Aachen: Nazi und Schlägerbraut sind in Wahrheit Schauspieler

Aachen: Nazi und Schlägerbraut sind in Wahrheit Schauspieler

Klaus Lützek macht keinen Hehl aus seiner rechtsradikalen Gesinnung, prahlt damit, erst kürzlich einen Vietnamesen krankenhausreif geschlagen zu haben. Lützek wurde gestellt. Teil seiner Resozialisierung ist es, mit Schülern über seine Gewaltbereitschaft reden. So geschah es erst kürzlich mit Gymnasiasten von St. Leonhard.

Die Aula der Schule ist gefüllt mit Oberstufenschülern. Auf der Bühne sitzt Lützek. Er ist nicht allein. Heute begleitet ihn Herr Baumann, ein handgreiflicher Lehrer, zudem die aggressive Nicole.

Sie trieb ein Mädchen durch Mobbing in den Tod. Auch der Gewalt verherrlichende Richard ist heute gekommen, ebenso Kathrin, selbst ein Opfer. Die Stimmung in der Aula ist angespannt, während die Schüler den Erzählungen der Protagonisten lauschen.

Was die Gymnasiasten nicht wissen: Alles ist nur inszeniert, Nazi und Schlägerbraut sind in Wahrheit Schauspieler der Gruppe „Theatertill”.

Referendar Thomas Kleynen, Initiator dieser Konfrontation, erklärt: „Das Ziel der Vorführung ist es, die Schüler gegen Gewalt zu sensibilisieren. Und das klappt am besten, wenn alles authentisch erscheint.” Ob die Schüler wütend werden, wenn sie von dem Täuschungsmanöver erfahren, bleibt abzuwarten.

Derweil stellen sie sich bereits der direkten Diskussion mit den vermeintlichen Tätern und Opfern. In kleinen Gruppen quer durch die Aula verteilt geht es zur Freude von Kleynen heiß her. Die Schüler debattieren, versuchen, mit guten Argumenten, ihr Gegenüber umzustimmen.

Das kennt Theo Meller, der den rechten Klaus Lützek spielt, auch anders: „Oft werde ich beschimpft. Vor kurzem versuchte ein Schüler, mich zu treten.” Bei knapp 600 Auftritten und sechs Jahren Spielzeit bliebe das nicht aus.

Meller versucht jedoch auch in solchen Situationen, in seiner Rolle zu bleiben. „Schlimm ist, wenn ich als Rechtsradikaler zuweilen Zustimmung erhalte.” Dann werde direkt nach dem Stück gemeinsam mit den Lehrern nach einer Lösung gesucht. „Gottseidank sind solche Reaktionen selten”, betont Meller. „Doch besser, die Schüler machen ihren Mund auf, als alles in sich hineinzufressen. Nur so kann man Probleme aufgreifen und direkt handeln.”

Nach der Aufführung in St. Leonhard lüften die Schauspieler wird wie üblich das Geheimnis. Viele der Gymnasiasten haben bereits etwas geahnt. So auch Helen Uth (18) und Paula Kremer (17). „Bereits bei der Vorstellung wussten wir, dass alles ein Fake ist”, bezeugen die beiden. Dennoch diskutierten die Zwölftklässlerinnen heiß mit.

„Wir wollten uns mit dem Thema auseinandersetzen, sehen, wie wir in einer ähnlichen aber realistischen Situation mit dem Gesprächspartner umgehen”, erklärt Helen.

Heißer Stoff also, der trotz Enttarnung zum Nachdenken anregt. Mehr hätte sich Referendar Kleynen für seinen Schüler nicht wünschen können. Die Theatergruppe kann übrigens von allen Schulen gebucht werden.

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