Aachen: Nach 34 Jahren der Stadtpuppenbühne Öcher Schängche Adieu gesagt

Aachen : Nach 34 Jahren der Stadtpuppenbühne Öcher Schängche Adieu gesagt

Beide sind sie waschechte „Öcher Mäddcher“, fröhlich, charmant, bodenständig und vor allen Dingen nicht auf den Mund gefallen — die Stabpuppe Jretchen und ihr menschliches Alter Ego, die Puppenspielerin Hildegard Barner. Fast 34 Jahre lang hat Hildegard Barner das Jretchen als Stammpuppe in der Stadtpuppenbühne Öcher Schängche gespielt. Jetzt ist damit Schluss.

Mit einem lachendem und einem weinenden Auge hat Hildegard Barner der Stadtpuppenbühne vor kurzem als Puppenspielerin endgültig „Adieu“ gesagt.

Das Jretchen hält jung

Das Jretchen habe sie immer jung gehalten, erzählt die 63-jährige Barner, die bis Mitte vergangenen Jahres als Leiterin der „Kontaktstelle für neue Wohnformen“ beim städtischen Fachbereich Wohnen, Soziales und Integration beschäftigt war. „Bei der Puppenbühne musste ich mit dem Jretchen für immer die jugendliche Liebhaberin bleiben. Denn das Jretchen und das Schängche sind seit 90 Jahren verlobt — aber immer noch nicht verheiratet“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Sozusagen „übernommen“ habe sie das Jretchen von Alma Straten und sagt: „Anfangs habe ich die Puppe immer noch genauso gespielt wie sie es getan hat. Aber irgendwann, da war das Jretchen dann ich selbst…“

Es sei für sie ein Glücksfall gewesen, erinnert sich Hildegard Barner, als Otto Trebels, Leiter der Stadtpuppenbühne und Kollege in der Stadtverwaltung, sie Mitte der 80er Jahre fragte, ob sie sich vorstellen könnte, mit ihm und anderen Kollegen in der Puppenbühne zu spielen. „Erst habe ich gezweifelt, ob ich so etwas überhaupt kann, dann habe ich ‚ja‘ gesagt und bin letztendlich über 30 Jahre nicht mehr von der Puppenbühne losgekommen“, erzählt die lebhafte Pensionärin.

Verständlich, denn das Puppenspiel war neben aller Freude, die es mit sich brachte, durchaus zeitaufwändig: Dienstags und donnerstags wurde geprobt, mittwochs gab es Schulvorstellungen und sonntags stand Hildegard Barner endlich auf der Bühne des „Öcher Schängche“ in der Barockfabrik am Löhergraben.

Beinah legendär ist in diesem Zusammenhang ein Zitat von Barners früh verstorbenem Mann Peter, der sie mit seiner Aussage „Mach nur, was Dir Spaß macht. Dann lerne ich eben kochen“ geradezu in die Arme des Schängche trieb… Gespielt, gesprochen und gesungen hat Hildegard Barner bei der Puppenbühne aber nicht nur das Jretchen, sondern auch Schängchens Tant Hazzor, Prinzessinnen, Tiere jeder Art und manchmal sogar den Teufel Pestilures. „Als kleines Mädchen, so Anfang der 60er Jahre, als meine Mutter mich noch mit in die Puppenbühne genommen habe, da war der Nieres, der beste Freund vom Schängche, mein absoluter Favorit“, wirft sie einen Blick zurück.Und ergänzt: „Weil der so komisch war…“

So ganz nebenbei, wie alle anderen Puppenspieler auch, hat sie dazu in den Vorstellungen „gedonnert“, Dampf gemacht, Kulissen gefahren — halt alles das gemacht, was bei den Vorstellungen an Arbeit ganz „nebenher“ anfiel. Und verschiedene Stücke für das Öcher Schängche hat Hildegard Barner ebenfalls geschrieben.

Unter dem Pseudonym „Adele“ verfasste die zweifache Thouet-Mundart- Preisträgerin (1986 gemeinsam mit der Puppenbühne und 1989 in eigener Person) zahlreiche Gedichte in Öcher Platt. Eines davon ist eine wunderschöne Liebeserklärung an ihr „Laache Pöppche“, ihr Jretchen: „Ich han e laache Pöppche, hat Jledder mär uus Holz. Joehn ich met höm noeh vöre, da jeäht het mit - janz stolz.Treck ich der Ärm noeh henge, da maaht‘et mich dat noeh. Än lenn ich da ming Stemm höm, sätt het: „Jetz ben ich doe!“ Het es mi laache Pöppche, mär för Pläsier jemaaht. Met höme kann ich net kriesche, weil si Jesech - dat laaht.“

Abschied fällt schwer

Der Abschied von der Puppenbühne fällt Hildegard Barner schwer. „Aber die Zeit ist jetzt einfach reif dazu“, lächelt sie und freut sich irgendwie dann doch auf zukünftige Reisen, auf das Pflegen von alten und neue Freundschaften, auf die vielen Bücher, die sie noch lesen möchte und vielleicht das Schreiben neuer Gedichte. Und so ganz hat Hildegard Barner das Öcher Schängche sowieso nicht verlassen.

Der Kontakt zu den anderen Puppenspielern ist natürlich noch da, nach wie vor ist sie Mitglied im Förderkreis der Puppenbühne. Zur Karnevalsvorstellung in der Barockfabrik „Öcher fiere met et Schängche Fastelovvend“ saß Hildegard Barner übrigens zum ersten Mal seit über 30 Jahren im Publikum und sagt: „Das war toll, endlich konnte ich einmal richtig mitfeiern.“

(red)
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