Aachen: Neue Abholzeiten an OGS: „Pädagogisch ist das nicht zu vertreten“

Aachen : Neue Abholzeiten an OGS: „Pädagogisch ist das nicht zu vertreten“

Zu sagen, dass Stefanie Koszucki nicht begeistert ist, wäre eine gewaltige Untertreibung. „Ich bin zutiefst enttäuscht“, sagt sie. Koszucki ist Geschäftsführerin des Vereins „Betreute Grundschulen“. Der Verein ist der größte Träger der Offenen Ganztagsschule (OGS) in Aachen und zuständig für rund 1700 Kinder.

Über die Ankündigung von NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer, im Offenen Ganztag ab Februar flexiblere Abholzeiten zuzulassen, ist Koszucki entsetzt. „Das ist pädagogisch nicht zu vertreten“, sagt sie. „Wir haben schließlich einen Bildungsauftrag.“ Da sei es notwendig und sinnvoll, dass Kinder am Nachmittag nicht zu unterschiedlichen Zeiten abgeholt würden.

Nach Gebauers Vorstellungen sollen Eltern ab dem 1. Februar 2018 die Möglichkeit haben, ihr Kind zu besonderen Gelegenheiten, etwa für Sport und Musikunterricht oder auch eine Familienfeier, früher aus der OGS abzuholen. Auch eine umfassende Neuregelung des Ganztagserlasses hat die FDP-Ministerin angekündigt.

An fünf Tagen bis 15 Uhr

In Aachen, sagt Stefanie Koszucki, sind die OGS-Kinder in der Regel an fünf Tagen nachmittags bis 15 Uhr in der Schule. „Diese Norm hat uns die Stadt auf der Basis des OGS-Erlasses gesetzt.“ Die Kultur der Nachmittagsbetreuung habe sich in den vergangenen 14 Jahren deutlich gewandelt, gibt sie zu bedenken.

OGS sei längst mehr als eine Betreuung mit Aufsicht am Nachmittag. Sportvereine, Musikschule und andere kulturelle Angebote seien in den Schulen verortet. „Die OGS als Bildungsangebot braucht ein hohes Maß an Verbindlichkeit“, betont Koszucki. Ohnehin gingen an vielen Schulen nach dem Unterricht 80 bis 100 Prozent der Kinder in die OGS.

Es sei ja im Einzelfall verständlich, dass Eltern ihr Kind zum Beispiel früher abholen wollen, wenn die Oma zu Besuch kommt, sagt Koszucki. „Aber in den Kindertagesstätten gibt es schließlich auch feste Abholzeiten. Und in besonderen Fällen haben wir auch bisher immer eine Lösung gefunden.“

Alleine an den Grundschulen in Aachen ist der Verein „Betreute Grundschulen“ Träger von 85 OGS-Gruppen. Und im Rahmen einer großen Kampagne haben sich die freien OGS-Träger in den vergangenen Monaten intensiv für bessere Standards im offenen Ganztag eingesetzt. Unter anderem forderten sie eine bessere finanzielle Ausstattung und ein OGS-Gesetz. „Ich habe nun die große Sorge, dass die Träger aufgrund der Umstrukturierungen nachher sogar weniger Personal haben“, sagt Koszucki. Sie befürchtet: „Die Qualität, die wir gerade in Aachen aufgebaut haben, wird Schaden nehmen.“

Elternbeiträge künftig flexibel?

Auch Heinrich Brötz blickt mit Argwohn auf das, was in Düsseldorf angekündigt wurde. „Schade, dass wir in den Kommunen bisher keinen Erlassentwurf und damit keine Diskussionsgrundlage haben“, sagt der Leiter des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule. „Wenn Kinder aber künftig tageweise abgemeldet oder flexibel abgeholt werden, dann wäre das für uns, gelinde gesagt, eine sehr große Herausforderung.“

Aachen habe gute Qualitätsstandards aufgebaut und beschäftige Fachkräfte in allen OGS-Gruppen, betont Brötz. „Aber wie sollen wir ein verlässliches pädagogisches Konzept verfolgen, wenn ein so hohes Maß an Flexibilität eingeführt wird?“ In der Tat sei es nicht einfach abzuwägen zwischen pädagogischem Anspruch und den „sicherlich zum Teil legitimen Interessen der Eltern, so flexibel wie möglich mit ihren Kindern zu planen“.

Brötz fragt sich auch, ob die Flexibilisierung sich auf die Finanzen auswirken wird. Die Landesförderung für jeden OGS-Platz ist auf eine durchgehende Teilnahme des Kindes ausgerichtet. „Aber wie wird das künftig sein?“, sagt Brötz. „Und müssen wir demnächst auch flexibilisierte Elternbeiträge machen? Das wird alles sehr spannend.“