Vaals: Netz stellt Gefahren im Netz dar

Vaals : Netz stellt Gefahren im Netz dar

Nur schwerlich erreichbar ist das Zentrum der Installation, eine weiße Säule mit einer Haube aus Acrylglas, unter der ein undefinierbares bräunliches Objekt liegt. Kaum zugänglich steht sie in einem Gewirr aus 900 Metern neonbunten Schnüren, die sich in enormer Dichte kreuz und quer durch einen angedeuteten Raum, ein Labor von zwei mal zwei mal zwei Metern, ziehen.

Neugierig folgen die Blicke den verwirrenden Verspannungen in den schrillen Farben und bleiben schließlich an den ebenso bunten Computermäusen hängen, von denen die Schnüre ausgehen.

„Das Ich in seinen Netzen“ nennen die Aachener Künstler Gerda Zuleger und SPELL ihre Installation, die wie eine moderne Laborsituation in der holzgetäfelten Kirche wirkt. Sie widmet sich nicht nur den Gefahren des Internets mit seinen Kontrollmöglichkeiten, sondern auch den vor allem geistigen und politischen Schäden, die das Individuum und die Gesellschaft durch die Dauervernetzung bzw. Kontrolle nehmen.

Beklemmung und Angst

Längst bekannt sind Gehirn-Degenerationen durch reduzierte und einseitige geistige Leistungen, Jahrzehnte schon halten sich Beklemmung und Angst durch die Kontrolle bzw. Überwachung: George Orwells politischer Roman „1984“ ist für viele Realität geworden. Die Vernetzung greift weiter, das Individuum ist undenkbar geworden ohne Internetpräsenz.

„Wir sind gefangen in einem Netz von Leitungsbahnen medialer Strukturen. Wir sind zunehmend dazu verurteilt, uns über und mittels der Netze selbst zu interpretieren. In der Masse der Vernetzung verlieren wir schleichend unsere Identität an Algorithmen, unser Gehirn degeneriert“, erläutert SPELL. Gerda Zuleger ergänzt: „ Es geht auch um Manipulation. Wir werden ständig beeinflusst und stehen unter Beobachtung und Kontrolle. Die gute, kommunikative Seite von Vernetzung schwindet zugunsten totaler Kontrolle, Ent-Individualisierung und Verblödung. Wir zeigen die dunkle Seite der Vernetzung.“

Ziel der Installation ist die Bewusstmachung dieser Strukturen, die sich wie munter-bunte Leitbahnen präsentieren, sich aber als Fallstricke erweisen. Das Hirn sitzt in der Falle und sinkt in die Verblödung. Am Ende sieht es dann aus wie das präsentierte bräunliche Etwas unter der durchsichtigen Haube — ein Schrumpfhirn.

Dass das Hirn mit entsprechend vielfältigen Reizen auch wachsen und gedeihen kann, deuten die vier farbgewaltigen und etwa drei mal zwei Meter großen Gemälde an, die als Hommage an die energiedurchfluteten Bilder Jackson Pollocks angelegt waren und die Aufbruchsstimmung des amerikanischen Expressionismus in der Nachkriegszeit aufgreifen. Im Zusammenhang mit der Laborsituation der Verstrickung und Verblödung im Netz können sie aber auch ganz einfach als pulsierendes, komplexes Leben gesehen werden.

Den dritten Teil der Ausstellung gibt es auf der Empore zu sehen: vor allem mit Fruchtwasser gemalte Aquarelle von SPELL, die ihre Farbenergien in der luftigen Höhe der einstigen evangelischen Kirche entfalten. Im Lutherjahr 2017, in Erinnerung an die Reformation und die Loslösung von eingefahrenem Verhalten, kommt eine Installation zur dunklen Seite der Vernetzung gerade recht. So bietet die Kopermolen genau den richtigen Rahmen für einen neuen geistigen Aufbruch.

Die Vernissage zur Ausstellung „Das Ich in seinen Netzen“ findet am Sonntag, 14. Mai, um 15 Uhr in der Kopermolen, von Clermontplein 11, in Vaals statt. Die Installation bleibt nur eine Woche, die Gemälde hängen bis zum 9. Juli. Geöffnet ist die Kopermolen dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei.

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