Nach gelösten Schieferplatten: Schutznetz fürs Marschiertor Aachen

Marschiertor : Mehr als 1200 Quadratmeter Netz sichern das Dach

Die Karabinerhaken an seinem Sicherheitsgurt braucht Simon Neudert in diesem Fall nur selten. Das Dach darf er nämlich gar nicht betreten. Dafür sind die Schieferplatten zu sensibel. Sie könnten brechen – und das will am Aachener Marschiertor wirklich niemand riskieren.

Nachdem sich Ende Februar rund 30 Schieferplatten gelöst hatten und eine sogar rund 40 Meter herab auf den Boden gefallen war, lässt die Stadt nun ein Sicherheitsnetz um das erst im vergangenen Jahr aufwendig sanierte Dach spannen. Sollten sich weitere Platten lösen, soll damit verhindert werden, dass diese eine Gefährdung für Passanten darstellen. Auszuschließen sei das nämlich nicht, sagt Engelbert Chaumet, Architekt im Gebäudemanagement der Stadt Aachen. „Die erste Einschätzung der Gutachter war, dass weitere Schieferplatten abrutschen könnten.“

Für Simon Neudert und seinen Mitarbeiter von der Kölner Firma Meeco geht es deshalb seit Montag hoch hinaus. Von einer Hubarbeitsbühne aus spannen die Industriekletterer, die sich auf Fassadensicherung spezialisiert haben, ein Kunststoffnetz ums Dach. Rund 1200 Quadratmeter Material hat Neudert für die insgesamt 860 Quadratmeter Dachfläche bestellt. Ende der Woche dürfte er allerdings etwas mehr der reißfesten Maschen verlegt haben als ursprünglich gedacht, prognostiziert er. Es ist eine langwierige und auch komplizierte Arbeit: Erst wird das Netz ausgelegt, dann an die Dachflucht angepasst, an Haken fixiert und anschließend gespannt – und all das, ohne auch nur einen Fuß aufs Dach zu setzen.

Läuft alles nach Plan, sollen mit Abschluss der Arbeiten Ende der Woche auch die Absperrungen, die die Stadt als erste Sicherheitsmaßnahme rund um das Marschiertor errichtet hat, entfernt werden. Wann das Dach mit seinen 55.000 neuen Dachschindeln wieder ohne Netzabdeckung zu sehen sein wird, ist indes noch völlig offen. Das hänge vom Gutachten der Sachverständigen ab, die die Stadt Aachen beauftragt hat, berichtet Chaumet.

Die sichteten zurzeit noch die Unterlagen. Unklar ist, ob die gelösten Schieferplatten womöglich das Ergebnis von Planungsfehlern, Ausführungsfehlern oder auch Materialmängeln sind. Oder ob es sich angesichts der schweren Stürme der vergangenen Monate um eine Form von „höherer Gewalt“ handelt. Je nach Ergebnis steht dann die Frage aus, ob etwa das Thüringer Unternehmen, das im Auftrag der Stadt für rund 880.000 Euro das Dach saniert hat, auf eigene Kosten nachbessern muss. In etwa vier Wochen sei mit dem Ergebnis zu rechnen. Die Errichtung des Sicherheitsnetzes muss die Stadt jedenfalls nicht bezahlen, berichtet Chaumet. Lediglich für den Bericht der Sachverständigen kommen auf die Stadt Mehrkosten von aktuell rund 6500 Euro zu.

Dass sich einzelne Schindeln angesichts wechselnder Temperaturen und Feuchtigkeit lösen können, bestätigt auch Dietmar Steinmetz, Obermeister der Dachdecker-Innung der Städteregion Aachen. Ohne die Arbeit der Sachverständigen vorweg nehmen zu wollen, hat er jedoch seine eigene Theorie, warum am Marschiertor nachgebessert werden muss: „Es ist nicht unüblich, dass an einem Schieferdach Schieferplatten defekt werden und sich lösen. Aber die Häufigkeit der defekten Platten lässt in diesem Fall eher auf einen Verarbeitungsfehler schließen.“

Mehr von Aachener Nachrichten