Aachen: Orsbach kommt ganz groß raus

Aachen: Orsbach kommt ganz groß raus

Die Orsbacher haben sich ins Zeug gelegt, als gelte es, die Olympischen Spiele in den äußersten Westzipfel der Republik zu holen. Wahrscheinlich würde ihnen das sogar gelingen, doch die 550-Seelen-Gemeinde an Aachens Grenze zu den Niederlanden strebt lediglich beim bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft” nach dem Titel.

Und was und wie die zum Wettbewerb eigens gegründete „Initiative Zukunft Orsbach” der Bewertungskommission ihr Dorf präsentierte, ist an Perfektion schwer zu überbieten. Unter dem klug gewählten Motto „Zukunft aus Tradition - Orsbach - weit draußen und nah beieinander” ging es, auf Strohballen sitzend, hoch auf dem von einem Trecker gezogenen Bauernwagen durch den Ort.

Von der Burg aus dem 15. Jahrhundert vorbei an der Kirche St. Peter aus dem Jahr 1868, hügelauf, hügelab vorbei an Streuobstwiesen, alten Höfen und Gütern und blumengeschmückten Häusern aus heimischem Mergelstein, vorbei an wunderschönen Gärten und den Wiesen und Feldern mit atemberaubenden Panoramablicken ins niederländische „Heuvellande”. Wie viele Aachener mögen ihn kennen, diesen hinterm Schneeberg versteckten verwunschenen Ort, über den und das Leben dort eine Dorfbewohnerin lachend plaudert: „Wir fühlen uns manchmal schon wie Asterix und Obelix in ihrem kleinen gallischen Dorf.”

An 13 Stationen erzählen die Orsbacher über ihr Dorfleben. Erzählen vom zweimal wöchentlichen Fahrdienst für Senioren und weitere Hilfen, „um das Leben in Orsbach auch im Alter attraktiv zu erhalten”. Erzählen von den St. Hubertusschützen, die am Wochenende ihr 125-Jähriges feiern, erzählen von den Maijungen mit dem Mai- und Oktoberfest, von den Fußballern des OSV, wobei - muss einer wissen - das Kürzel für den gerade in die Kreisliga B aufgestiegenen Olympischen Sportverein steht. Erzählen von Spielabenden, Weinlesen, Vorträgen und Seniorennachmittagen im Pfarrhaus, von der Rheinischen Landfrauen Vereinigung, von den Feten „Rock im Hof” und „Rund ums Schaf”, von Konzerten, Lesungen und Ausstellungen und vom gemeinsamen Kochen in der Burg, von den einst 24 Bauernhöfen, von denen zwei Vollerwerbsbetriebe geblieben sind, von der alten Schule, die seit den 70ern nicht mehr als solche genutzt wird, sondern Festen und Vereinen dient.

Derweil die Kinder des Ortes das Buswartehäuschen farbig bemalen, erzählen die heimischen Fremdenführer vom Bouleplatz und vom FKK, dem FrauenKaffeeKlatsch im Café „Belle-Vue”, das als beliebtes Ausflugsziel längst Geheimtipp ist, wo es morgens die Brötchen gibt und wo sonntags noch selbstgebackener Kuchen kredenzt wird. Sie erzählen vom alten Düserhof, wo sich die weltweit liefernde Firma Helix niedergelassen hat, Spezialbetrieb zum Bau von Propellern für Ultraleichtflieger, Gleitschirme und ähnliches. „Propeller-Richard”, wie die Orsbacher sagen, steht am Tor und winkt.

Es gibt noch die Geschichten vom Schäfer Rudi Brouwers mit seiner Herde, die Geschichte von den besten Kontakten zum Nabu, dem Naturschutzbund, der am Ortsrand eine Biotop-Landschaft zum Erhalt der Kulturlandschaft führt. Es gibt die Geschichten von den Nistkästen für die alten Linden am Dorfplatz, von den unterm Hofdach fast 100 Schwalbennestern, wofür der „Oberste Hof” vom Nabu ausgezeichnet wurde, es gibt die wohldurchdachte Mitfahr-Aktion „Grüner Punkt”, es gibt und es gibt und es gibt.

Es gibt 1000 Geschichten in dem Ort und keine ist ein Märchen. Die Orsbacher erzählen und erzählen. Sie machen es so charmant, als sei das nichts anderes als täglicher Moderatoren-Job. Damit keiner die Erlebnisse vergisst, halten sie für jeden Gast eine 26-seitige farbige Broschüre mit Daten und Fotos parat. Orsbach - weit draußen, das ist: Ruhe, Naturnähe, Lebensqualität - nah beieinander, das heißt: Man kennt sich und hilft einander.