Neujahrsempfang des DGB Aachen in der Landesklinik Düren

Thema: Gesundheitsindustrie auf dem Prüfstand : Plädoyer gegen private Pflegekonzerne

Um „Auswege aus der Pflegekrise“ zu finden, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Süd-West den fachkundigen Referenten Wolfgang Cremer vom NRW-Landesvorstand Verdi zum Neujahrsempfang in die Landeskliniken in Düren eingeladen.

Den Vortrag über Pflegekosten, Unterbesetzung mit Arbeitskräften in der Alten- wie in der Krankenhauspflege, über die Entwicklung der Versichertenbeiträge sowie der Versicherungskosten für Staat und Gesellschaft hörten rund 120 Gewerkschafte, sie waren aus der gesamten Region gekommen.

Als weiterer Experte für Fragen der Organisation des Gesundheitswesens stand der Aachener AOK-Direktor Waldemar Radtke zur Verfügung, im Anschluss an den Vortrag gab es eine engagierte Fragerunde zwischen den beiden Experten und den Gewerkschaftern.

„Wir sind alle in unserem Leben bereits mit dem Thema in Kontakt gekommen“, erkannte DGB-Chef Ralf Woelk in seiner Einführung beinahe philosophisch. Und es könne jede Familie von jetzt auf gleich treffen, dass man Pflege – ob zu Hause oder in Einrichtungen – benötigt.

In einem waren sich die Experten einig: Die Pflegebranche sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich ist gekennzeichnet durch überlastete Beschäftigte, die in der Regel nicht länger als fünf Jahre in diesem wichtigen Berufszweig verbleiben. Das zeige einen akuten Handlungsbedarf, um in dieser Branche eine ausreichende Qualität bei den Arbeitsplätzen zu erreichen, sagte auch Wolfgang Cremer in seinem anschließenden Vortrag.

Dies gelte gleichermaßen für Dienstleistungen in den Krankenhäusern wie in den Altenheimen und – nicht zu vergessen – für die speziellen Anforderungen in den ambulanten Diensten. „Die Gesundheitsbranche entwickelt sich weiterhin und immer stärker zur Leitbranche der Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen“, sagte Cremer, der NRW-Gesundheitsmarkt sei mit jährlich erwirtschaften 70 Milliarden Euro sogar bundesweit der größte. In NRW gebe es rund 350 Krankenhäuser, mehr als 28.000 Arztpraxen sowie 151 Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen. Hinzu kämen mehr als 2300 Ambulante Pflegedienste und 2400 Pflegeheime.

Immer mehr Leistungsdruck

In jüngster Zeit würden sich immer öfter private Gesundheitskonzerne ein Stück vom profitablen Kuchen abschneiden, erläuterte Cremer weiter. Die Privatisierung der Pflegelandschaft führe allerdings zu immer mehr Leistungsdruck bei den Beschäftigten und zu schlechteren Verhältnissen in den Einrichtungen, sagte Cremer, immer mehr „Private-Equity-Fonds“ drängen in den kommerziellen Pflegemarkt.

„Finanzinvestoren haben kein Interesse an der guten Versorgung der Menschen“, stellte Cremer fest. Auf Beschäftigtenseite gehe es jetzt darum, das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz im Jahr 2019 auch umzusetzen. Die jüngsten Verdi-Streiks in den Häusern hätten dazu gedient, erstmals wieder Raum zu schaffen für das Abfeiern von Überstunden, eine zureichende Abdeckung stehe aber noch in weiter Ferne. Bessere Ausbildung und höhere Bezahlung seien nur erste Schritte für einen Stopp des Ausblutens im Pflegebereich, meinte auch AOK-Vertreter Waldemar Radtke.

Beide wandten sich vehement gegen private Gesundheitsdienstleister, forderten ein Umdenken und die Stärkung dezentraler Strukturen in den Quartieren sowie die Einführung einer Bürgerversicherung sowohl bei der Kranken- wie der Pflegeversicherung. Die riesige Summe von jährlich 200 Milliarden Euro sei im System: „Wir haben genügend Geld, wir müssen das nur anders steuern“, forderte Cremer.

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