Aachen: Neue Schubkraft für den Radverkehr

Aachen : Neue Schubkraft für den Radverkehr

Gleich nach der Sommerpause soll die Testphase für eines der ehrgeizigsten Verkehrsprojekte der letzten Jahre in Aachen starten.

Die Hoffnungen der Stadt ruhen dabei auf der frisch gegründeten Unternehmergesellschaft (UG) Velocity Aachen, die aus einer studentischen Initiative hervorgegangen ist und die nun nach und nach die Aachener im großen Stil zum Umstieg auf elektrobetriebene Fahrräder, also Pedelecs, bewegen will.

1000 Elektrofahrräder an 100 Verleihstationen werden als Zielmarke genannt, die spätestens 2019 erreicht werden soll. Im Umkreis von weniger als 300 Metern, so die Vision, soll dereinst jeder Aachener mindestens eine Station finden, an der die Räder per Chipkarte entliehen und abgestellt werden können. Es wäre nicht mehr und nicht weniger als das erste flächendeckende Pedelec-Verleihsystem in Deutschland.

Um das möglich zu machen, hat der Rat der Stadt in seiner letzten Sitzung vor den Ferien einen Gründungszuschuss von 305.000 Euro gewährt. Was einzig die AfD- und der Pro-NRW-Vertreter als politischen Fehltritt ansehen — sie haben grundlegende Zweifel an der Wirtschaftlichkeit eines solchen Verleihsystems und kritisieren die Höhe des städtischen Zuschusses —, markiert für alle anderen Ratsleute einen begrüßenswerten Aufbruch in eine neue mobile Zukunft.

„Der Mehrwert ist so groß, das wiegt die Anschubfinanzierung allemal auf“, sagt etwa CDU-Fraktionschef Harald Baal. Die Stadt profitiere gleich mehrfach, ist auch SPD-Fraktionschef Michael Servos überzeugt, der unter anderem auf die drohende Umweltzone verweist, die dem Tourismus und dem Einzelhandel schwere Einbußen bescheren könnte. „Velocity ist ein Baustein, um die Umweltzone zu verhindern“, meint Servos. Zugleich werde ein junges Unternehmen aus dem Hochschulbereich gestärkt, betont er, dies habe auch positive wirtschaftspolitische Effekte.

Baal und Servos zeigen sich äußerst zufrieden, mit dem hochschulnahen Unternehmen Velocity einen privaten Partner gefunden zu haben, dem man deutlich mehr zutraut als etwa der Bahn, die ihr Aachener E-Bike-Verleihsystem mit gerade mal drei Stationen nach Ansicht vieler Politiker allzu lustlos betreibt. Das große ehrenamtliche Engagement, mit dem sich die Studierenden um den Aachener RWTH-Professor Achim Kampker seit Januar letzten Jahres für Velocity stark gemacht haben, dürfte zusätzliches Vertrauen geschaffen haben. Kampker ist anerkannter Experte in Sachen Elektromobilität und hat unter anderem den Elektrofahrzeughersteller Streetscooter mitgegründet.

Neben öffentlichen Mitteln aus EU-Fördertöpfen und von der Stadt setzt Velocity auch auf private Sponsoren, Stationspatenschaften und nicht zuletzt auf studentische Solidarität. Ähnlich wie beim Semesterticket für Bus und Bahn sollen sie über einen Semesterbeitrag in Höhe von 10 Euro Zugriff auf das Verleihsystem erhalten. Die Entscheidung dazu steht allerdings noch aus.

Studentin Simone Polis, unter anderem zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von Velocity, ist überzeugt, dass das ein attraktives Angebot ist. Im Gegenzug würden alle Studierenden kostenlose oder vergünstigte Nutzerzeiten erhalten. Offen ist das System aber auch für alle Nichtstudenten, abgerechnet wird nach einmaliger Registrierung über Grundbeiträge und Zeittarife, wobei die Nutzerkosten zwischen 20 Euro (Monatsabo) und 100 Euro (Jahresabo) liegen sollen. Touristen sollen die Pedelecs ebenfalls nutzen können.

Auch für Dienstfahrten

Vergleichbare Fahrradverleihsysteme — allerdings ohne Elektroantriebe — gibt es vor allem in vielen französischen Städten, vereinzelt aber auch schon in Deutschland. Dass man sich in Aachen für Pedelecs entschieden hat, ist einerseits damit zu erklären, dass sich die Stadt ohnehin als Modellregion für Elektromobilität versteht. Andererseits ist dies aber auch ein Zugeständnis an die Topographie der Stadt: Wegen der teils steilen Steigungen sei Aachen ein geradezu ideales Einsatzgebiet für Elektrofahrräder.

„Um den Autoverkehr einzudämmen, sind Pedelecs die bessere Alternative als normale Fahrräder“, meint Axel Costard vom städtischen Presseamt. „Sie eignen sich auch gut für Dienstfahrten.“ Das Velocity-Projekt ist daher aus Sicht der Stadt ein wichtiger Beitrag für eine bessere Luftqualität. Costard: „Eine gute Idee, die wir gerne unterstützen.“

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