstaaten etc. auszuweichen. Indem wir diese Ausstellung zeigen, wollen wir dieser Erfahrung von Leid und Ohnmacht Raum geben.”

Zu sehen ist die Ausstellung vom 7. bis 21. Mai im Haus der Evangelischen Kirche, Frère-Roger-Straße 8-10.