Aachen: Öcher machen den Markt zur Tour-Arena

Aachen : Öcher machen den Markt zur Tour-Arena

Und dann ging alles ganz schnell. Um 15.54 erreichte die kleine Ausreißergruppe den Aachener Markt, circa drei Minuten später folgte das Hauptfeld. Und während der Besenwagen mit der Aufschrift „Fin de la course“ am Sonntag um 16.01 Uhr das Aachener Rathaus passierte, waren viele der zigtausend Zuschauer entlang der 12,4 Kilometer langen Strecke quer durch Aachen von Haaren bis Bildchen schon wieder auf dem Heimweg.

Aber dass die Durchfahrt der Tour de France flott gehen würde, war ja allen Beteiligten — im Rathaus und davor — bereits im Vorfeld klar. „Es sind auch nicht die paar Minuten, in denen das Fahrerfeld hier durchjagt, die zählen“, bilanzierte Oberbürgermeister Marcel Philipp später. „Die Fernsehübertragung hat ein gutes Stück Aachen transportiert.“ Aus Marketingsicht könne man das gar nicht hoch genug einschätzen. „Die Bilder, die aus Aachen in die Welt gegangen sind, sind von hohem Wert.“

Nach Haaren hinein über den Aachener Markt und in Bildchen ab nach Belgien (unten, von links): Das sind die Stationen der Tour de France in Aachen. Und zehntausende Zuschauer sind dabei. Foto: Harald Krömer (4), Andreas Herrmann (2), Andreas Schmitter (2)

Alles gut gegangen

Nach Haaren hinein über den Aachener Markt und in Bildchen ab nach Belgien (unten, von links): Das sind die Stationen der Tour de France in Aachen. Und zehntausende Zuschauer sind dabei. Foto: Harald Krömer (4), Andreas Herrmann (2), Andreas Schmitter (2)

Als der OB diese Bilanz zog, war das Peloton schon über die Lütticher Straße und den Grenzübergang Bildchen nach Belgien gefahren und im Aachener Rathaus atmeten die Organisatoren um Chefkoordinator André Schnitker erleichtert durch. Es war alles gut gegangen. Auch die Aachener Polizeisprecherin Sandra Schmitz wusste von keinerlei Zwischenfällen zu berichten.

Nach Haaren hinein über den Aachener Markt und in Bildchen ab nach Belgien (unten, von links): Das sind die Stationen der Tour de France in Aachen. Und zehntausende Zuschauer sind dabei. Foto: Harald Krömer (4), Andreas Herrmann (2), Andreas Schmitter (2)

Gut vorbereitet war die Stadt Aachen und alle beteiligten Institutionen allemal. Um 12.18 Uhr am Sonntagmittag bekam Schnitker die Nachricht, dass alle knapp 200 Streckenposten auf Position waren. Doch zu diesem Zeitpunkt war ein Großteil der Arbeit bereits erledigt. Die Zugänge zur Strecke waren durch Busse und Lkw gesperrt, die 900 Absperrgitter waren aufgestellt. Die Polizei hatte zum Teil mit umgehängten Maschinengewehren in der Innenstadt und an den Zufahrtstraßen Stellung bezogen.

Hubschrauber begleiten das Fahrerfeld und zeigen Aachen von oben (oben, links). In Bildchen fährt die Tour von Aachen nach Belgien (oben, rechts), in Haaren kommt sie etwa 20 Minuten vorher an (unten). Foto: Harald Krömer (4), Andreas Herrmann (2), Andreas Schmitter (2)

Doch schon am Samstag hatte das Ordnungsamt alle Hände voll zu tun. Es ermittelte 350 Namen von Aachenern, die ihre Autos immer noch nicht von der Strecke weggefahren hatten. „Anschließend sind die Kollegen bei den Leuten klingeln gegangen“, berichtete Stadtsprecher Bernd Büttgens, „mit dem Ergebnis, dass wir nur 39 Autos abschleppen mussten. Insgesamt ist das doch gar nichts“, sagte Büttgens zufrieden.

Sicherheit wird bei der Tour groß geschrieben. Dieser Polizist sichert mit umhängendem Maschinengewehr die Kleinmarschierstraße. Foto: Harald Krömer (4), Andreas Herrmann (2), Andreas Schmitter (2)

Da brachte die Organisatoren auch die Ankündigung der ARD nicht mehr aus der Ruhe. Deren Moderator hatte nämlich in der Liveübertragung, die via Großbildleinwand auf dem Markt gezeigt wurde, behauptet, die Tour-Etappe würde in Aachen direkt am Dom vorbei führen. „Dann müssen wir halt ein paar Absperrgitter umstellen“, scherzten Büttgens und Schnitker. Tatsächlich führte die Strecke natürlich über den Markt am Aachener Rathaus vorbei.

Und dorthin strömten ebenso wie überall in der Stadt zunehmend mehr Menschen an die Strecke. „Eine genaue Zuschauerzahl können wir nicht nennen“, sagte Büttgens später, „es werden Zehntausende gewesen sein. Der Zuspruch war in der gesamten Stadt sensationell.“

Besonders beliebt waren neben dem Markt vor allem die engen Kurven an Seilgraben/Neupforte — wo Familie Ramrath zur Feier des Tages eine kleine Filiale ihrer Traditionskneipe „Zum Knipp“ eröffnet hatte — Neupforte/Mostardstraße und Mostardstraße/Großköln­straße. Schon bevor die Werbekarawane, die Stadtsprecher Büttgens mit einem sehr schnellen Karnevalszug ohne Fußgruppen treffend beschrieb, nach 14 Uhr durch die Stadt fuhr, standen die Menschen hier dicht gedrängt. Und sie ließen sich auch nicht vom einsetzenden Regen, der quasi vor dem nahenden Fahrerfeld herzog, in ihrer gemütlichen Volksfeststimmung stören. Als dann die Ausreißer über das Kopfsteinpflaster am Rathaus vorbei sausten, verwandelten die Zuschauer den Markt in eine tosende Arena. „Die Öcher können halt feiern, auch im Regen“, sagte OB Philipp mit Stolz.

Und das taten sie nicht nur auf dem Markt, sondern zuvor schon in Haaren, wo das Peloton über den Kaninsberg nach Aachen hineinsauste. Dort hatten die ortsansässigen Vereine seit 10 Uhr morgens zu einem Bürgerfest eingeladen. Der Haarener Markt war bestückt mit kulinarischen Angeboten, die Hooreter Frönnde hatten eine Bühnenwagen organisiert, die Pfarre sorgte vor der Kirche St. Germanus für Kaffee und Kuchen. Die Arbeiterwohlfahrt direkt gegenüber bot bereits seit dem Frühstück ein flottes Programm mit dem Film „Höllentour“ von 2003. Die aktuelle Tour war dann im AWO-Saal auf einer Großleinwand zu sehen.

Entspannt bis ausgelassen

Die Stimmung war entspannt bis ausgelassen in Haaren. Die Vorhut der Tour geriet zu einem Fest, die Kinder fingen wie im Karnevalszug „Kamelle“ in Form von Gummibärchen oder anderen Werbeutensilien. Bevor dann das Peloton auf den Kurvenknick am Haarener Markt zuraste, kamen immer wieder Polizeimotorräder in Gruppen oder einzeln vorbei, dazu Sicherheitsfahrzeuge in schrillem Orange. Denn selbstredend wurde die Sicherheit groß geschrieben. An der Alt-Haarener Straße stand ein großer Laster quer auf der Fahrbahn, an der Einmündung der Frieden­straße erfüllte diese Aufgabe ein stattlicher Feuerwehrwagen, der absolut keine Vorbeifahrt von möglichen Attentätern in Fahrzeugen zuließ.

Für Bezirksbürgermeister Ferdinand Corsten eine Selbstverständlichkeit. Er hatte es gemeinsam mit Bezirksamtsleiter Frank Prömpeler geschafft, aus der Tourdurchfahrt ein echtes Volksfest zu machen.

So hat es sich bestimmt für die etwa 15 Haarener Vereine gelohnt, das Sommerfest auf diesen Tag zu legen. Gegen 15.30 Uhr zeigte die Fernsehübertragung Bilder aus Aldenhoven, dann ging es schnell. Gegen 15.45 Uhr kamen unter wildem Gehupe die Vorfahrzeuge, dann rauschte das Feld durch. Doch das Fest war lange nicht zu Ende — die Haarener feierten an den zahlreichen Ständen einfach noch weiter.

Was in Haaren gelang, war auch ohne Bürgerfest an der übrigen Strecke durch die Stadt nicht anders. „Wir haben ja durchaus Erfahrung mit Großereignissen“, sagte OB Philipp mit Blick auf die Öcher einerseits, aber auch auf die Stadtverwaltung andererseits und nannte beispielsweise den CHIO oder die Karlspreisverleihung. „Und eine Strecke können wir auch betreiben. Bei den Karnevalsumzügen gelingt uns das jedenfalls.“

Dennoch sei die Tourdurchfahrt ein klein wenig wie eine Wundertüte, die einen riesigen Aufwand und viele Einschränkungen mit sich bringe — immerhin habe die Stadt komplett zweigeteilt werden müssen. „Aber an einem Sonntag können wir das schon mal verkraften, an einem Werktag hätte das sicher anders ausgesehen, weil es mit wirtschaftlichen Einbußen verbunden gewesen wäre.“ Jedes Jahr brauche er diesen Aufwand jetzt nicht, räumte Marcel Philipp ein, „aber wir haben die Chance, die sich uns mit der Tour geboten hat, gut genutzt.“

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