Original: Glas mit Botschaft von 1968 im Aachener Postwagen entdeckt

Launiger „Nachlass“ aufgetaucht : Ein „historischer“ Fund im Postwagen

Im treuen Gedenken an die gute alte Zeit und mit ein bisschen ebenso gutem Willen könnte man durchaus von einem lokal(!)patriotischen Jubiläum sprechen. Zumal die skurrile „Reliquie“, von der hier erzählt werden soll, vor wenigen Tagen nicht irgendwo, sondern in der vielleicht berühmtesten Pinte der Kaiserstadt, nämlich dem historischen Postwagen am Markt, entdeckt worden ist.

Diesmal nämlich mussten keine archäologischen Expertisen eingeholt werden, um den filigranen Fund korrekt zu datieren. Fast genau 51 Jahre sind ins Öcher Land gegangen, seit Schreinermeister Paul Stüttgen und dessen Kollegen sich auf ihre Weise ein kleines Denkmal im Denkmal am Rathaus gesetzt haben. Die „51“ schmückte anno dazumal bekanntlich auch die Adresse des Kneipen-Unikums am Granusturm – als Postleitzahl. Also doch: ein Jubiläum!

Und so ist Paul Stüttgen – zu Lebzeiten ein nachgerade stadtbekanntes Aachener Urgestein – prompt wieder zu ungeahnten Ehren gekommen. Sein „Nachlass“ wurde im Internet inzwischen fast 2000 Mal begutachtet und über 300 Mal begeistert mit „Like“-Zeichen oder Kommentaren gefeiert, nachdem Armin Geigers Mitarbeiterin Simone Vorhagen die gastronomische Grußbotschaft des wackeren Handwerkers per Facebook veröffentlicht hatte.

Erhellende „Groschengrabbeilagen“ inklusive: 60 Pfennige und ein erläuterndes „Schriftstück“ legten die Schöpfer des gastronomischen „Reliquie“ anno 1968 bei. Foto: Andreas Herrmann

Das kam so: Momentan sind Stüttgens Nachfolger im Postwagen wieder schwer gefragt. Geiger, der vor wenigen Monaten den Chefposten im benachbarten Ratskeller übernommen hat, lässt das nostalgische Interieur mit reichlich Aufwand restaurieren. Und siehe da: Als Stüttgens Nachfolger einen kleinen Holzverschlag in der linken vorderen Ecke der Kneipe entfernten, entdeckten sie in einer Wandnische gleich daneben ein Originalglas für Obergäriges aus dem altehrwürdigen Aachener Degraa-Brauhaus. Reichlich verstaubt, versteht sich, aber unversehrt, liebevoll verziert mit güldenem Rand und fein verschnörkeltem, immer noch bestens lesbarem Schriftzug: „Die urgemütliche Bierkneipe zum Postwagen“.

Das gute Stück war zwar knochentrocken, aber keineswegs leer. Als Beigabe wählten Stüttgen und seine Männer stilgerecht einen jener typischen schmalen Rechnungszettel der Wirte von weiland, und notierten darauf – offensichtlich quasi aus einer Bierlaune heraus – eine schlichte, aber schöne Botschaft an die Nachwelt, sozusagen als Arbeitsnachweis, inklusive Datum und Unterschriften: „20.XII.1968“, liest man (die römisch-antik gestaltete Monatszahl steht bekanntlich für Dezember).

Dann folgen vier Signaturen, von denen immerhin drei noch problemlos zu entziffern sind. „Neben meinem Vater haben dessen Kollegen Paul Schröder und Karl Emontspohl sich da verewigt“, berichtet Filius Manfred Stüttgen nicht ohne Stolz. „Natürlich hab‘ ich die beiden gut gekannt, weil ich selbst seinerzeit im Familienbetrieb beschäftigt war, den mein Großvater Alois 1875 gegründet hat.“

Als stilsicheren Deckel für ihre gute Gabe wählten die Herren – einen Deckel. Und beförderten den Papp-Untersetzer damit quasi zum Krönchen fürs kleine Kunstwerk. Auf dem eigens zurechtgeschnittenen Karton ist der berühmte Reklamereim des Hauses Degraa zumindest bruchstückhaft bestens erkennbar: „Opa wurde 100-jährig, stets trank er Degraa obergärig.“ Damit nicht genug. Garniert ist das launige Ensemble ferner mit einem Original-50-Pfennig-Stück sowie einem Groschen, also einem 10-Pfennig-Stück. Kennt man noch, oder?

Und damit sind auch die ansonsten so gefragten speziellen Münzkenntnisse der Archäologen nicht wirklich erforderlich. Von wegen Groschengrab und so. Zumal Stüttgen und Co. – womöglich in weiser Voraussicht – auf besagtem Zettel explizit beurkundeten: „0,60 DM sprich Deutsche Mark ist die Kaufkraft für ein Bier im Postwagen.“ Schluck! Lang ist’s halt her. Für anno 1968 darf selbst dies als ziemlich stolzer Preis gelten, wie Geiger augenzwinkernd hinzufügt.

Jetzt überlegt der Chef natürlich, wie er dem „antiken Gefäß“ einen Ehrenplatz einrichten kann – wenn der Postwagen, voraussichtlich im Oktober, wieder eröffnet. Und wohl auch Stüttgen junior dort sein Glas erheben dürfte, mit einem zünftigen „Prost-prost“ auf die gute alte Zeit. Und auf den seligen Papa, versteht sich. Denn Paul Stüttgen selbst ist „Opa Degraas“ biblisches Alter denn doch nicht mehr beschert gewesen. Er starb 2003 im Alter von 80 Jahren.