Aachen: Neue Chance auf dem Zweiten Bildungsweg

Aachen : Neue Chance auf dem Zweiten Bildungsweg

Es gibt viele Gründe, warum eine Schulkarriere ausgebremst werden kann: persönliche oder familiäre Krisen, mangelnde Förderung, Schwangerschaft, Krankheit — manchmal auch null Bock auf Schule. Statistiken zeigen, dass eine wachsende Zahl junger Menschen das Regelsystem ohne Schulabschluss verlässt.

Der Zweite Bildungsweg eröffnet hier neue Chancen. Neben Berufskollegs, Abendrealschulen und -gymnasien stellen sich die Volkshochschulen seit Jahrzehnten dieser bildungspolitischen Aufgabe.

Die VHS Aachen ist seit mehr als 35 Jahren im Bereich Schulabschlüsse unterwegs. Allein in diesem Semester bietet sie 20 Lehrgänge an. Mehr als 520 Frauen und Männer gehen noch einmal zur Schule. Ihre Ziele sind Hauptschulabschlüsse nach Klasse 9 oder 10 oder der Mittlere Schulabschluss (Fachoberschulreife).

Keine hoffnungslosen Fälle

Am Mittwoch saß nachmittags Besuch aus Düsseldorf mit im Klassenzimmer. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann folgte einer Einladung der VHS, um sich einen Eindruck vom Schulabschlussbereich der VHS zu machen.

Nach Stippvisiten in zwei Unterrichtseinheiten sprach Löhrmann mit jungen Leuten aus unterschiedlichen Kursen. „Unser Schulsystem produziert bis heute vermeintlich hoffnungslose Fälle“, bilanzierte die Ministerin später, „der Zweite Bildungsweg eröffnet eine neue Chance, eine gescheiterte Schulbildungskarriere zu einer erfolgreichen Bildungskarriere zu machen.“ Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sei das heute wichtiger denn je. „Die Absolventen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Und sie können auch ihre eigenen Kinder an ganz andere Bildungschancen heranführen.“

Beeindruckt zeigte sich Löhrmann von der großen Motivation der Teilnehmer, trotz allem früheren Schulfrust nun doch noch den Abschluss packen zu wollen.

Zweimal im Jahr gibt‘s Schulabschlusszeugnisse an der VHS. Im Januar, berichtete VHS-Direktorin Dr. Beate Blüggel, haben 170 Frauen und Männer die Volkshochschule mit einem Schulabschlusszeugnis verlassen. „Und 80 bis 90 Prozent der Absolventen peilen gleich den nächsten Schulabschluss an oder beginnen eine Ausbildung.“

So beliebt sind die Schulabschlusskurse an der VHS, dass regelmäßig 80 bis 120 Bewerber zunächst auf der Warteliste landen. Länger als ein halbes Jahr warte bisher niemand, bevor er in den Kurs starten kann, versicherte der stellvertretende VHS-Direktor Wilfried Casteel.

VHS in Finanznöten

Die Schulabschluss-Sparte der Volkshochschulen sei gesichert, betonte die Ministerin. „Die geplante Kürzung der Förderung nach dem Weiterbildungsgesetz haben wir zurückgenommen.“

Finanziell eng wird es bei den Schulabschlusskursen in Aachen dennoch. Angesichts eines beträchtlichen Defizits der Volkshochschule muss auch bei diesen Angeboten der Rotstift angesetzt werden. Ab Sommer steht — mangels Personal — bereits ein Kurs weniger im Programm.

Wer das Potenzial von Menschen heben und entwickeln wolle, müsse nicht selten schon bei der Alphabetisierung ansetzen, erklärte die Schulministerin: „7,5 Millionen Deutsche sind funktionale Analphabeten, sie können nur unzureichend lesen und schreiben.“ Das sei eine alarmierende Zahl. „Und damit wollen wir uns nicht abfinden.“

Löhrmann ist Schirmherrin von Alphanetz-NRW. Auch die Aachener Volkshochschule ist Mitglied in diesem Netzwerk des VHS-Landesverbands, das Initiativen vor Ort unterstützt.

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