Stuttgart/Aachen: Ordensritter Winfried Kretschmann über Ironie, Gysi und humorlose Grüne

Stuttgart/Aachen : Ordensritter Winfried Kretschmann über Ironie, Gysi und humorlose Grüne

Eine Koalitionskrise. Ausgerechnet jetzt. Die CDU macht nicht mehr mit, die Landtagsfraktion hat einstimmig beschlossen, kein neues Wahlrecht zu wollen, obwohl sie es im Koalitionsvertrag mit den Grünen verbindlich so unterschrieben hat.

Winfried Kretschmann ist über den Vertragsbruch einigermaßen verärgert. Spürbar. Da ist Druck im grün-schwarzen Kessel der baden-württembergischen Landesregierung. Und nun auch noch das: Ein Journalist aus dem Westzipfel will im Stuttgarter Staatsministerium, in der Villa Reitzenstein, mit dem Ministerpräsidenten und 69. Ritter des Ordens wider den tierischen Ernst reden. Die nächste Krise, diesmal inszeniert von unserem Chefredakteur Bernd Mathieu.

An dem Gespräch nimmt auch Arne Braun teil, der Vize-Regierungssprecher. Er war früher einmal freier Mitarbeiter unserer Zeitung in Eschweiler, ist also bestens mit dem rheinischen Karneval vertraut.

Herr Ministerpräsident, das ist jetzt nicht einfach, von der aktuellen Koalitionskrise hier in Stuttgart zum Karneval in Aachen zu wechseln.

Kretschmann: Ja, absolut, das stimmt.

Aber Ihre AKV-Rede haben Sie schon fertig?

Kretschmann: So gut wie.

Sie wird also nicht entscheidend von der Koalitionskrise beeinflusst.

Kretschmann: Man kann sie immer aktualisieren.

Haben Sie die Rede selbst geschrieben?

Kretschmann: Es gab einen Entwurf, den ich nicht selber gemacht habe. Wir haben ihn mehrere Male überarbeitet. Eine Fastnachtsrede unterscheidet sich auch in dieser Hinsicht von einer politischen Rede.

Stichwort Fastnacht. Im Rheinland nennt man diese Jahreszeit Karneval. Kommen Sie mit den unterschiedlichen Formen dieses Brauchtums zurecht?

Kretschmann: Schwierig, die schwäbisch-alemannische Fasnet, um es korrekt zu sagen, ist was Anderes als der Karneval. Die Wurzeln dürften ähnlich sein, die Unterschiede sind trotzdem groß.

Was macht die Unterschiede aus?

Kretschmann: Die schwäbisch-alemannische Fastnacht ist lokal und unterscheidet sich von Ort zu Ort. Das ist Maskerade, wir sind Maskenträger. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Die Fasnet geht im Kern nicht über Lokalpolitik hinaus, der rheinische Karneval macht Weltpolitik. Fasnet ist mehr eine Brauchtumspflege mit Ritualen, die festgeschrieben sind. Es gibt sogar Orte, etwa Rottweil, die aus der traditionellen Vereinigung wegen zu starker karnevalistischer Einflüsse ausgetreten sind.

Das kann in Aachen dann spannend werden. Aber die AKV-Sitzung ist vor allem ein närrischer Staatsakt, weniger Karneval. Wie bereiten Sie sich auf die Sitzung vor? Haben Sie schon einmal eine Aachener Fernsehübertragung gesehen?

Kretschmann: Nein, ich muss schon ich selber sein. Meine Mitarbeiter haben verschiedene Sendungen mit der Ordensverleihung angeschaut, ich selber nicht.

Haben Sie mit Ihrem zukünftigen Ordensbruder Cem Özdemir über Aachen gesprochen?

Kretschmann: Ja, kurz.

Was sagt er?

Kretschmann: Er meint, er sei begeistert gewesen.

Wird es eine sehr politische Rede sein, bekommen alle politischen Parteien Ihr närrisches Fett serviert oder bleiben Sie eher im eigenen grünen Laden?

Kretschmann: Die CDU kriegt was ab, Frau Merkel, aber auch die FDP, hauptsächlich Christian Lindner. Es geht um die Jamaika-Sondierung. Ich nehme keine Rücksicht, deshalb spielt mein eigener Laden auch eine Rolle.

Als wir im März 2016 in Ihrem Landtagswahlkampf miteinander sprachen, hatten Sie gerade erklärt, dass Sie für die Kanzlerin beten. Das hat sich also geändert. Wegen Jamaika?

Kretschmann: Das war damals metaphorisch gemeint. Ich bin gar nicht der große Beter.

Es gab immerhin eine gewisse Fürsorge und Zuneigung.

Kretschmann: Ja, in der damaligen Krisensituation brauchten wir die Kanzlerin unbedingt.

Jamaika mit Vorsondierung, Hauptsondierung, Nachsondierung, Nebensondierung und die Darbietungen auf dem Balkon sind gewiss eine dankbare Fundgrube für Ihre Rede.

Kretschmann: Ja, unbedingt.

Haben Sie auch auf dem Balkon gestanden?

Kretschmann: Nein.

Können Sie sich selber auf den närrischen Arm nehmen?

Kretschmann: Ich denke schon. Dazu müssen Sie wissen: Ich habe eine sehr lange politische Erfahrung. In der Politik funktioniert eins leider nicht: Ironie. Ironie in der Politik geht immer daneben, zu bewundern aktuell bei mir mit der Sardinen-Büchse und dem Mercedes.

Immerhin ein S 500 Hybrid, kein kleines Auto, in dem Sie sitzen.

Kretschmann: Niemand kann ernsthaft glauben, dass dieses Auto eine Sardinenbüchse ist. Aber am selben Tag wurde das in Spiegel-Online schon kritisiert, obwohl es offensichtlich absurd war. Das beweist wieder einmal: Es ist unmöglich, in der Politik ironisch zu sein. Es geht deswegen daneben, weil es aus dem Zusammenhang gerissen wird. So wirkt es auf einmal witzlos. So lief das auch in diesem Fall haargenau.

Ist Ironie gefährlich wegen der Medien oder wegen der Wähler oder wegen der Parteien?

Kretschmann: Es ist nur für die gut, die dabei sind, wenn man es gerade ausspricht. Ironie lebt vom Kontext.

Fällt es Ihnen schwer, auf Ironie zu verzichten?

Kretschmann: Ich sage es mal so: Das ist jetzt der Vorteil einer Karnevalsveranstaltung. Da ist man zur Ironie verpflichtet. Das erwartet jeder. Da kann ich zulangen. Durch die Form bin ich geschützt. Das Publikum weiß, dass es nicht alles für bare Münze nehmen kann.

Bei Ihrem Spruch über die Sardine in dem schönen Hybrid-Mercedes haben Sie die Ironie sozusagen noch erklärt, weil Sie die Geschichte mit Queen Elizabeth und ihrer unbequemen Kutsche und den Sprungfedern im Sitz, über die sie sich beklagt hat, angesprochen haben.

Kretschmann: Aber selbst das hat nicht gereicht. Das mit der Queen hatte ich drei Tage vorher gelesen. Sie hatte tatsächlich mit den Sprungfedern schon ihren Hintern gemeint, auch wenn sie das nicht so gesagt hat...

Die Queen hatte mit ihrer Ironie mehr Glück, weil die Briten Ironie besser verstehen und sie sogar lieben.

Kretschmann: Ja, britischer Humor ist eben nicht so krachledern wie Bemerkungen auf einer Fastnachtsveranstaltung. Humor in der Politik ist vermintes Gelände.

Als Sie die Nachricht erhielten, dass Sie den Orden wider den tierischen Ernst bekommen werden, haben Sie das spontan mit einer gewissen Skepsis betrachtet oder waren Sie sofort auf Euphorie-Stufe zehn?

Kretschmann: Mit Skepsis — aus den genannten Gründen. Karneval ist für mich eigentlich eine Terra incognita. Das heißt, dass ich den rheinischen Humor wahrscheinlich nicht wirklich verstehe.

Haben Sie damit schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht — in der Politik?

Kretschmann: Ich halte mich da einfach fern.

Manche brechen jedoch regelrecht über einen herein, denken Sie an ein rheinisches Schwergewicht wie Norbert Blüm. Da konnte man sich selbst als Baden-Württemberger gar nicht wehren.

Kretschmann: Norbert Blüm war dafür wie gemacht. Mal nebenbei: Baden-Württemberg ist neben Bayern das stärkste Bundesland mit den besten Wirtschaftsdaten und innovativste Region Europas. Trotzdem nennen wir dieses Bundesland selber Ländle. Darauf kämen die Bayern in tausend Jahren nicht.

Bayern ist ein Freistaat, Herr Ministerpräsident.

Kretschmann: Und das heißt, dass der Dimunitiv, also die Verniedlichung, in unserem Dialekt kein Zufall ist. Dieses „Hoppla, jetzt komm ich“ liegt uns nicht, das gibt es hier nicht.

Dann passt Aachen zu Ihnen, da wird auch alles verniedlicht mit „chen“, zum Beispiel Städtchen oder Schokolädchen. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Fastnacht? Sie sind seit 41 Jahren Mitglied der Riedlinger Narrenzunft Gole. Da müssen Sie „Froschkutteln“ essen, das sind Innereien vom Rind. Auf diversen Fotos kann man nicht genau erkennen, ob sie Ihnen schmecken oder eher nicht.

Kretschmann: Die schmecken hervorragend.

Frauen sind bei diesem Essen nicht zugelassen. Die Männer müssen später das Rathaus per Rutsche aus der ersten Etage verlassen. Und das machen Sie jedes Jahr freiwillig mit?

Kretschmann: Ja. Und wenn man 25 Jahre dabei ist und gegessen hat, bekommt man den Gole-Orden. Ich überlege schon die ganze Zeit, ob ich mir den in Aachen anhefte. Nicht dass die Aachener dann sagen „Wenn der schon einen Orden hat, braucht er nicht mehr zu kommen.“ Aber ich denke, ich kann unmöglich ohne den Orden aller Orden nach Aachen kommen.

Die Aachener werden Ihnen das nicht übel nehmen, weil sie ihren Orden für den einzigartigsten aller einzigartigen halten, also kein Problem. Sie haben auch noch die Narrenmütze der Freiburger Fasnetrufer, die Katzenschwanzmütze, dann die Narrenschelle der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte und die Stockacher Laufnarrenkappe. Sie sind also eindeutig ein hundertprozentiger Fasnet-Freund.

Kretschmann: Absolut. Die Fasnet ist für mich die schönste Jahreszeit. Gibt es im rheinischen Karneval auch den Begriff „fünfte Jahreszeit“?

Selbstverständlich.

Kretschmann: Das Jahr ohne Fasnet könnte ich mir nicht vorstellen. Es gehört zum Rhythmus dazu. Es wäre kein gutes Leben, wenn das fehlen würde. Selbst mit hohem Fieber würde ich zum Froschkutteln-Essen gehen.

Eher als zur Kabinettssitzung?

Kretschmann: Ja, hundertprozentig!

Trotzdem haben Sie vorhin von Skepsis gesprochen, als es um den AKV-Orden ging.

Kretschmann: Ich freue mich sehr über den Orden, die Skepsis kommt nur aus der Überlegung, ob ein verhockter Schwabe in diesen weltoffenen Karneval passt.

So uneingeschränkt weltoffen ist der wahrscheinlich gar nicht. Manchmal ist Karneval eine ernste Angelegenheit, auch im Rheinland. Wie stark verbreitet ist der tierische Ernst denn bei den Grünen?

Kretschmann: Sehr.

Noch stärker als bei der baden-württembergischen CDU, die Sie gerade ärgert?

Kretschmann: Bei den Grünen sind ein paar Humorfreie dabei.

Sie haben sich zuweilen über die Grünen aufgeregt, vor allem beim Thema Automobilindustrie, wie man einmal gut hören konnte...

Kretschmann: Dieser Mitschnitt eines privaten Gesprächs war ein illegaler Lauschangriff. Irgendwo muss man ja auch mal ausrasten dürfen. Offiziell habe ich das ja nicht gesagt.

Kommen Sie an diesem Wochenende zum ersten Mal nach Aachen?

Kretschmann: Nein, ich war schon einmal in der Stadt, das ist aber schon sehr, sehr lange her. Da habe ich mir Aachen angeguckt.

Waren Sie da schon Ministerpräsident?

Kretschmann: Nein, vorher. Ich war damals mit meiner Frau in Aachen und habe mir natürlich den Aachener Dom angesehen, auch den Stuhl Karls des Großen.

Die Aachener sprechen lieber vom Thron, nicht vom Stuhl.

Kretschmann: Ich finde, dass dies eher ein aufgemotzter Stuhl ist. Aber das ist doch sympathisch. So stellt man sich einen Thron eigentlich nicht vor. Und dann habe ich noch in Erinnerung, dass Aachen so schöne Brunnen hat. Das ist Jahrzehnte her.

Was haben Sie vorher über den Orden wider den tierischen Ernst nicht gewusst, was Sie mittlerweile wissen?

Kretschmann: Ich habe über den Orden gewusst, dass er an Politiker verliehen wird, die einen gewissen Humor haben und nicht bierernst sind. Ich finde, das reicht.

Mit dem Humor hat es nicht immer geklappt, es gab auch Jahre, da war der Orden wohl eher ein Förderpreis. Aber jetzt gibt es die wunderbare Konstellation, dass eine „rote Socke“, Gregor Gysi, die Laudatio auf den grünen Ritter Winfried hält. Wie gefällt Ihnen das?

Kretschmann: Das nehme ich mit Humor.

Haben Sie mit Herrn Gysi schon einmal zu tun gehabt?

Kretschmann: Nicht wirklich.

Sie haben auch keine Idee, was da kommen könnte?

Kretschmann: Überhaupt nicht.

Sie halten Ironie in der Politik für gefährlich, wie ist es denn mit Politik und Humor?

Kretschmann: Ohne Humor kann man nicht viele Jahre in der Politik bleiben wie ich. Das hält man doch gar nicht aus.

Das hängt auch von der Humorfähigkeit Ihrer Umgebung ab.

Kretschmann: Ich wüsste nicht, wie ich da ohne Sarkasmus zurecht käme. Politik ist ja auch ein Spiel, wenn auch ein ernstes. Da geht es um politische Kultur, das darf man nicht vergessen. Demokratie ist ein Spiel, so wie eine Barockkirche ein heiliges Theater ist. Man hat da eine Rolle. Ich muss mich als Oppositionspolitiker anders verhalten als der Regierungschef. Die Rolle muss man annehmen. Das macht sie auch menschenfreundlich. Das Spiel ist ernst, aber es ist ein Spiel.

Hätten Sie gerne mit Ihrer Partei in diesem Spiel Rollen in der Bundesregierung angenommen?

Kretschmann: Ja. Wir standen kurz vor einem guten Ergebnis.

Haben Sie gute Erfahrungen aus Ihrer grün-schwarzen Arbeit hier in Stuttgart einbringen können, vom aktuellen Koalitionsstreit einmal abgesehen?

Kretschmann: Ja. Wir haben uns auch in Baden-Württemberg nicht gesucht, wir mussten uns halt finden, es ging ja nicht anders. Das Land muss regiert werden, das ist einfach schlichtweg so. Wenn ich jetzt Stimmen in der SPD höre, sie müsse sich in der Opposition erneuern, kann ich nur sagen: Die Opposition ist doch keine Reha-Klinik oder ein Kur-Hotel. Genauso wenig wie die Regierung ein Strafbataillon ist. Was ist das denn für eine Haltung?! Man kann auch fröhlich in die Opposition gehen — wenn man muss! Aber man geht doch nicht statt in die Regierung in die Opposition, wenn man regieren kann. Das ist die Art von Humor, die ich staatspolitisch nicht gut finde.

Gibt es Politiker, die ausgesprochen humorvoll sind?