Aachen: Nach fast 75 Jahren schließt die Firma Rothe Erde Karl G. Schmidt

Aachen: Nach fast 75 Jahren schließt die Firma Rothe Erde Karl G. Schmidt

Als Jesse Owens 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin zu seinen Siegen stürmte, da tat er das auf Asche aus Aachen. Die Belieferung des Olympiastadions war der erste Auftrag für Karl G. Schmidt, der kurz zuvor seine gleichnamige Firma gegründet hatte und in den folgenden Jahrzehnten halb Europa mit roter Erde aus Rothe Erde belieferte.

Jetzt geht die Geschichte des traditionsreichen Unternehmens zu Ende, der Pachtvertrag mit der Stadt ist beendet worden, die Werkshalle und die große Waage sind schon abgebaut. Geschäftsführerin Doris Schmidt: „Es ist sehr, sehr traurig, dass man aufhören muss, obwohl die Geschäfte noch gut laufen.”

Allerdings sah sie keine Alternative mehr. Dies deswegen, weil die Bezirksregierung in Köln den Bau einer Entstaubungsanlage verfügt hatte. Die hätte rund eine Million Euro gekostet, eine Investition, die sich nicht gerechnet hätte bei den geltenden Vertragsbedingungen mit ihren kurzen Kündigungsfristen. Doris Schmidt: „Bei einer möglichen Kündigung durch die Stadt innerhalb der nächsten anderthalb Jahre ist eine solche Investition für jeden Unternehmer wirtschaftlich nicht vertretbar.”

Dass ökologische Gesichtspunkte zunehmend eine Rolle spielen würden bei der Verwertung der roten Erde, war absehbar: Lag der Betrieb Ende der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts noch am Rand der Stadt, so ist er längst von Wohnbebauung umgeben (das Areal befindet sich zwischen dem Madrider Ring und der Albert-Maas-Straße, hinter dem Stadtbetrieb). An die Auflagen und alle DIN-Normen habe man sich in den vergangenen 30 Jahren immer akribisch gehalten, wird betont, die RWTH habe regelmäßig auf seine Umweltverträglichkeit überprüft.

Die Geschäftsidee der Firma Schmidt: aus Abfall ein begehrtes Produkt machen. Auf Rothe Erde stand jahrelang ein riesiges Hüttenwerk, das ebenso gewaltige Schlackenhalden produzierte. Das Material fiel nicht nur durch die Farbe auf, sondern zeichnete sich auch durch Wasserdurchlässigkeit aus, was es denkbar geeignet machte für seine spätere Verwendung. Der Firmengründer kaufte die Schlacke von der Stadt, bereitete sie auf und veräußerte sie als Tennenbelag für Sportplätze.

Im Laufe der Jahrzehnte dürften mehrere Millionen Tonnen den Betrieb in Forst verlassen haben; „in guten Jahren” waren es bis zu 130.000 Tonnen, zuletzt hatte sich die jährliche Produktion bei 35.000 bis 40.000 Tonnen eingepegelt. Wovon der größte Teil aus Belgien zugekauft wurde, weil die Bestände vor Ort weitgehend erschöpft waren. Allerdings wurde immer ordentlich beigemischt, denn ansonsten hätte man die eingeführte Bezeichnung „Aachener Rothe Erde” nicht so ohne weiteres im Firmennamen führen können.

In alle Welt

Zu den Glanzzeiten des Unternehmens gingen die Fuhren aus Aachen in alle Welt hinaus. So war man nach Berlin auch Lieferant bei den Olympischen Spielen in Stockholm und München (dort wurden allerdings lediglich die Außenplätze mit dem roten Belag versorgt). Unzählige Sportplätze wurden - weil es natürlich billiger kam, als Rasen zu verwenden - mit Asche ausgestattet, doch dann schlug die Stunde des Kunstrasens.

Die Nachfrage stagnierte, die Firma schrumpfte. Am Ende gehörten noch sechs Mitarbeiter zur Belegschaft, die zum Teil seit 40 Jahren dabei waren. Für Doris Schmidt ist die Betriebsschließung denn auch ein schwerer Schlag, noch mehr für ihre 90-jährige Mutter, die ebenfalls Geschäftsführerin ist und den Betrieb von Beginn an mitaufgebaut hat.

Dem Aachener Stadtbetrieb mit seinen 640 Beschäftigten und 200 (Groß-)Fahrzeugen kommt die Entwicklung sehr zupass. Schon immer hatte man das benachbarte Haldengelände als Reservefläche im Auge. Der stellvertretende Leiter Peter Maier: „Bei uns ist alles zu eng geworden, wir sind mit den Kapazitäten am Ende.”

Was genau nebenan entstehen soll, soll nun Gegenstand einer „vernünftigen Planung” werden. Eins scheint aber schon sicher zu sein: Was die Lagerung von Streusalz angeht, soll es künftig „besser und effektiver” zugehen. Das, so heißt es im Stadtbetrieb, sei schon vor dem Schreckenswinter 2010 beschlossen worden.