Aachen: „Nachts Tempo 30“: Testlauf auf einer Straße

Aachen: „Nachts Tempo 30“: Testlauf auf einer Straße

Nachts auf dem Adalbertsteinweg Tempo 30 statt 50? Auf der Wilhelmstraße? Auf der Roermonder? Oder sogar flächendeckend auf allen Straßen? Mit „Nachts Tempo 30“ auf Hauptverkehrsstraßen jedenfalls reagiert eine wachsende Zahl von deutschen und anderen europäischen Städten auf eines der größten Umweltprobleme, den Lärm. Auch Aachen will die Lärmquellen stopfen, aber behutsam.

Der Fachbereich Umwelt der Stadtverwaltung hat einen umfangreichen „Integrierten Lärmaktionsplan für die Stadt Aachen“ ausgearbeitet (die „Nachrichten“ berichteten). Auf knapp 70 Seiten enthält er detailliert Ziele, Strategien und konkrete Maßnahmen zur Minderung des Lärms in vielen Bereichen. Im Bereich Straßenverkehr schlägt der Aktionsplan als Pilotprojekt vor, nachts von 22 bis 6 Uhr Tempo 30 einzuführen — „auf ausgewählten Hauptverkehrsstraßen“.

„In dicht bebauten Wohnbereichen“ kämen hierfür der Adalbertsteinweg, die Trierer Straße von Rothe Erde bis Madrider Ring, die Roermonder Straße vom Ponttor bis Kohlscheider Straße, die Wilhelmstraße, die St. Vither Straße und die Siegelallee in Frage.

Erfahrungen aus Berlin, Düsseldorf, Freiburg, München, Karlsruhe und Zürich zeigten, dass die Temporeduzierung nachts wirksam den Lärm verringere. Die Verwaltung: „Ziel ist es, eine gesundheitsverträgliche Nachtruhe für die Anwohner zu gewährleisten.“

Rund 100 Kilometer Straßen sind in Aachen mit um die 70 Dezibel Lärm besonders hoch belastet. Viele Straßen also sind betroffen. Im Ausschuss für Umwelt und Klimaschutz präzisierte die Verwaltung jetzt jedoch ihre Vorstellungen vom nächtlichen Tempo-30-Gebot. „Weder flächendeckend noch an zehn Stellen“ solle es eingeführt werden. „Gewaltige Bauchschmerzen“ gegen die Vorschläge hatte zuvor Peter Blum für die FDP geäußert. Ein nächtliches Tempo 30 auf vierspurigen Strecken wie etwa Adalbertsteinweg oder Trierer Straße sei „realitätsfern“. Blum: „Das bringt nichts, weil sich keiner dran hält.“ Der Polizei werde es kaum gelingen, eine solche Regelung zu kontrollieren. Auch die SPD, so Jürgen Schmitz, könne sich mit den Vorschlägen „nicht anfreunden“.

Das Bauchgrimmen von FDP und SPD konnte CDU-Sprecher Ferdinand Corsten wirksam heilen. „Wir brauchen die Versuchsstrecke“, meinte er. Für CDU und den Koalitionspartner Grüne schlug Corsten vor, der Umweltausschuss solle sich beim nächtlichen Tempo 30 nicht auf eine Straße festlegen. Er solle beschließen, „in einer zweispurigen Straße mit hoher Anwohnerdichte bei einer Laufzeit von maximal zwei Jahren“ nachts Tempo 30 auszuprobieren. Das könne zum Beispiel auch in der Alt-Haarener-Straße geschehen. Die genaue Straße müsse der Mobilitätsausschuss bestimmen. Die Erkenntnisse müssten ausgewertet, danach weitere Schritte neu überlegt werden.

Unter dieser Voraussetzung gab es ein einstimmiges Ja zum Lärmaktionsplan. Gegen den dann aber doch noch leicht gerüffelt wurde. Der Grüne Jochen Luczak: „Lärmaktionsplan! Der Name ist falsch! Beim Fußball das Tröten, das ist eine Aktion, die tollen Lärm machen soll. So etwas ist von uns nicht gemeint. Wir sollten deshalb besser sagen: Lärmschutzplan.“ Ringsum allgemein zustimmendes Schmunzeln.

Als Grundlage für den Lärmschutzplan, hat der Fachbereich Umwelt für das Stadtgebiet Lärmkarten ermittelt. Lärmbelästigungen von Kfz-, Bahn- und Gewerbelärm wurden erfasst. Die Karten zeigen, welche Bereiche Belästigungen für die Bürger darstellen und wie viele Einwohner von Lärm direkt betroffen sind. Die Daten lauten: „15 Prozent der Einwohner, rund 37000 Einwohner, sind tagsüber Lärmemissionen oberhalb von 65 Dezibel ausgesetzt, die eine Gesundheitsgefährdung darstellen oder die eine gesundheitliche Beeinträchtigung nach sich ziehen können. 39 Prozent (96 200 Einwohner) sind hohen Lärmbelastungen während der Nachtstunden von 22 und 6 Uhr ausgesetzt mit teilweise erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen auf das nächtliche Ruhe- und Erholungsbedürfnis.“

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