Aachen: „Offenes Aachen“: Nicht müde werden, für Demokratie zu kämpfen

Aachen : „Offenes Aachen“: Nicht müde werden, für Demokratie zu kämpfen

Die Demokratie ist nicht selbstverständlich, auch wenn sie von vielen Menschen als selbstverständlich empfunden wird. Hinter dieser Aussage steht die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen zu 100 Prozent.

„Wichtig für die Demokratie ist die Partizipation“, sagt Norbert Greuel von der Stiftung. Man müsse also daran teilhaben und etwas tun. „Wir wollen uns einmischen“, so Greuel weiter. Denn er, die Aachener Bürgermeisterin Hilde Scheidt, Polizeipräsident Dirk Weinspach und Marita Jansen, ebenfalls von der Bürgerstiftung, sehen die Regierungsform in Gefahr. Es bestehe nun Handlungsbedarf.

Daher setzt sich die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen in diesen Wochen mit dem Projekt „Offenes Aachen“ für mehr gelebte Demokratie, Vielfalt und Menschenwürde ein. Mit Kunstaktionen, einer Unterschriftenliste und einem großen Fest möchten sie auf die Werte, die im Grundgesetz verankert sind, aufmerksam machen und sich somit für und nicht gegen etwas einsetzen. „Wir versuchen nicht zu kritisieren, sondern wir wollen etwas Positives in die Welt tragen“, sagt Marita Jansen.

„Demokratie bedeutet Freiheit. Es ist sehr wertvoll, dass wir überhaupt in einer Demokratie leben dürfen“, sagt Bürgermeisterin Hilde Scheidt. „Und je freier ein Mensch seine Potenziale entfalten kann, desto mehr kann er sich in die Gesellschaft einbringen“, ergänzt Jansen. In vielen anderen Ländern hätte man diesen Luxus nicht. Daher können sie auch nicht verstehen, dass so wenige Menschen ihr Wahlrecht nutzen.

„Knapp 50 Prozent der Wahlberechtigten gehen nicht wählen und das finde ich ganz erschreckend“, so Scheidt weiter. „Selbst wenn man die Politiker teilweise doof findet, so kann man dennoch bestimmen, in welche Richtung es geht.“ Der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach hat dafür eine simple Erklärung. „Jüngere Generationen sehen Vieles als selbstverständlich an. Weil sie es so kennen. Ihnen ist vermutlich gar nicht bewusst, was wir verlieren könnten“, sagt er.

„Man muss sich bewusst machen, wie schnell das kippen kann“, sagt Scheidt. Sie habe auf einer Pegida-Demonstration in Dresden gesehen, wie viele Menschen, auch junge Familien, sich den rechten Parolen angeschlossen haben.

„Demokratie ist wie Seidenpapier. Es liegt über allem, kann jedoch ganz leicht reißen“, sagt die Bürgermeisterin. „Und nachher schreien wieder alle: ,Wie konnte das nur passieren?‘“ Für die Demokratie zu kämpfen, sei auch anstrengend. Es gebe keinen Anfang, kein Ende. Man müsse immer weiter machen und dürfe nichts als Selbstverständlichkeit empfinden. Aber da könne nur helfen, zu reden. Denn in Zeiten wie diesen müssen die, die ihre Demokratie lieben und gerne in einer leben, zeigen, dass wie sie empfinden.

Demokratie und damit eben auch Freiheit, seien schließlich sehr wichtig für eine Gesellschaft. Aber: „Freiheit braucht auch Sicherheit und da kommt die Polizei ins Spiel. Wie viel, das ist eine nahezu philosophische Frage. Aber der Bürger, der abends nicht mehr durch die Stadt gehen kann, ohne Angst zu haben, der ist nicht mehr frei.“

Die Demokratie habe viele Facetten. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Demokratie mehr ist als die Entscheidung von Mehrheiten. Die Minderheit von heute muss die Chance haben, die Mehrheit von Morgen zu werden“, fügt er an. Demokratie bedeute, jeden mit jeder Meinung zu achten, so Greuel. „Es muss in einer Gesellschaft jederzeit möglich sein, sich eine Meinung zu bilden. Diesen Prozess zu schützen, das ist unsere Aufgabe“, so Weinspach. „Demokratie darf schließlich nicht nur aus zwei Meinungen bestehen, dann wäre es eine Diktatur“, sagt Scheidt.

Um alle Menschen davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, für die Demokratie zu kämpfen und das immer wieder, suchen sie den Dialog — und planen ein großes Fest am Sonntag, 27. August. „Mit dem Fest macht man es sichtbar. Gerade um junge Menschen zu gewinnen, müssen wir Demokratie spannend machen“, sagt Scheidt. Und das im besten Fall schon so früh wie möglich. „Die Basis ist der Umgang mit unseren Kindern“, sagt Jansen.

Eltern hätten eine große Verantwortung, denn auch zu Hause müsse Demokratie vorgelebt werden. „Mir ist wichtig, dass wir dahin kommen, Familien Zeit zu geben. Wenn man junge Eltern fragt, was sie sich am meisten wünschen, dann ist das Zeit“, sagt Scheidt. Häufig müssten aber beide Elternteile früh wieder arbeiten, um finanziell stabil zu leben.

Dann jedoch bliebe die so wichtige Weitergabe von Werten oft auf der Strecke. „Mein Wunsch wäre, dass nicht die zu Ikonen gemacht werden, die das dickste Auto fahren oder die meisten Klicks bei Youtube haben, sondern die, die sich wirklich für die Gesellschaft einsetzen“, sagt Weinspach. Demokratie sei jedoch unattraktiv geworden. „Wer aber einmal dabei war, bei einer Demo oder Ähnlichem, und dieses Gefühl erlebt hat, zusammenzustehen und für etwas zu kämpfen, der weiß, wofür er es tut“, sagt der Polizeipräsident. „Und das ohne, dass zuvor ein Anschlag passiert ist“, ergänzt Greuel. „Wir müssen mehr Begeisterung schaffen“, ergänzt er.

Daher müsse man immer wieder Gespräche führen, Aktionen organisieren und gemeinsam Feste feiern. Die Bürgerstiftung sei noch längst nicht müde geworden. Auch nicht im Kampf gegen die digitale Hetze. „Teile der Digitalisierung führen zur Meinungsmanipulation. Das ist ein echtes Problem“, sagt Jansen. Internetnutzer erhielten ungefilterte Informationen und Parolen, ohne sie zu hinterfragen.

„Der Verbreitungsgrad ist dort viel höher“, fügt sie an. „Wir müssen Probleme ganz klar benennen und Möglichkeiten zur Behebung erörtern“, sagt Greuel. Wichtig sei es nun, erst mal alle zu mobilisieren, die die Demokratie leben und lieben. Und das, so sind sich alle sicher, sei immer noch die große Mehrheit.

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