Aachen: „Öcher Becher“: Der lange Weg zum Mehrweg

Aachen : „Öcher Becher“: Der lange Weg zum Mehrweg

Das grundstürzende Gedankengut hatte Sebastian von Helden ausgerechnet aus Bayern eingeschleppt. In München war der Laurensberger CDU-Bezirksvertreter in einen Supermarkt geraten, in dem man seine Ware ohne Verpackung einkaufen konnte. So könne doch auch in Aachen Plastikmüll vermieden werden, meinte von Helden. Als ob das so einfach wäre. Aachens Lebensmittelgeschäfte können ein Lied davon singen.

„Als ich beim Metzger meines Vertrauens mit meiner mitgebrachten Dose erschienen bin, hat der die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen“, erzählte von Helden in der jüngsten Sitzung der Laurensberger Bezirksvertretung. Dort saß auch Dienter Lennartz, der Geschäftsbereichsleiter Abfallwirtschaft und Stadtreinigung beim Stadtbetrieb, und lächelte wissend: „Ja, ja, die Hygienebarriere.“

Diese bürokratische Grenze zwischen hui und pfui wollten die Grünen schon vor mehr als einem Jahr mit einem Ratsantrag überwinden, um die Flut von Einwegbechern etwas einzudämmen. Statt den Kaffee zum Mitnehmen („to go“, wie es neudeutsch heißt) in die mit Plastik beschichteten Pappdinger zu füllen, sollten nach ihren Vorstellungen lieber Mehrweggefäße verwendet werden. Wie aber kommt der Kaffee hinein, und vor allem wo? Denn nach einer Vorschrift des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) darf kein vom Kunden mitgebrachter Becher hinter die Theke, die als Hygienebarriere gesehen wird.

Die Verwaltung hat sich einen Haufen Gedanken gemacht, wie denn ein Mehrwegbecher rechtssicher mit Kaffee befüllt werden könnte. In einer umfänglichen Vorlage für den Stadtbetriebsausschuss wurde im vergangenen Jahr auch die Freiburger Lösung dieses Problems geschildert. Die Stadt hatte 2016 den sogenannten Freiburgcup eingeführt, für den man beim Kauf eines Kaffeegetränks einen Euro Pfand bezahlt. Ist der Cup leer, gibt man ihn bei einem der teilnehmenden Betriebe — rund 100 sind es in Freiburg — wieder ab und bekommt seinen Euro zurück. Im Breisgau funktioniere das gut, schreibt die Verwaltung, die bei ihren Recherchen zudem herausgefunden hat, dass die Hygienevorschriften in Baden-Württemberg „nicht so streng“ sind wie in NRW.

Einführung „aktiv zu unterstützen“

Aachener Bäcker müssen hingegen allerlei Verrenkungen machen. Moss zum Beispiel bietet einen Mehrwegbecher aus Edelstahl an, den der Kunde selbst befüllen kann. Den Kaffee dazu bekommt er von den Mitarbeitern in einer hauseigenen Tasse über die Theke gereicht. Weil die anschließend wieder gespült werden muss, fragt sich Moss-Verwaltungsleiterin Fee Damm nach dem Gewinn für die Umwelt. Die Müllvermeidung beim Kaffeegenuss honoriert Moss mit einem Rabatt, wie auch die Nobis-Bäckereien, die ebenfalls einen Mehrwegbecher im Angebot haben. Der ist am Ende seiner Wege zudem biologisch abbaubar.

„Ich bin froh über die hohen Standards bei der Lebensmittelhygiene“, stellt Moss-Verwaltungsleiterin Damm klar. Aber die müssten in der Praxis halt auch irgendwie umzusetzen sein.

„Schade, dass wir das nicht schaffen“, meint Bürgermeisterin Hilde Scheidt von den Grünen. In Köln, Münster und anderen nordrhein-westfälischen Großstädten funktioniere es doch auch. Und selbst in Aachen klappe das Pfandsystem zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt. „Da gebe ich meinen leeren Becher ab und bekomme einen neuen Glühwein in einem neuen Becher“, sagt Scheidt und fragt sich: „Wieso klappt das nicht beim Kaffee?“

Immerhin: Die Stadt bemüht sich. Der Stadtbetriebsausschuss sprach sich im Dezember einstimmig dafür aus, die Einführung eines Mehrwegsystems „aktiv zu unterstützen“. Dieser von den Grünen so genannte „Öcher Becher“ soll anders als der Freiburgcup nicht von der Stadt gemanagt werden, sondern von einer Firma, die dafür von den teilnehmenden Betrieben Gebühren kassiert.

Sechs Monate ist dieser Beschluss inzwischen alt. In den nächsten Wochen soll es nach Auskunft des städtischen Presseamtes noch einmal einen Termin „mit allen Beteiligten“ geben. Schon einmal hatte sich der Stadtbetrieb mit Vertretern der Bäcker- und Konditorinnung und des Amtes für Verbraucherschutz zusammengesetzt. Auch das Studierendenwerk saß mit am Tisch. Das bietet in seinen Mensen und Cafés ebenfalls Mehrwegbecher an und hat damit den Verbrauch von Pappgefäßen erfolgreich gesenkt.

„Wo bleibt der ‚Öcher Becher‘, fragt derweil Hilde Scheidt.

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