Aachen: Neue Wohnformen: Weil man zusammen weniger allein ist

Aachen: Neue Wohnformen: Weil man zusammen weniger allein ist

„Zusammen ist man weniger allein“: Der Titel des Romans der französischen Autorin Anna Gavalda beschreibt sehr treffend, wie immer mehr Menschen gerne leben möchten. Wohngemeinschaft statt Single-Wohnung, soziales Miteinander statt Alleinsein, gegenseitige Unterstützung statt Abkapselung, bis ins hohe Alter selbstständig leben statt ab ins Altenheim.

Das alles sind Gründe, warum „Neue Wohnformen“ boomen — auch in Aachen.

Dass das tatsächlich so ist, können Hans Körfer und Hildegard Barner nur bestätigen. Der Leiter des städtischen Fachbereichs Wohnen und seine Mitarbeiterin wissen, dass sich die Bedürfnisse der Menschen verändern. Und daran ist nicht nur eine alternde Gesellschaft, der Trend zum Wohnen in der Stadt und zu Ein-Personen-Haushalten schuld. „Die Leute wollen raus aus dem traurigen, anonymen Mietalltag. Sie wollen eine gute und gelungene Nachbarschaft und sind auch bereit, etwas dafür zu tun“, erklärt Körfer.

Auf Vorschlag der Politik

Das erkannte vor einigen Jahren auch die Aachener Politik. Auf ihren Vorschlag hin wurde im Juli 2006 die „Kontaktstelle für Neue Wohnformen“ eingerichtet, die Hildegard Barner leitet. „Damals war das Neuland für uns, ein regelrechtes Leuchtturmprojekt in NRW.“ Heute hat sich die Stelle längst etabliert.

Rund 300 Personen — darunter Interessierte, Wohn-Vereine, Grundstücks- und Hausbesitzer, Investoren und Architekten — sind in einer Datenbank gemeldet, die Barner pflegt und aufbaut. Ihre Hauptaufgabe liegt darin, Menschen und Gruppen, die gerne eine neue Wohnform schaffen wollen, zu informieren, zusammenzubringen und zu unterstützen.

Das heißt: Sie vermittelt Kontakte zwischen Bauwilligen und Wohninteressierten, zwischen Wohninitiativen und Haus- und Grundstückseigentümern, zu Architekten und Investoren. Barner: „Die meisten Initiativen beginnen im Freundes- und Bekanntenkreis. Dort überlegt man, ob man nicht gemeinsam wohnen und leben will. Und schaut, ob man Eigentum hat oder etwas kaufen möchte.“ Nicht selten seien an diesem Punkt die Kinder aus dem Haus, und die Menschen wollen nicht alleine in einem Haus zurückbleiben. „Im Prinzip interessieren sich für ‚Neue Wohnformen‘ aber Leute aus allen Gesellschaftsbereichen. Sei es, weil sie etwas Neues ausprobieren wollen, weil sie in der Stadt eine bessere Infrastruktur und ein größeres Angebot suchen, weil sie sich eine engagierte Nachbarschaft wünschen.“

Genau hier liegt laut Hans Körfer auch der eklatante Unterschied zwischen dem alternativen Wohnen und etwa einer klassischen WG. „Ein Wohnprojekt bildet sich aus einer Gruppe von Menschen, die ähnliche Werte vertreten und in genau dieser Konstellation unter einem Dach leben wollen“, erklärt der Chef des Wohnungsamts. „Und sie setzen gemeinsam einen Vertrag auf, in dem steht: Wie gehen wir miteinander um? Wo helfen wir uns? Wo darf man sich aber auch von den anderen abgrenzen?“

Dass diese Fragen übereinstimmend beantwortet werden können, das sei oftmals ein langer Prozess. Auch ein Grund, so Hildegard Barner, auch 80 Prozent der Projekte von unten, also vom Bürger aus, initiiert werden.

Beispiele sind etwa der Verein „Stadthaus statt Haus“ in der Friedlandstraße. Aus einer Eigentümer-Privatinitiative ist dort ein Mehrgenerationen-Wohnhaus in der Innenstadt entstanden, verwaltet wird es vom Wohnverein. Ähnliches gilt für den Verein Wohnsinn in der Stephanstraße, von dem Mietshäuser im Gemeinschaftseigentum selbst verwaltet werden.

Geförderter Wohnraum

Nicht selten sind die Wohnungen und Häuser solcher Wohnprojekte barrierefrei hergerichtet, in einigen gibt es geförderten Wohnraum für Menschen mit Wohnberechtigungsschein. Aber auch Investoren planen hier und da Häuser für Wohnprojekte, ein ganz neues entsteht etwa am Alten Tivoli. Dort hatte die Stadt im Bebauungsplan explizit ein Grundstück für eine solches Projekt reserviert.

Darüber hinaus sind mehrere Gruppen schon fleißig dabei, gemeinsam etwas aufzubauen. Zum Teil haben sie bereits ein Grundstück und ziehen bald ein, zum Teil sind sie noch auf der Suche. „Außerdem bekomme ich immer wieder Anfragen und Meldungen von kleineren Gruppen, die gerne etwas in Aachen realisieren wollen“, sagt Hildegard Barner.

Aber warum engagiert sich die Stadt in dem Bereich überhaupt? „Unsere Strategie lautet: Wir wollen von allen Wohnformen etwas anbieten“, sagt Hans Körfer. „Und wenn Aachen Oberzentrum in der Region bleiben will, wenn wir Menschen in Aachen halten oder gewinnen wollen, müssen wir den geänderten Bedürfnissen nach alternativen Wohn- und Lebensformen gerecht werden.“

Eben ganz nach dem Motto: „Zusammen ist man weniger allein.“