Oberverwaltungsgericht entscheidet über Massentötung von Rindern

Massentötung von Rindern mit Herpes : Das lange, bange Warten der Familie Giesen

Es herrscht Ruhe rund um den Bauernhof der Familie Giesen – man könnte auch sagen: gespenstische Ruhe. Denn dort, im Aachener Stadtteil Nütheim, wo sonst hunderte Kühe weiden, sind die Wiesen leer. Kein einziges Tier ist zu sehen.

„Wir haben vom städteregionalen Veterinäramt die Auflage bekommen, unsere Kühe und Kälber im Stall zu halten“, erklärt Anja Giesen auf Nachfrage unserer Zeitung. Das machen die Giesens nun schon seit Wochen, und sie werden es auch weiter tun (müssen), bis die Gerichte endgültig geklärt haben, was mit ihrer Herde passieren wird.

Mehr als 550 Milchkühen und Jungtieren droht die Zwangstötung, seitdem im Juli bei einer Routinekontrolle im Blut der Tiere Antikörper auf das als Rinderherpes bezeichnete BHV 1-Virus gefunden worden waren. Zwei weitere Bauernhöfe im Aachener Süden sind ebenfalls betroffen, allerdings halten sie jeweils deutlich weniger Tiere als die Familie Giesen. In allen drei Fällen hat die Städteregion eine Tierseuchenverfügung erlassen und die Tötung der Tiere angeordnet. Die Landwirte aber widersetzen sich dieser Anordnung, die Angelegenheit ist deshalb zu einem Fall für Juristen und Gerichte geworden.

„Die Situation wird von Tag zu Tag unerträglicher, weil wir wissen, dass eine Entscheidung naht“, gewährt Anja Giesen einen Einblick in die Gemütslage ihrer Familie. Noch ist allerdings nicht absehbar, wann klar sein wird, wie es weitergeht.

Wie schon zuvor ein Landwirt aus Oberforstbach, der namentlich nicht genannt werden möchte, hat auch Anja Giesens Vater Lambert, der den Betrieb in Nütheim führt und in einigen Jahren an seinen Sohn Markus übergeben will, beim Verwaltungsgericht Aachen einen Eilantrag gegen die von der Städteregion angeordnete Tötung seiner kompletten Herde gestellt. Dieser ist aber, wie Frank Schafranek gegenüber unserer Redaktion erklärt, vorläufig zurückgestellt worden.

„Der Vorgang ruht, bis das Oberverwaltungsgericht eine Entscheidung getroffen hat“, erläutert der Pressesprecher des Aachener Verwaltungsgerichts. Die Richter in Münster werden somit zunächst über die Beschwerde urteilen, die der Landwirt aus Oberforstbach gegen die Abweisung seines Eilantrags durch das Verwaltungsgericht eingereicht hat.

„In einer Woche endet die Frist für eine Stellungnahme. Danach wird sich der zuständige Senat zeitnah mit dem Vorgang beschäftigen“, kündigt Gudrun Dahme auf Anfrage. Was die Formulierung „zeitnah“ konkret bedeutet, lässt die Pressesprecherin am Oberverwaltungsgericht Münster allerdings offen.

Und damit auch, wann die Leidenszeit der Giesens enden wird. Oder möglicherweise erst richtig beginnen könnte, wenn denn auch in letzter Instanz die Haltung des Veterinärsamts bestätigt wird. „Ich bin aber recht zuversichtlich, dass das Gericht bei uns anders und damit positiv entscheiden wird“, betont Anja Giesen. „Wir haben einen sehr guten rechtlichen Beistand, und unser Eilantrag fußt auf einer anderen Argumentation.“ Ins Detail gehen will Giesen – aus taktischen und juristischen Gründen - in der Öffentlichkeit nicht. Stattdessen verweist sie auf den weiterhin einwandfreien Zustand der Herde.

„Unsere Kühe und Kälber sind gesund“, stellt die Steuerfachgehilfin, die nebenberuflich im elterlichen Betrieb tätig ist und sich um die Aufzucht der Kälber kümmert, fest. „Selbst in den heißen Sommerwochen, die wegen der ungewohnten Stallhaltung für die Tiere mit besonderem Stress verbunden waren, hat es keinerlei klinische Hinweise auf den Ausbruch der Krankheit gegeben.“ Für Anja Giesen steht deshalb fest: „Es kann doch nicht sein, dass die Behörden auf der Massentötung gesunder Lebewesen bestehen.“

Ihren Unmut und ihr Unverständnis bringen die Giesens mittlerweile auch noch auf anderem Wege zum Ausdruck. Im Internet haben sie eine Online-Petition an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner initiiert. Die Botschaft: „Retten Sie unsere gesunden Rinder vor einer sinnlosen Massentötung“. Fast 66.500 Menschen – Stand Freitagnachmittag - haben die Petition bereits unterzeichnet. Und Anja Giesen ist zuversichtlich, dass es noch deutlich mehr werden.

Mit breiter Unterstützung will ihre Familie auf die aus ihrer Sicht bestehende Notwendigkeit für eine gesetzliche Änderung hinweisen. Die aktuelle “Verordnung zum Schutz der Rinder vor einer Infektion mit dem Bovinen Herpesvirus Typ 1“, die im Juli 2015 in Kraft getreten ist, sieht ein striktes Impfverbot vor. „Das muss sich wieder ändern“, fordert Lambert Giesen. „Zumindest für reine Milchbauern wie uns, die nicht davon leben, dass sie ihre Tiere und das Fleisch verkaufen.“

Ob’s am Ende tatsächlich so kommen wird, bleibt abzuwarten. Klar ist derzeit nur, dass auf den Wiesen in Nütheim vorerst weiter gespenstische Ruhe herrschen wird.

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