"Ohren auf!": Aachener Sinfonieorchester erobert die Altstadt

Klassik mal anders : Mozart und Co. in Jeans und T-Shirt

Sinfonieorchester spielt in der Aachener Innenstadt

„Ohren auf!“: Unter diesem Motto hat das Aachener Sinfonieorchester am Samstag mitten in der Aachener Innenstadt etliche klassische Meilensteine gesetzt. Bei feinstem Sommerwetter lauschten zahlreiche begeisterte Zuhörer den Darbietung auf dem Markt, am Elisenbrunnen, vor dem Theater und am Proberaum des Ensembles neben dem Alten Posthof.

Mozarts Kleine Nachtmusik am helllichten Mittag und bei strahlendem Sonnenschein? 24 vagabundierende Virtuosen in Jeans und T-Shirt statt mit Frack und Fliege? Geht alles! Vor allem, wenn das Publikum so begeistert mitgeht – und zwar in jedem Sinne, am besten in Shorts und Sandalen, während das Softeis im Hörnchen mindestens genauso schnell dahinschmilzt …„Ohren auf!“ – die Losung der Aachener Musik- und Theaterfreunde zur etwas anderen Straßenmusik-Stafette ist am Samstag unter wahrhaft perfekten (buchstäblich) äußeren Bedingungen über die offenen Bühnen im Herzen der Altstadt gegangen. Viele offene Münder inklusive: Schließlich erleben selbst die kulturverwöhnten Öcher dergleichen nicht alle Tage.

Vorab: Nach rund viereinhalbstündigem Heimspiel des Sinfonieorchesters Aachen zwischen Elisenbrunnen, Markt, Theater- und Aachener-und-Münchener-Platz durften die Organisatoren der kleinen, aber feinen Tournee eine fantastische Bilanz ziehen – allen voran Vereinsvorsitzender Thomas Beaujean und Bernd Mathieu, der die Regie zum extraordinären Event unter freiem Himmel übernommen hatte.

Beethoven und Mozart mal im etwas anderen Gewand: Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Christopher Ward spielten die Musiker des Sinfonieorchesters am Samstagmittag in der Rotunde des Elisenbrunnens. Und lockten ungezählte Fans im lockeren Rahmen auf die klassische „Musikmeile“ in der City. Foto: Andreas Schmitter

Schon um 11 Uhr waren die ersten Musiker ausgeschwärmt – ihre „Guerrilla-Aktion“ mit allerlei Streich- und Blasinstrumenten im Anschlag kam offensichtlich bestens an. Nicht nur ausgewiesene Klassik-Fans ließen sich nicht zweimal bitten, um in der Folge möglichst keines der Gratis-Gastspiele auf dem City-Pflaster zu verpassen. Denn auch das Timing stimmte in jeder Hinsicht: Um punkt 12 Uhr setzten vier Blasmusiker zur kecken Klassiker-Ouvertüre unterm Eäzekomp am Markt ein: mit Dixie-Sound statt Beethoven, Mozart und Co. – und unter dem begeisterten Applaus ungezählter Passanten, von denen viele ihre samstäglichen Pläne zugunsten der famosen Live-Darbietungen spontan über den Haufen warfen (O-Ton einer verzückten Dame: „Eigentlich muss ich noch zum Metzger – aber das mach‘ ich dann mal zwischendurch...“).

Barocke Klänge mit Original-Instrumenten: Am Proberaum des Orchesters neben dem Alten Posthof erklangen fast 300 Jahre alte Meisterwerke von Händel. Foto: Andreas Schmitter / Schmitter Fotografie

„Volles Haus“ war dann nämlich spätestens gegen 13 Uhr angesagt – allerdings in der Rotunde des Elisenbrunnens. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Christopher Ward setzten 24 Orchestermusiker da erst mal einen künstlerisch, optisch – und auch akustisch – brillanten Kontrapunkt zum feierlichen Gastspiel im feinsten Ambiente anlässlich der Karlspreisverleihung zwei Tage zuvor im Krönungssaal. Selbst das Brausen der Busse vor dem Säulenrund konnte den wunderbaren Darbietungen von Beethovens „Musik für ein Ritterballett“ und Mozarts berühmter Nachtmusik dabei so gut wie nichts anhaben. Bernd Mathieu, ehemaliger Chefredakteur unserer Zeitung, lud zwischendurch zum einen oder anderen launigen Talk mit Teresa Westermann und Arnd Sartor vom Orchestervorstand, Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck und natürlich GMD Christopher Ward, der nicht müde wurde, die außerordentlichen Qualitäten „seines“ Ensembles in den höchsten Tönen zu loben: „Es ist ein Orchester für alle – und wir können wirklich stolz darauf sein!“ Beaujean berichtete vom weitreichenden Engagement des Fördervereins, ohne das auch manch anderes Projekt der Sinfoniker nicht stattfinden könnte. Viele nutzten die einmalige Gelegenheit, sich genügend Stempel zwecks Dokumentation ihrer Teilnahme auf den Flyern zur Aktion zu sichern, die ihnen zwei Operntickets zum Preis von einem sicherten.

So folgte die nächste klangvolle Etappe buchstäblich auf dem Fuße, diesmal unter den Säulen des Theater-Portikus vor dem fröhlichen Hengst. Die Percussionisten Patrick Kersken und Volker Schwenk lieferten dort zum Auftakt den perfekten Trommelwirbel für die Darbietungen von Arnd Sartor (Oboe), Gudrun Kierdorf-Oleniecki (Klarinette) und Amber Mallee (Fagott) sowie das Querflötenduo Stefanie Faust und Anna Saha, die unter anderem Werke von Händel und Ibert zu Gehör brachten. Chapeau!

Schlagkräftiges Duo: Die Percussionisten Patrick Kersken und Volker Schwenk sorgten für eine rasante Ouvertüre am Portikus des Theaters Aachen. Foto: Andreas Schmitter / Schmitter Fotografie

Ein bisschen Kondition war allerdings spätestens gefragt, wenn man das nächste Highlight nicht verpassen wollte (zumal angesichts gefühlter 30 Grad unter fast wolkenlosem Himmel). Für ein fulminantes, ebenso ungewöhnliches wie unerhört schönes „Comeback“ im Elisenbrunnen sorgten die Kontrabassisten Anna Promnitz, Karl-Josef Ohligs, Johannes Hugot und Chihoon Choi mit Werken von Glanert, Johann Strauss oder auch selten gehörten Kompositionen eher unbekannter finnischer Meister wie Usko Kemppi oder Veikko Ahvenainen. Apropos selten: Den perfekten Schlussakkord markierte das Barockensemble des Theaters, während die Sonne sich allmählich über dem Proberaum der Sinfoniker am Aachener-und-Münchener-Platz neigte. Unter der Leitung von Stéphane Egeling (Oboe) brachten neun Virtuosen – unter ihnen der international gefragte Barock-Fagottist Rainer Johannsen – auf ansonsten kaum noch zu hörenden historischen Instrumenten Kompositionen aus den fast 300 Jahre alten Concerti Grossi von Georg Friedrich Händel zu Gehör – der nächste und – vorerst? – letzte glänzende Mosaikstein auf der ersten klassischen Musikmeile mit dem Sinfonieorchester Aachen.

Denn nicht nur Bernd Mathieu und Thomas Beaujean könnten sich vorstellen, das ungewöhnliche musikalische Experiment früher oder später zu wiederholen – trotz des extremen logistischen und technischen Aufwands, den das Projekt allemal erfordert habe. „Gerade eben erst hat mich ein Herr angesprochen“, erzählte Michael Schmitz-Aufterbeck am Rande. Er habe gefragt, ob es denn richtig sei, dass die Musikmeile auch im nächsten Jahr wieder mit Klassik vom Feinsten gepflastert sei. Mal sehen, ob‘s klappt. Denn: „Schöner können wir unser Versprechen, unsere Kunst und unsere Künstler direkt zu den Menschen zu bringen, sicher nicht erfüllen.“

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