Neues Buch über den Aachener Malteserkeller

Ein Stück lokaler Kulturgeschichte : Als Chet Baker im Kofferraum über die Grenze geschmuggelt wurde

Der Malteserkeller in Aachen war ein Lebensgefühl oder – wie es der Musiker Heribert Leuchter ausdrückt – ein „politisches Statement“. Im tiefen Keller eines Wohnhauses entwickelte sich neue Freiheit, gewürzt mit dem Freigeist einer friedlichen, musikalischen Revolte. Internationale Gäste mischten sich unter junge Deutsche, es gab Klangexperimente bis in den frühen Morgen – Jazz eben.

Nur die Luft im Untergrund blieb muffig: Der Jazzkeller in Aachen – Malteserstraße 14 – wurde bei seiner Gründung 1957 zur Bühne turbulenter Entwicklungen in der modernen Musik. Der Musikclub mitten in den Trümmern der im Zweiten Weltkrieg stark zerbombten Innenstadt gehörte zu den bedeutendsten und ältesten Jazzadressen Deutschlands und wurde rasch zum Treffpunkt einer Szene, die sogar Rockmusiker wie Wolfgang Niedecken und Herbert Grönemeyer faszinierte. Mit ihrem jetzt erschienenen Buch „Malteserkeller Aachen 1958-1968“ (Gestaltung Klaus Endrikat) haben sich die Autoren Siegbert Storch (Jahrgang 1939) und Jan Werth (Jahrgang 1937) ein Kapitel Musikgeschichte festgehalten, in dem Größen wie Albert Mangelsdorff, Elvin Jones, Booker Ervin, Curtis Jones, George Maycock, Klaus Doldinger und Chet Baker eine Rolle spielen.

Damals waren die beiden Musikbegeisterten noch Studenten an der RWTH, wo sie die Ingenieur-Diplome schafften, obwohl sie sich nächtelang ihrer Leidenschaft, dem Jazz, widmeten. „Es war ein Zufall“, erzählt Storch. „Auf alten Tonbändern hatten wir Musik aus 60 Jahren Jazz, daraus wollten wir eine CD machen und suchten jemanden, der uns das Material digitalisieren konnte.“ Aus der Sichtung wurde eine Bestandsaufnahme: Bilder, Zeitungsartikel, Programme und sogar Verträge auf abgerissenen Notizzetteln – genug für ein Buch, bei dem die Texte nicht immer geschliffen, dafür interessant und ehrlich sind. Werth, einst aktiver Musiker, Storch, 1963/1964 Geschäftsführer des Vereins Malteserkellers, bildeten das ideale Rechercheteam.

 „Jazzclubs brauchten den Keller, das war die richtige Atmosphäre“, meint Storch. Die Schwarzweiß-Fotos im Buch erzählen davon, selbst in Unschärfen und verwackelten Szenarien. Von den Anfängen berichtet Gerhard Egbers, der später (1981-1998) in Stuttgart das Institut für Textiltechnik leiten sollte. Er erinnert an Familie Pötter, die ihm, dem mittellosen Maschinenbaustudenten, damals ein winziges Zimmer (2 X 2,5 Meter, Toilette im Treppenhaus) im Haus Malteserstraße 14 billig vermietete. Familienfeste wurden im Keller gefeiert, genauer gesagt in einem 64 Quadratmeter großen „Keller unter dem Keller“, 4,70 Meter unter dem Straßenniveau – das fand Egbers spannend. Das alte Gewölbe, das bald gleichfalls die jungen Leute nutzen durften, sollte ein Teil der Aachener Jazzgeschichte werden. Das erste „Gewölbefest“ kam 1958, es gab Kontakte zum Asta und zu studentischen Jazzgruppen. Schließlich wurde der Malteserkeller eine „Einrichtung des Kulturreferats des Asta der RWTH“ und war hierdurch als eingetragener Verein förderwürdig. Akribisch haben die  Autoren alle Auftritte und Konzerte aufgelistet, die in der Zeit zwischen 1958 und 1968 im Malteserkeller, aber auch an anderen Orten wie dem Theater stattfanden. So wurde zum Beispiel 1964/65 die Aquis Combo engagiert, um Cole Porters  „Kiss me Kate“ und „Charleys Tante“ jazzig zu inszenieren.

Daten, Namen und Besetzungslisten verzeichnen deutsche wie internationale Gruppen, darunter Aachener Aktive wie die Darktown Stompers, die Modern Jazz Group Aachen und die Aquis Combo, aber gleichfalls die Dutsch Swing College Band und „Chet Baker with Friends“, der damals in Lüttich gastierte. Er hatte wegen seines Drogenkonsums Ärger und durfte nicht nach Deutschland einreisen“, erinnert  sich Storch. Der Vater eines Musikerkollegen besaß einen Mercedes mit besonders großem Kofferraum. „Wir wollten unbedingt, dass Chet Baker bei uns auftritt, also haben wir ihn im Kofferraum versteckt und bei Kelmis über die Grenze geschmuggelt“, erzählt Storch. „Uns war überhaupt nicht bewusst, was wir riskierten.“

Den Bebop brachte das George Maycock Quintett mit, den Oldtime-Jazz die Barrelhouse Jazzband, Free Jazz das Irene Schweizer Trio, das Uwe Haselhorst Quintett bot bereits freie Spielweise in Richtung Freejazz. Verständigungsprobleme gab es nicht. „Man sprach Jazz“, meint Storch. „Da war alles klar.“ Vielfach wurden Gäste daheim bei den Vereinsmitgliedern untergebracht. „Mangelsdorff hat bei uns Reibekuchen gegessen, das war ganz selbstverständlich“, erzählt Storch.

Der Malteserkeller wurde am 31. Dezember 2011 nach 54 ereignisreichen und zum Schluss problematischen Jahren geschlossen.

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