Neues Projekt zur Erinnerung an Kriegstote verbindet Aachen und Süd-Limburg

75 Jahre Freiheit und Demokratie : Geschichten, aus denen lebendige Geschichte erwächst

Im Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs engagiert sich eine neue, grenzüberschreitende Initiative gemeinsam mit jungen Menschen, um die Erinnerung an die schlimmste menschliche Katastrophe der jüngeren Geschichte wach zu halten.

„Was ist der Unterschied, ob Bomben in Aachen oder Aleppo fallen? Was ist der Unterschied zwischen Kindern in Aachener Bunkern Ende 1944 und der traumatisierten Jugend von heute in palästinensischen Lagern?“ Huub Grooten, 77 Jahre alt, sitzt in seinem Arbeitszimmer in Simpelveld mit schönem Blick auf das Tal des Eyserbachs, rund 14 Kilometer von Aachen entfernt. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war er noch ein kleiner Junge. „Wir auf unserer Seite denken, dass wir gelitten haben, aber wir wissen zu wenig, wie die Menschen in Aachen gelitten haben.“

Grooten ist entsetzt darüber, dass es nach beinahe einem Dreivierteljahrhundert wieder Ausgrenzung und Populismus in Europa und vielen Teilen der Welt gibt, dass der Rechtsradikalismus erstarkt, Gewalt wieder zum Mittel der Politik wird, Kriege an der Tagesordnung und Millionen Menschen auf der Flucht sind. Mitunter könnte man meinen, manche Menschen vertrügen mehr als 70 Jahre Frieden nicht. Grooten will dagegen angehen, er ist aktiv im rührigen Heimatverein Simpelveld-Bocholtz (300 Mitglieder) und hat dort mit Gleichgesinnten ein umfangreiches Programm zum anstehenden Gedenken an „75 Jahre Freiheit und Demokratie“ entwickelt – auf beiden Seiten der Grenze.

Deshalb ist auch Rolf-Leonhard Haugrund dabei, bekannt als langjähriger Vormann des Marienhospitals. Beide haben sich bei der Gründung des grenzüberschreitenden Lions-Clubs Euregio Maas-Rhein 2001 kennengelernt und sind Freunde geworden. Auch Haugrund (67) ist besorgt über die instabile politische Situation auf der Erde: „Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Man muss Fehler nicht zweimal machen.“ Beide Männer betonen, dass sie nur Teil eines ehrenamtlichen Teams sind und bei den anstehenden Aktivitäten nicht im Vordergrund stehen wollen. In das Leben beider Familien hat der Zweite Weltkrieg tiefe Kerben geschlagen. Haugrunds Vater geriet im Dezember ’44 bei der Ardennenoffensive in amerikanische Gefangenschaft, die Eltern von Huub Grooten waren im bewaffneten Widerstand aktiv und brachten Verfolgte bei Juden in den Bauerndörfern Süd-Limburgs unter, sein Onkel wurde von der Gestapo ins KZ Vught deportiert, nachdem er verraten worden war – er gilt seitdem als vermisst.

Seite an Seite in der mahnenden Erinnerung an die Opfer des Krieges: Huub Grooten (rechts) und Rolf-Leonhard Haugrund haben das grenzüberschreitende Projekt gemeinsam mit vielen Schulen aus der Region mit ins Leben gerufen. Foto: Heiner Hautermans

Solche Erlebnisse gibt es wohl in jeder Familie in unserer Gegend, und sie sollen deshalb in beiden Sprachen niedergelegt werden – das ist wohl der wichtigste Baustein des Erinnerungsprojekts. „Die Geschichte unserer Befreier, Kriegsopfer und Augenzeugen, werden, wenn wir sie nicht aufzeichnen, allmählich aus der Geschichte verschwinden“, heißt es dazu in den Leitlinien des Komitees. Schüler sollen einzelne Schicksale festhalten, gesucht werden deshalb Menschen, die den Weltkrieg noch erlebt haben, von Widerstandskämpfern und Augenzeugen der Bombardierungen von Aachen bis hin zu Trümmerfrauen. Sie sollen unter Anleitung interviewt werden von Jungen und Mädchen einiger Grundschulen auf beiden Seiten der Grenze sowie im Sekundarbereich unter anderem des Anne-Frank-Gymnasiums oder des Inda-Gymnasiums, dem Berufskolleg Alsdorf oder dem Bernardinus College in Heerlen. Anschließend sollen die Geschichten digitalisiert und gedruckt werden, um als Grundstock für lebendige Geschichte aufbewahrt zu werden.

Die gemeinsam erarbeiten Geschichten sollen dann auch Thema sein bei Tagesausflügen der Jugendlichen zu zwei Gedenkstätten in der Umgebung, wo auch Kränze und Blumen auf jedem Grab niedergelegt werden. Einmal in Margraten, entlang der Landstraße zwischen Aachen und Maastricht, wo 8301 amerikanische Soldaten begraben sind. Bekanntlich begann mit dem D-Day am 6. Juni 1944 in der Normandie die entscheidende Schlacht um die Befreiung Europas, die Kapitulation Aachens erfolgte am 21. Oktober 1944.

Lastwagen voller Leichen

Der „American Cemetery and Memorial“ in Margraten wurde noch vor Kriegsende eingerichtet, die lokale Bevölkerung bekam mit, wie Lastwagen voller Leichen dorthin gefahren wurden, kannte zum Teil die Gefallenen und baute schnell eine starke Verbindung zu der Gedenkstätte auf. Alle Gräber werden auch heute noch von Patenfamilien gepflegt, nicht selten sind zwischen ihnen und den Familien der Opfer persönliche Kontakte entstanden. Und beim Memorial Day, der traditionell am letzten Wochenende im Mai begangen wird, stehen Blumen an fast jedem Kreuz. Seit zwei Jahren versucht man mit „Faces of Margraten“, jedem Gefallenen ein Foto zuzuordnen. Die 26 Hektar große Anlage gilt als eine der am besten gepflegten und betreuten Kriegsgräberstätten der USA, ähnliche Anteilnahme wünscht sich das „Komitee 75 Jahre Freiheit und Demokratie“ in Simpelveld/Bocholtz auch für den Ehrenfriedhof in Aachen.

Auf dem Waldfriedhof an der Monschauer Straße liegen mehr als 5000 anerkannte Kriegstote aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, stammend aus insgesamt 16 Nationen, ebenso KZ-Insassen und Opfer der Bombardierungen. In Aachen ist die Erinnerungskultur jedoch wesentlich weniger ausgeprägt, auch um das sichtbar zu machen (und zu ändern), sollen die jungen Leute beide Friedhöfe besuchen. Da diese Ausflüge natürlich Geld kosten, werden auch Sponsoren gesucht, die das anspruchsvolle Programm finanziell tragen helfen. Damit die jungen Leute den Tag in bleibender Erinnerung behalten, sollen sie neben einem Proviantpaket auch ein Poloshirt mit einem einheitlichen Text in Deutsch oder Niederländisch bekommen. Huub Grooten: „Ein wichtiges Ziel ist es, die Zivilcourage unserer Jugend zu fördern.“

Mehr als 5000 Gräber von Menschen, die durch Bombardierungen und NS-Verbrechen ihr Leben verloren haben, gibt es auf dem Aachener Waldfriedhof. Ihnen und den vielen zivilen Opfern auf beiden Seiten der ehemaligen Fronten gilt das Engagement einer neuen, grenzüberschreitenden Initiative. Foto: Heiner Hautermans

Ein weiteres Vorhaben ist ein grenzüberschreitender Wanderweg durch die landschaftlich reizvolle Gegend zwischen dem Haus Loreto in Simpelveld, einem Museum in einem ehemaligen Kloster, und dem Aachener Dom – entlang von markanten Punkten, die in der schlimmen Zeit zwischen 1940 und 1945 eine Rolle gespielt haben und in Würfeln mit vier Plateau-Oberflächen und in zwei Sprachen erklärt werden. Huub Grooten: „Wir leben mit unseren Nachbarn in einer fantastischen Euregio.“ Das Kriegsdenkmal im Zentrum von Simpelveld will die Initiative ebenfalls mit Informationswürfeln aufwerten, auf denen ein Bild und eine kurze Geschichte der Opfer aufgetragen wird.

Das Denkmal soll anschließend von der Grundschule in Simpelveld adoptiert werden, ebenso das „Fenster der Befreiung“ im ehemaligen Rathaus von Bocholtz, das von einem der bekanntesten niederländischen Glaskünstler, Huub Levigne, stammt und 1951 enthüllt wurde. Es ist mittlerweile vernachlässigt und soll deshalb restauriert und danach von der Grundschule in Bocholtz auf Dauer betreut werden.

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