Aachen: Neue Kunstwerke entfachen alten Konflikt

Aachen: Neue Kunstwerke entfachen alten Konflikt

Nein, wütend ist Ernst Höhler nicht. Eher verständnisvoll, und sogar ein bisschen zufrieden. Und das, obwohl der Vorsitzende der Freunde des Ludwig-Forums sich gemeinsam mit Museumsdirektorin Brigitte Franzen jüngst einige heftige Vorwürfe gefallen lassen musste.

Sie stellten Müllberge aus. Sie verschwendeten Steuergelder. Sie machten Kultur für eine elitäre Minderheit. Das ist die Essenz eines in den „Nachrichten” abgedruckten Leserbriefs von Caroline Reinartz. Die resolute Immobilienmaklerin hatte darin scharfe Kritik geübt an der Ausstellung „Brink”, die derzeit in der alten Schirmfabrik zu sehen ist.

Dort zeigt die diesjährige Kunstpreis-Trägerin, die Britin Phyllida Barlow, überdimensionalen Skulpturen aus Styropor, Holz, Stoff, Reifen und Metall. Für Reinartz sind es schlicht „aufgetürmte Müllgegenstände”, die aus der „öffentlichen Haushaltskasse mitbezahlt werden müssen”. Es würde die „so genannten Kunstexperten erschrecken, wenn sie hierzu einmal die unverblümte Meinung der breiten Bevölkerung einholen würden”, schreibt Reinartz.

Mit dem Brief kocht in Aachen ein alt bekannter Konflikt hoch: Vertreter und Fans der modernen Kunst gegen die, die sie kritisieren - oder nicht verstehen. Das jedenfalls ist Ernst Höhlers Erklärung für Reinartz Reaktion: „Barlows Ausstellung ist durchaus schwierig.” Ratlosigkeit, Unverständnis und auch Ablehnung - das alles sei bei einer Betrachtung nicht ungewöhnlich, finden Höhler und Franzen. Aber sie sagen auch: „So eine brutale Attacke muss nicht sein.” Deshalb haben sich der Lufo-Freund und die Direktorin nun zur Wehr gesetzt.

In einem offenen Brief an Reinartz weisen sie die Vorwürfe der Aachener Geschäftsfrau deutlich zurück. So geben sie zunächst „Entwarnung” für den Kunstpreis: „Den maßgeblichen Teil der Kosten tragen der Verein- und private Sponsoren.” Die bezahlen tatsächlich rund die Hälfte der rund 60000 Euro teuren Schau, die andere kommt von der Stadt. Vor allem aber holen Höhler und Co. zu einem Rundumschlag auf die „Aachener Kleinmütigkeit und Selbstgefälligkeit” aus, die nach Meinung der Freunde - den Verein gibt es seit Anfang der 70er Jahre - schon immer ein Problem war, das in den letzten Jahren aber stetig zugenommen habe.

Im Brief liest sich das so: Die Kultureinrichtungen dürften sich nicht am „Otto-Normalverbraucher” orientieren, sondern müssten weiter blicken, „um der schleichenden Versteppung der kulturellen Landschaft in Aachen entgegenzuwirken.” Aktuelle Kunst werfe Fragen auf, eine Antwort müsse sie nicht geben.

Keine schnelle Antwort

Der Konflikt zwischen Maklerin Reinartz und den Freunden des Museums wirft Fragen auf, die so alt sind wie die Kunst selbst. Was ist Kunst? Was soll sie leisten? Und: Was darf sie kosten? Eine schnelle Antwort darauf zu geben, ist und bleibt wohl ein unmögliches Unterfangen. Aber eines ist für Brigitte Franzen klar: Um den rein ästhetischen Genuss geht es definitiv nicht. „Es geht um die Auseinandersetzung mit der Gegenwart, auch auf irritierende und provozierende Art und Weise”, erklärt sie.

In Sachen künstlerischer Provokation war Aachen in den 60er und 70er international ganz vorne mit dabei. Gerne erinnert Ernst Höhler an diese Zeit der Avantgarde, von Fluxus und Neuer Galerie, die maßgeblich von Mitarbeiterin und Studenten der RWTH vorangetrieben wurde. „Heute nimmt dieser große Teil der gebildeten Bevölkerung an Kultur nicht mehr teil”, bedauert er.

Lufo-Chefin Franzen muss ihrem Unterstützer da zwar Recht geben, sagt aber auch: „Wir tun viel für die Kunstvermittlung.” So gebe es mittlerweile einen Studi-Tag im Semester mit freiem Eintritt, der durchaus gut angenommen werde. Auch sonst sei das Angebot breit, von Führungen über Workshops und Kooperationen bis hin zu Mappenkursen für angehende Kunststudenten.

Reinartz Kritik, Millionen-Zuschüsse würden angesichts niedriger Besucherzahlen verschleudert, kann die Direktorin nicht nachvollziehen. Sie verweist etwa auf 11000 Veranstaltungsteilnehmer in der Ausstellung „Hyperreal” und viele positive Besucher-Rückmeldungen zu „Nie wieder störungsfrei!”, aber auch auf die realen Zahlen: Mit 55000 Gästen lag das Lufo 2011 deutlich vor den anderen städtischen Museen.

Dennoch: „Wir müssen uns den Herausforderungen auch weiterhin stellen.” Und dazu gehöre, miteinander- statt übereinander über Kunst zu reden. Franzen: „Wir werfen den Menschen keinen Mist vor die Füße. Gerne stehe ich Frau Reinartz zum Gespräch über die Ausstellung zur Verfügung.”

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